In der kroatischen Hauptstadt Zagreb stehen Menschen für einen Covid-Test an. Foto: Imago/Zeljko Lukunic

In Serbien, Kroatien und anderen Ländern des Balkans schnellen die Infektionszahlen nach oben. Omikron legt die Schwächen der Gesundheitsdienste bloß. Ärzte und Schwestern arbeiten lieber in Deutschland.

Belgrad - Mit unsicherem Schritt stakst eine Rentnerin in Serbiens Hauptstadt Belgrad vor der Covid-Ambulanz im Stadtteil Vracar über den vereisten Asphalt. Seit den frühen Morgenstunden habe sie auf die Blutabnahme für den Covid-Test gewartet, seufzt sie hinter ihrer geblümten Gesichtsmaske: „Nun soll ich mich fürs Röntgen anstellen. Aber ich kann einfach nicht mehr: Ich gehe nach Hause.“

 

Kein Einzelfall. Vor den staatlichen Covid-Ambulanzen in dem Balkanstaat stehen sich seit dem Jahreswechsel viele Infizierte und Erkrankte bei eisigen Temperaturen die Beine in den Bauch: Am Freitag ist in Belgrad ein vor der Ambulanz auf seinen Test wartender Mann gestorben, der zweite Tote innerhalb einer Woche.

Serbien erkennt Test von privaten Laboren nicht an

Omikron treibt die Corona-Warteschlangen zum Maximum“, titelt die Zeitung „Danas“. Es sind nicht nur steigende Infektionszahlen, sondern auch bürokratische Gründe, die zu dem Andrang vor den staatlichen Testzentren führen. „Ohne den Test kann ich mich nicht behandeln lassen“, sagt eine junge Frau vor der Ambulanz im Belgrader Stadtteil Zvezdara. Weil Gentests von Privatlaboren vom Staat nicht anerkannt werden, müssen zur Ausstellung von Covid-Zertifikaten auch privat bereits positiv Getestete und leicht Erkrankte zur Bestätigung des ihnen bekannten Befunds das Warten in der Kälte auf sich nehmen.

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„Mir ist kalt, und ich bin krank – wie die meisten hier“, klagt eine mit einer schwarzen Maske vermummte Frau. „Welches Genie hat sich das ausgedacht?“, fragt sich erbost das Belgrader Webportal Nova.rs: „Die Leute sterben buchstäblich in der Warteschlage für den Coronatest.“

Das Interesse an Impfungen lässt nach

Auf dem Balkan jagt die Omikron-Variante die Infektionszahlen in Rekordhöhen. In Serbien ist die 7-Tage-Inzidenz auf 973 geklettert, im benachbarten Kroatien auf 1190, in Slowenien auf 1607 und in Montenegro sogar auf 2340. Viele Leute sind noch immer nicht geimpft. Seit Juni seien in Kroatien 5000 Ungeimpfte an einer Covid-Infektion verstorben, klagt in Zagreb Gesundheitsminister Vili Beros: „Sie hätten sich mit einer Impfung schützen können. Doch das Interesse an den Impfungen sinkt.“

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Zwar fordert die Omikron-Variante auch auf dem Balkan einen wesentlich geringeren Todeszoll als Delta: Nur 1,5 bis zwei Prozent der Infizierten müssen derzeit in Serbien klinisch behandelt werden. Doch die galoppierenden Infektionszahlen führen zwangsläufig auch zu wachsendem Druck in den Covid-Kliniken: Omikron legt die Schwächen des Gesundheitssystems gnadenlos bloß.

Ärzte und Schwestern arbeiten lieber in Deutschland

Seit Beginn der Pandemie investiert Belgrad zwar vermehrt in den Bau und die Modernisierung von Krankenhäusern. Doch den Kliniken machen Personalsorgen zu schaffen. Im Frühjahr soll im Klinischen Zentrum Serbien in Belgrad ein neuer Komplex mit 1000 Betten eröffnet werden.

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Wie die dafür geschaffenen Stellen besetzt werden sollen – außer durch den Abzug von Personal aus anderen Abteilungen – ist völlig ungewiss. Es gebe niemanden, der in dem neuen Komplex arbeiten könne, zitiert das Webportal Nova eine anonyme Krankenschwester: „Alle sind in Deutschland. Ich habe in den letzten Jahren Hunderte von Kollegen verabschiedet.“ Auch im Nachbarland Kroatien ist das größte Problem der Mangel an Krankenschwestern, wie Gesundheitsminister Beros kürzlich erklärte.

Silvesterpartys verbreiten das Omikron-Virus

Zu schaffen macht den Epidemiologen in Serbien, dass ihre Ratschläge kaum mehr gehört werden. Trotz Warnungen wurde der Jahreswechsel in fast allen Großstädten mit öffentlichen Konzerten auf den Straßen und in den Clubs fast ohne Auflagen gefeiert. Von „einer der größten Silvesterpartys in Europa“ und „einem Spektakel, wie es Belgrad noch nie erlebt hat“, schwärmte hernach der Belgrader Stadtmanager Goran Vesic.

Diese Silvesterfeiern entpuppen sich nun als Omikron-Schleudern: Seit Jahresbeginn schießt die Zahl der Neuinfektionen in Serbien nach oben. Die jugendlichen Partygänger seien dabei selbst kaum für die Corona-Explosion verantwortlich zu machen, sagt Mila Paunovic, Epidemiologin an der Studentischen Klinik in Belgrad: „Wenn es die Konzerte nicht gegeben hätte, wären die Leute auch nicht hingegangen. Deren Genehmigung stand im Widerspruch zu allen epidemiologischen Erkenntnissen.“

Impfmuffel in Südosteuropa

Serbien
Die sowieso sehr niedrigen Impfquoten in den Ländern Südosteuropas werden nicht höher. In Serbien verharrt der Anteil derer, die vollständig geimpft worden sind, nahezu unbeweglich seit Wochen bei 46 Prozent der Bevölkerung – weit unter dem EU-Mittel von 70 Prozent.

Kroatien
Bei Serbiens Nachbarn sieht es nicht besser aus. In Kroatien liegt die Impfquote bei 53, in Bulgarien bei 28 und in Bosnien und Herzegowina bei 22 Prozent.