Yael Amling und Magrit Weinmann-Mayer im Spielzimmer der Balinger Praxis Foto: Sophie Holzäpfel

Die Forderung nach einem Social-Media-Verbot für Kinder wird lauter. Zwei Therapeutinnen halten diesen Ansatz für zu kurz gegriffen.

Feiner Sand rieselt durch Magrit Weinmann-Mayers Finger. Im Regal hinter ihr stehen hunderte Figuren, Menschen und Tiere im Miniaturformat. In der Sandspieltherapie gestalten Patienten – häufig Kinder, aber auch Erwachsene – mit Sand und Figuren kleine Szenen, in denen innere Erlebnisse, Gefühle und Konflikte sichtbar werden, wie die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Balingen erklärt.

 

Während im Sandkasten innere Bilder Gestalt annehmen, rückt außerhalb der Therapiepraxis ein anderes Thema in den Fokus: der Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen. Die schwarz-rote Koalition im Bund hat die Diskussion neu entfacht. „In unserem Praxisalltag mit den Kindern spielt das Smartphone selten eine Hauptrolle“, sagt Weinmann-Mayers Kollegin Yael Amling. Entscheidend sei vielmehr, was hinter dem Nutzungsverhalten stehe – etwa das Bedürfnis nach Regulation, Halt oder Zugehörigkeit, das im Alltag oft unzureichend erfüllt werde.

Digitale Medien spielen große Rolle

Die beiden Therapeutinnen beobachten, dass viele Kinder in einem Umfeld aufwachsen, in dem digitale Medien eine große Rolle spielen – zunächst im Alltag der Eltern. Dadurch tritt direkte Kommunikation im Familienleben in den Hintergrund. Gleichzeitig lernten Kinder immer seltener, Langeweile, Frust oder Anspannung ohne sofortige Ablenkung auszuhalten, so Amling. Soziale Medien versprechen schnelle Erleichterung. Doch der Effekt halte oft nicht lange an. „Nach der Nutzung ist das Stresslevel häufig sogar höher“, sagt die Therapeutin. Das Handy werde zum Ersatz für etwas anderes. Für etwas, was die Kinder anspreche und was sie mit jemandem teilen können, wenn es auch nur eine Mitteilung über das Handy sei.

„Damit wird versucht, etwas Fehlendes zu ersetzen.“ Häufig beginne es mit sozialer Isolation. „Dann kommt der Kipppunkt.“ Diese Dynamiken haben sich während der Corona-Pandemie noch einmal deutlich verstärkt: Isolation, Streit zu Hause und fehlende Kontakte verstärkten viele psychische Probleme. „Die Folgen merken wir bis heute“, sagt Amling.

Pauschales Verbot „zu kurz gedacht“

Die Koalitionspartner CDU und SPD bringen derzeit ein mögliches Social-Media-Verbot für Unter-14-Jährige in die Debatte ein. Die Therapeutinnen aus Balingen stehen einem Verbot kritisch gegenüber. „Den Schutzgedanken verstehen und befürworten wir, ein pauschales Verbot halten wir jedoch für zu kurz gedacht“, sagt Amling.

Ein Verbot greife zwar die sichtbare Nutzung auf, lasse aber die zugrunde liegenden Ursachen unberührt. Entscheidend sei nicht allein, ob Kinder soziale Medien nutzen, sondern warum sie diese nutzen. Digitale Medien ersetzten oft etwas, das fehle: Ruhe, Ablenkung, Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Diese Bedürfnisse verschwänden nicht durch ein Verbot.

Lebenslanges Lernen

Stattdessen bestehe die Gefahr, dass das eigentliche Problem verlagert werde, ohne es zu lösen. Aus Sicht von Yael Amling braucht es daher weniger eine reine Einschränkung der Nutzung, sondern vielmehr eine stärkere Auseinandersetzung mit den Lebensumständen von Kindern und Jugendlichen – in den Familien, Schulen und im sozialen Umfeld der Kinder und Jugendlichen. Kinder müssen wieder an das Spiel im eigentlichen Sinn herangeführt werden, wieder Freude am Miteinander finden, so die Überzeugung der Therapeutinnen.

„Wir leben in einer Gesellschaft, die Menschen sehr stark in Muster und Schablonen zu pressen versucht“, sagt Weinmann-Mayer. Auffälligkeiten würden oft schnell als Problem markiert, das es zu beseitigen gelte. „Aber Menschen funktionieren nicht nach einem einheitlichen Schema.“ Sie schiebt hinterher: „Es gibt nicht das eine Verhaltensmuster. Therapeutin sein heißt lebenslanges Lernen.“

Ein pauschales Verbot sei letztlich ein weiterer Versuch, ein bestehendes Problem mit einer einheitlichen Lösung zu beantworten, die der Vielschichtigkeit individueller Lebensrealitäten nicht gerecht werde. Ein Verbot treffe nur das Symptom, nicht die Ursache.

Statt eines Verbots brauche es mehr Blick auf den Einzelfall, sagt die Therapeutin. „Warum zieht sich ein Kind ans Handy zurück?“ Die wichtigere Frage sei oft: Was fehlt, wenn der Bildschirm ausgeht?

Miniserie zum Social-Media-Verbot

Sollten soziale Medien
  für Jugendliche stärker eingeschränkt werden? Diese Frage wird derzeit intensiv diskutiert. In einer neuen Serie „Aufwachsen im Netz“ beleuchtet unsere Redaktion das Thema aus verschiedenen Perspektiven. In den kommenden Wochen sprechen wir dazu unter anderem mit Schulsozialarbeiterinnen, Lehrern, Jugendlichen und Juristen aus der Region.