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Kritik an Corona-Regeln Frust an der GMS Neubulach wächst

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Auch an der GMS Neubulach muss man sich tagtäglich mit den neuen Corona-Regeln herumschlagen. Foto: Archiv/Fritsch

Das Wirrwarr um die vorverlegten Weihnachtsferien treibt derzeit viele Schulen und Eltern um. So auch an der GMS Neubulach. Wie das Kultusministerium auf die ganze Kritik reagiert, lesen Sie in unserem (SB+)Artikel.

Neubulach - "Mit jeder Entscheidung, die wieder umgeschmissen wird, wächst der Frust." Das ist die Aussage von Michael Bossard. Er ist Elternbeiratsvorsitzender an der Gemeinschaftsschule (GMS) Neubulach. Und auch hier leidet man am Zickzack-Kurs der Landesregierung rund um das Thema vorgezogene Weihnachtsferien.

Ein Blick zurück: In der Bund-Länder-Schalte hatten sich die Ministerpräsidenten und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) darauf verständigt, die Schulferien an Weihnachten zwei Tage vorzuverlegen, um die Kontakte vor den Festtagen zu reduzieren. Am Dienstag der Vorwoche, dem 24. November, verkündete dann Ministerpräsdent Winfried Kretschmann (Grüne), dass man die Ferien in Baden-Württemberg um zwei Tage vorziehen wolle – neuer Starttermin damals: 19. Dezember.

Diese Entscheidung rief schon damals Bedenken bei Dominik Bernhart, Rektor der GMS, hervor. "Bei den Familien sind die Urlaubstage weg", berichtete er damals und fügte mit Blick auf das Betreuungsproblem an: "Man kann die Schüler nicht einfach daheim abstellen ohne Betreuung."

Und überhaupt seien die Schulen kein Treiber der Pandemie, an der GMS hätte erst eine Schülerin einen positiven Testbescheid bekommen, war zu diesem Zeitpunkt aber ohnehin zu Hause – die Infektion hatte also keinerlei Auswirkungen auf den Schulbetrieb in Neubulach.

Die geringe Gefahr bestätigt auf Anfrage unserer Zeitung auch das Kultusministerium. "Die Fachleute aus dem Landesgesundheitsamt und dem Sozialministerium, einschließlich Gesundheitsminister Manne Lucha, haben eindeutig anhand Zahlen und Fakten belegt, dass Schulen keine Hotspots sind und Lehrkräfte kein erhöhtes Risiko haben, sich mit Covid-19 zu infizieren", erklärte Christine Sattler aus der Pressestelle des Ministeriums.

Skepsis bei Bernhart

Man wollte damals die Schulen dennoch früher dicht machen, um den Bürgern zu ermöglichen, in eine "mehrtägige häusliche Selbstquarantäne" zu gehen. Bernhart merkte schon in der Vorwoche kritisch dazu an: "Ob man dann tatsächlich daheim bleibt oder doch lieber auf Shoppingtour geht, steht auf einem ganz anderen Blatt." Daher seien die Schüler seiner Meinung nach in der Schule fast besser aufgehoben, da auch eine Notbetreuung das Infektionsrisiko steigern könne – beispielsweise, indem dann eigentlich strikt getrennte Klassenstufen wieder durchmischt werden.

Kurios: Das Kultusministerium hatte all diese Bedenken intern vorgebracht, jedoch trafen diese wohl nicht auf fruchtbaren Boden innerhalb der Landesregierung. So widerspricht Sprecherin Sattler auch öffentlich dem Ministerpräsidenten, "denn die Entscheidung, die Ferien vorzuziehen, löst neue organisatorische Fragen aus und stellt zahlreiche Eltern vor erhebliche Herausforderungen bei der Kinderbetreuung."

Wie man jetzt seit kurzem weiß, hat sich nun auch die Landesregierung dieser durchaus logischen Argumentation angeschlossen. Doch weshalb hat die Landesregierung zunächst nicht auf die Expertise des Kultusministeriums vertraut und entgegen dessen Rat die Ferien nach vorne gezogen? Auf diese Frage bekommt unsere Zeitung auch nach zwei Tagen keine Antwort vom zuständigen Staatsministerium.

Bossard ist über das Agieren der Verantwortlichen indes mehr als empört, spricht gar von "Rumgeeiere": "Dass das mit der Betreuung ein Problem wird, hätte man vorher wissen können", echauffiert er sich. Die halb gare Lösung, jetzt von Klasse eins bis sieben Präsenzunterricht zu machen, ab Klasse acht allerdings Homeschooling vorzusehen, mindere die Probleme mit der Betreuung nicht ganz. "Klar, im Normalfall kann man die Kinder da schon mal allein daheim lassen. Aber teilweise gibt es auch dabei Probleme", fürchtet er. Abgesehen davon, wisse man ja nicht, was genau passiere, wenn die Inzidenz im Kreis Calw über die kritische Marke von 200 springe – Stichwort Wechselunterricht. Auch hierzu ein Auszug aus der umfassenden Antwort des Kultusministeriums: "Standortbezogen sowie zeitlich befristet kann dann auch ein Wechselunterricht eine Option sein." Ein Automatismus sei das aber nicht, ist Sattler wichtig zu betonen. Außerdem wird diese Entscheidung wieder den lokalen Behörden überlassen: "Diese Maßnahme erfolgt im Einzelfall nach Maßgabe der örtlichen Gesundheitsämter."

Fernunterricht nicht ideal

Seltsam mutet an dieser Angelegenheit Folgendes an: Eigentlich hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) schon am 12. Oktober die Empfehlung ausgesprochen, ab einer Inzidenz von größer 50 den Wechselunterricht einzuleiten. Am 31. Oktober waren dann alle Landkreise in Baden-Württemberg jenseits dieser Grenze. Doch mehr als vier Wochen später sind die Klassenräume immer noch voll.

Hierzu das Kultusministerium: "Ein rollierendes Unterrichtssystem sehen alle Länder kritisch, weil dabei die Gefahr immens ist, Kinder und Jugendliche – insbesondere aus sozial schwächeren Familien – zu verlieren. Studien zeigen, dass der Lernerfolg von Schülern im Präsenzunterricht unter Anleitung von Lehrern mit Abstand am höchsten ist." Im Übrigen sieht das auch Bernhart aus Neubulach so und hat praxisnahe Erfahrungswerte: "Die Betreuung im Fernunterricht geht nur als Kompromisslösung. die Diagnostik ist vor Ort einfach besser." Außerdem starre er ja nicht ständig auf den Bildschirm, sondern sei im Raum unterwegs. Es kann also auch mal vorkommen, dass sich ein Schüler zu Hause meldet am Rechner, der Lehrer sieht das aber erst ein paar Minuten später. Alles nicht sonderlich ideal.

Jetzt soll es aber wie erwähnt möglich sein, die Klassen ab einer 200er-Inzidenz trotz all dieser dann auftretenden Probleme zu teilen. Und das, obwohl sich die grundsätzliche Einschätzung zur Gefährlichkeit der Schulen nicht geändert habe, wie das Ministerium sagt. Zur Frage, weshalb man dann die 50er- und die 200er-Marke faktisch anders bewertet, schweigt sich das Ministerium aus.

Stichwort Schweigen. Das regt auch Bossard maßlos auf: "Die Schulen erfahren solche Änderungen immer aus der Presse", klagt er. Auch Bernhart hat die Rücknahme der Ferienpläne aus dem Radio erfahren. Immerhin sei der Brief der Ministerin am gleichen Tag eingetroffen. Außerdem sei es in diesem Fall mal nicht Freitagnachmittag – ein Fortschritt. "Gut, dass wir noch nichts vorbereitet haben", ist der Schulleiter erleichtert, dass etwaige Betreuungspläne nicht für die Tonne ausgearbeitet worden sind.

Doch wer weiß: Die aktuelle Inzidenz im Kreis Calw liegt bei 200,7 (Stand: 3. Dezember, 12.34 Uhr). Damit ist die magische 200er-Marke gerissen. Was das für den Schulbetrieb in den kommenden Wochen bedeutet, weiß aktuell noch niemand.

Kommentar: Planlos

Es ist beängstigend, welch kurze Halbwertszeit die Pläne und Ankündigungen der Landesregierung haben. Binnen einer Woche kassiert man in Stuttgart die Idee, die Ferien vorzuziehen wieder. Planbarkeit, Verlässlichkeit, gar eine Idee mit Weitblick? Sucht man vergebens. Leidtragende sind die Schulen und Eltern vor Ort, die es ausbaden und irgendwie auf die Schnelle Lösungen suchen müssen. Da ist es verständlich, dass Elternbeirats-Chef Michael Bossard von "Rumgeeiere" spricht. Denn nichts anderes ist es. Schlimmer noch: Die Schulpolitik in Baden-Württemberg wirkt zunehmend ziel- und planlos. Doch der eigentliche Skandal ist, dass die Schulen die Neuigkeiten meist aus der Presse, nicht aber vom Ministerium vorab erfahren. Wäre "Kommunikation" ein Schulfach, wäre die Notengebung für das Ministerium eindeutig: Setzen, Sechs!

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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