Auf Rettungsmission (von links): Andi Brändle, Petra Stehle, Daniela Brändle und Alina Seiler. Foto: Sophie Holzäpfel

Im Frühling wandern die Kröten. Viele überleben die Reise allerdings nicht. Der Verein „Lebenswert“ mit Sitz in Haigerloch setzt sich ins Binsdorf für die Rettung der Tiere ein.

Sie treffen sich in der Erlaheimer Straße, um Leben zu retten. Ein Auto rast vorüber. Am Feldrand rollen Petra Stehle und Daniela Brändle eine grüne Plastikplane auf. Sie tragen Gummistiefel und Warnwesten. Der Wind zerrt unerbittlich daran, die Kälte kriecht in die Hände. „Heute ist es zu kalt für die Kröten“, bemerkt Stehle. In den vergangenen fünf Wochen ist kein Abend vergangen, an dem die Tierschützer des Vereins „Lebenswert“ nicht stundenlang unterwegs waren, um die wandernden Erdkröten zu retten.

 

Dieses Jahr habe die Wanderung über die Felder in Richtung Löschteich früher begonnen als üblich, so Stehle. Das milde, leicht feuchte Wetter lockte die Tiere aus ihren Winterquartieren. „Je wärmer und feuchter, desto mehr Köten.“ Getrieben von ihrem Instinkt machen sie sich auf den Weg zu Gewässern, um zu laichen – selbst wenn sie dafür gefährliche Straßen überqueren müssen.

Die Krötenwanderung sichere den Fortbestand der Art, indem die Tiere zu ihren Ursprungsgewässern zurückkehren, um Eier abzulegen. „Letztes Jahr haben wir rund 180 Kröten gerettet, dieses Jahr nach jetziger Zählung schon 253“, sagt Stehle.

Wichtig für das Ökosystem

Die Zählung sei deshalb so wichtig, weil sie zeigt, wie stark die Wanderung tatsächlich ist – und ob Schutzmaßnahmen durch das Landratsamt überhaupt in Betracht gezogen werden.

Durch den Zaun vom NABU werden die Tiere von der Straße weggeleitet. Vom Feldrand auf die andere Seite, zum Teich, tragen sie die Helfer. Dabei ist die richtige Technik gefragt: „Wir gehen mit zwei Fingern unter die Kröte, sie wehren sich eigentlich nicht dagegen“, sagt Andi Brändle. Fast so, als könnten sie spüren, dass es Teil der Rettungsaktion ist. Wichtig sei es, die Kröte dann waagrecht abzusetzen.

Es gibt Gebiete, in denen es kein rettendes Zaunsystem und keine Helfer gibt. Immer wieder werden die Tiere dann überfahren. „Wenn wir sie nicht retten würden, wäre das hier ein Massengrab“, bemerkt Brändle.

Eine bunte gemischte Truppe

Ihre Initialzündung für die Rettungsaktion war der Anblick vieler toter Kröten an dem Straßenabschnitt in Binsdorf, so Stehle. Der Anblick habe sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. „Ich wusste: Da müssen wir was machen.“ Elf Tierschützer sprechen sich dafür in einer WhatsApp-Gruppe ab. Die Altersspanne der Vereinsmitglieder reicht von Mitte 20 bis über 80.

Für Stehle und ihre Mitstreiter steht vor allem eines im Mittelpunkt: das Wohl der Tiere. Doch Erdkröten sind nicht nur schützenswert – sie erfüllen auch eine wichtige Funktion im Ökosystem.

Autos sind eine tödliche Gefahr

Sie ernähren sich von Insekten, Schnecken und anderen Kleintieren und helfen so, deren Bestände zu regulieren. Zugleich dienen sie selbst als Nahrung für Vögel und Igel. „Im Endeffekt ist ihr größter Feind aber der Mensch“, bemerkt Daniela Brändle.

Viele Wälder wurden abgeholzt, Teiche zugeschüttet, Flächen für Landwirtschaft, Städte und Straßen genutzt. Lebensräume verschwinden, Wanderwege werden unterbrochen, und auf den Straßen lauern Autos als tödliche Gefahr. Die Folge: Immer weniger Kröten schaffen es zu ihren Laichgewässern, ihre Bestände gehen zurück. Für die Tierschützer ist das kein abstraktes Problem: Jeder gerettete Molch, jede Kröte sei ein kleiner Erfolg, so Andi Brändle. „Wir retten hier jeden Abend Leben.“

Jeder Schutz zählt

Doch nicht nur Straßen und fehlende Lebensräume setzen den Kröten zu – auch ihr Paarungsverhalten birgt Gefahren. Bei der Wanderung zeigt sich ein auffälliges Muster: Es gibt deutlich mehr Männchen als Weibchen, sagt Stehle. Die Männchen seien eifrig, ja, manchmal zu eifrig.

Alina Seiler, die seit Januar Vereinsmitglied ist, hat eine Woche zuvor ein Weibchen gerettet, das von sieben Männchen gleichzeitig „umworben“ wurde. „Es hat geschrien und wäre im Teich untergegangen, wenn wir nicht eingeschritten wären.“ Seiler ist bereits seit Jahren im ausländischen Tierschutz aktiv: „Mir war es wichtig, mich auch vor Ort zu engagieren. So bin ich auf „Lebenswert“ gestoßen. Ich finde es einfach toll, was der Verein macht.“

Schranke wäre gut

Die Vereinsmitglieder wünschen sich, dass während der Wanderzeit eine Schranke die Straße sperrt und Warnschilder Autofahrer auf die Kröten aufmerksam machen. „Jeder zusätzliche Schutz zählt“, betont Stehle. So könne man dafür sorgen, dass möglichst viele Tiere unversehrt zu ihren Laichgewässern gelangen.

Eine ähnliche Regelung gibt es schon andernorts: Zwischen Wachendorf und Trillfingen wird die Straße in den Abend‑ und Nachtstunden der Amphibienwanderung vorsorglich gesperrt, um die Tiere vor dem Verkehr zu schützen. Der Verein sei bereits mit der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamts im Gespräch, so Stehle.

Daniela Brändle beschreibt das Gefühl, die Tiere in Sicherheit gebracht zu haben und ihre Rufe im Löschteich zu hören, als etwas „Unbeschreibliches“. Für sie und den Verein „Lebenswert“ ist jede geglückte Rettung ein Beweis dafür, dass Engagement vor Ort etwas bewirken kann.