Corona fordert in Serbien, Kroatien, Rumänien und anderen einst kommunistischen Staaten viele Tote. Die Leute lassen sich nicht impfen. Schuld sind auch Rechtsradikale, Kirche und populistische Politiker.
Budapest/Belgrad - Für die Festtage schwant Ungarns Ärzten wenig Gutes. „Die Epidemie wütet, die Notaufnahmen ertrinken in Patienten“, lässt die Ärztekammer die Alarmglocken schrillen: „Es wird für viele Familien ein trauriges Weihnachten, wenn wir den Anstieg nicht bremsen.“
Danach sieht es im Südosten Europas nicht aus. Egal, ob die vierte Welle der Pandemie wie in Ungarn (7-Tage-Inzidenz: 735), Kroatien (795) oder der Slowakei (1431) erst so richtig an Fahrt gewinnt, wie in Slowenien (785) nun ihren Höhepunkt erreicht und überschritten hat oder wie in Serbien (191) vorläufig wieder am Abklingen ist: Auf der Europakarte sind die meisten Staaten der Region seit Wochen tiefrot gefärbt.
Völlig überfüllte Covid-Kliniken
Noch auffälliger ist der hohe Todeszoll, den die Pandemie auf dem Balkan fordert. Unter den weltweit zehn Staaten mit der höchsten Zahl von Coronatoten pro 100 000 Einwohnern finden sich mit Bulgarien (2.), Bosnien und Herzegowina (3.), Montenegro (4.), Nordmazedonien (5.), Ungarn (6.), Tschechien (7.) und Rumänien (9.) nicht weniger als sieben Länder der Region. Den Kaukasusstaat Georgien (8.) eingerechnet, sind acht der zehn Staaten mit den höchsten Todesraten der Welt aus den früher kommunistischen Ländern Europas.
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Kam der Balkan in der ersten Welle der Pandemie im Vergleich zu Italien oder Spanien im Frühjahr 2020 relativ ungeschoren davon, ist der Tod ist in den völlig überfüllten Covid-Kliniken auf dem Balkan heute Dauergast. Allein Rumänien zählte im Oktober offiziell 10 700 Coronatote – in einem Monat.
Überall sind die Impfquoten sehr niedrig
Was sind die Ursachen? Eine Antwort bietet der Blick auf Rumäniens detaillierte Aufschlüsselung der Todeszahlen: Rund 70 Prozent der Infizierten und rund 90 Prozent der Coronatoten sind den Behördenangaben zufolge Ungeimpfte.
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Tatsächlich korrespondieren die hohe Sterberaten auffällig mit der hohen Impfskepsis und den sehr geringen Impfquoten. Nur 22 Prozent der Bosnier, 25,3 Prozent der Bulgaren, 37,9 Prozent der Mazedonier und 38,3 Prozent der Rumänen sind vollständig geimpft – weit unter dem EU-Durchschnitt von 67,03 Prozent.
Wenig Vertrauen in den Staat und seine Vertreter
Selbst bei den Nachbarn Serbien (45 Prozent) und Ungarn (60,6 Prozent), die sich wegen der frühen Versorgung mit chinesischen Sinopharm-Impfstoff und russischen Sputnik-Serum zu Jahresbeginn noch als Europas Impfvorreiter feierten, steigen die Impfquoten kaum mehr. Es ist keineswegs mehr der Mangel an Impfstoff, der den Südosten bei den Schutzimpfungen weit hinterher sinken lässt. Das Vertrauen in den eigenen Staat, die politisch Verantwortlichen und gesellschaftlichen Institutionen ist auf dem Balkan aus leidvoller Erfahrung traditionell sehr gering. Zugleich sitzt die Impfskepsis tief in dieser Region der leidenschaftlich gepflegten Verschwörungstheorien und eifrig konsultierten Quacksalber. Über die rückläufige Bereitschaft der Eltern, ihre Kinder vorsorglich impfen zu lassen, klagen Epidemiologen in der Region schon seit Jahren.
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Dieser Skepsis in der Bevölkerung geben sehr starke, zum Teil von kirchlichen und rechtsextremen Gruppierungen gestärkte Anti-Impf-Bewegungen Nahrung sowie opportunistische und wenig konsequente Entscheidungsträger. Deren Sorge um die Wiederwahl, die Rücksicht auf die starke Gastronomie- und Tourismuslobby sowie die Furcht vor erneuten Wachstumsdellen erweisen sich im zweiten Coronajahr stärker als die Warnung der Epidemiologen.
Politiker scheuen unpopuläre Maßnahmen
Von Slowenien bis Rumänien: Der Versuchung, die Epidemie wählerwirksam, aber verfrüht für besiegt zu erklären, konnte auch in Südosteuropa kaum ein politisch Verantwortlicher widerstehen. Kurskorrekturen und schärfere Präventivmaßnahmen wurden oft nur zögerlich und viel zu spät beschlossen. So rang sich Ungarns Regierung erst im November zur Wiedereinführung der Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr und in geschlossenen Räumen durch. Nur um ihre „eigene Leistung zu loben“, habe Budapest die kostengünstigste Schutzmaßnahme für vier Monate ausgesetzt und die „Tragödie unserer verstorbenen Landsleute“ ignoriert, ärgert sich die Zeitung „Nepszava“.
Der offenen Auseinandersetzung mit der großen Gruppe von Impfgegnern gehen viele Politiker aus wahltaktischen Gründen aus dem Weg: Denn Impfgegner sind potenzielle Wähler. In Serbien treten bekennende Impfgegner wie der umstrittene Lungenfacharzt Branimir Nestorovic regelmäßig in regierungsnahen Fernsehsendern auf. Bei der jüngsten Großdemonstration von Impfgegnern im kroatischen Zagreb am vergangenen Wochenende marschierten Rechtsextremisten in Kolonnen auf. Entsetzt sprach das Webportal „index.hr von einer „paramilitärischen Formation“.
Ungarn verfüge über genügend Impfserumreserven nicht für die dritten, sondern auch für vierte Auffrischimpfungen, ruft Premier Viktor Orban währenddessen seine Landsleute spät, aber eindringlich zur Immunisierung auf: „Ungarn ist mitten in der vierten Welle. Und das Schwerste steht uns noch bevor.“
Lichtblick in Slowenien
Inzidenz
In Slowenien liegt die 7-Tage-Inzidenz bei 785. Zumindest hier scheint damit die vierte Welle ihren Gipfel überschritten zu haben. Einen Grund zur Entspannung sieht der Gesundheitsminister Janez Poklukar allerdings noch keineswegs: Wenn die Impfquote nicht erhöht und die Präventivmaßnahmen nicht strikt angewendet würden, werde es „im Februar zu einer fünften Welle kommen“.