Dauerparty der Finanzmetropole Frankfurt: „Aber jetzt mal ehrlich: Wir sind doch alle reicher geworden durch die sogenannte Krise“. Foto: Fotolia

Im Sommer 2007 begann sie als Immobilienkrise in den USA – und weitete sich schnell zur internationalen Wirtschaftskrise aus. Manche haben alles verloren, andere einfach weitergemacht wie früher. Zwei Momentaufnahmen der Krise.

Stuttgart/Frankfurt - Im Sommer 2007 begann sie als Immobilienkrise in den USA – und weitete sich schnell zur internationalen Wirtschaftskrise aus. Manche haben alles verloren, andere einfach weitergemacht wie früher. Zwei Momentaufnahmen der Krise.

Hans, der Rentner

Kleine, weiße Wölkchen wirbeln aus dem Mund des Mannes. Bis hinauf zu dem Bommel auf seiner Wollmütze. Dann verschwinden sie in der Dunkelheit des Wohnwagens. Dorthin, wo das Licht der dicken Kerze nicht mehr hinkommt. Der Schein fällt noch auf den Tisch mit der Schale mit den beiden Orangen, die schon bessere Tage gesehen haben. Auf das vergilbte Bild mit dem jungen Hochzeitspaar. Und auf Hans. Seinen Namen und sein Gesicht will er nicht in der Zeitung sehen. „Mister X“ würde ihm als Name für diese Geschichte gefallen. Dabei heißt er mit Vornamen Hans. Ein Name, der auf der Schwäbischen Alb so oft vorkommt wie die Baummarder. Also gut, Hans.

Bernd, der Banker

Auch dieser Mann möchte seinen Namen nicht veröffentlicht wissen. Er heißt in dieser Geschichte Bernd. „Krise? Ich bitte dich – welche Krise?“, fragt er draußen vor der Tür des Euro Deli. Umgeben von den glitzernden Fassaden der Frankfurter Banken-Hochhäuser wirbeln weiße Wölkchen aus seinem Mund vorbei am Türsteher der Bar. Im Euro Deli treffen sich seit 13 Jahren jeden Dienstag die Banker und Börsenmakler der Stadt zur After-Work-Party. „Aber jetzt mal ehrlich: Wir sind doch alle reicher geworden durch die sogenannte Krise“, sagt Bernd. „Zumindest alle, die hier dienstags feiern. Zumindest ich. Ich bin reicher geworden.“ Bernd ist selbstständig. Mehr möchte er der Kurzzeit-Bekanntschaft beim Rauchen nicht erzählen.

Hans und seine Frau

Sein Leben lang hat Hans malocht. Sich die Finger dreckig gemacht. Als Dreher in einem Betrieb, der Kleinteile für den Daimler herstellt. Und seine Frau, die Liese, hat klug gewirtschaftet. Aus den Resten köstliche Gerichte für den nächsten Tag gezaubert. Und in den Urlaub ging es nur dahin, was mit dem eigenen Golf zu erreichen war. Und „wo man bei privat Quartier bekam“, erzählt er. Denn Liese legte erst jeden Pfennig, dann jeden Cent zur Seite. „Für später, wenn wir alt sind.“

Bernd und seine Frauen

So etwas wie Alter zählt hier nicht. In der Bar im Bankenviertel kommt es auf das Äußere an. Das blonde volle Haar in einer Tolle vom Seitenscheitel an nach hinten geföhnt. Der Anzug, das weiße Hemd, die rote Krawatte und die blonde langhaarige gepflegte Frau, die der Banker locker um die Hüften fasst – all das erinnert an die Werbung für das Barbie-und-Ken-Traumhaus. Eine rosa Welt. In der kein Platz ist für jemanden wie Hans und Liese. Und schon gar nicht für ihr Schicksal.

Hans und die Schulden

Das Altsein hat Liese nicht mehr erlebt. Vor anderthalb Jahren hat „der Krebs sie weggefressen“, sagt Hans und wischt sich verstohlen über die Augen. „Sie hat nicht lange leiden müssen.“ Und Hans hatte dafür gesorgt, dass sie in dem kleinen Häuschen im Stuttgarter Umland bleiben konnten, das sie gemietet hatten. Verschuldet hat er sich dafür. „Der Liese hätte es das Herz gebrochen, wenn sie gewusst hätte, wie es wirklich um uns steht.“

Bernd und die Bar

„Wenn es jemand gemerkt hat, dann doch die in der unteren sozialen Schicht“, sagt Bernd. Er zieht an der Zigarette, wirft sie auf den Boden, geht wieder in die Bar. Auf der Theke sind die Gläser vier langen Frauenbeinen ­gewichen – bewundernd schauen die Partygäste an der netzbestrumpften Haut hoch. Die fast nackten Körper bewegen sich lasziv zur Musik: „Jingle Bells“ in der Elektro-Dance-Version dröhnt aus den Boxen. Die Männer und Frauen wippen zur Musik, wollen noch mehr trinken – die Scheine wandern über die Theke, vorbei an den Schenkeln.

Hans und der Cent

Die Pfennige, die Cent, eines Tages waren sie weg. 37 852,87 Euro. Die hatte Hans vor acht Jahren vom Sparbuch genommen, als er 55 wurde. Als die Politiker viel davon redeten, dass in Deutschland die Menschen länger arbeiten müssten, bis sie in Rente gehen können. Und die Berater in der Bank Hans vorschwärmten, wie viel Geld er machen könnte, wenn er nur ihnen seine Finanzen anvertrauen würde. „Verstanden habe ich nichts, unterschrieben habe ich alles.“ Trotz schärferer Auflagen an Anlageberater fühlen sich Tausende Bankkunden nach wie vor schlecht beraten. Seit Einführung neuer Vorgaben im November 2012 registrierte die oberste Finanzaufsicht Bafin insgesamt 10 679 Anzeigen im Rahmen des Mitarbeiter- und Beschwerderegisters.

Bernd und der Champagner

Die Krise habe man auf der traditionellen Dienstagabend-Party schon gespürt. Matthias ist 40, arbeitet bei der Deutschen Bank und ist von Anfang an dabei. Seit der ersten Party im Jahr 2000. Die Leute, die herkommen, sind noch dieselben, sagt er. „Aber es wird weniger getrunken.“ Die Champagner- und Wodkaflaschen, die früher gefühlt im Minutentakt über den Tresen gingen, stehen heute nur noch vereinzelt auf den Stehtischen vor den feiernden Grüppchen. Dabei gibt es die Flasche Champagner hier schon für etwa 270 Euro.

Hans und die Zocker

Hans wollte einfach nur ein wenig mehr haben als die 1003,47 Euro, die ihm die Rentenberater ausgerechnet hatten. „Mal so richtig mit der Liese in den Urlaub. Nach Mallorca. Oder in die Türkei. Einmal in die Sonne.“ Bis zu dem Tag ein Traum, an dem der Brief von der Bank kam. Die Liese war im Krankenhaus. Der Hans wollte sie besuchen. Und der Kontoauszug teilte mit, dass alles Geld weg war. Verzockt, verspielt, Bankenkrise. „Mir ist schwindelig geworden“, flüstert Hans. Fast unhörbar sagt er: „Aber ich bin ja auch schuld. Ich wollte mehr als die 1,7 Prozent, die ich fürs Sparbuch bekam.“ Mit seiner Liese ist er trotzdem in die Türkei gefahren. 2011. Vier Wochen. Sonne, warmes Meer und Sand für eine Todkranke. Einen Kredit hat Hans extra dafür aufgenommen. Wenn seine Rente kommt, überweist er pünktlich die Raten. Auch, seitdem er auf der Alb im Wohnwagen wohnt. Die Reste seines früheren Lebens passen in den Schrank, der genauso groß ist wie der, in den Hans früher in der Firma seinen Blaumann hing. 285 Euro kostet die Miete für den Wohnwagen. 100 Euro die Gasflasche, aus der abends die Wärme für eine Nacht im Schlafsack und unter drei Decken strömt.

Bernd und die Pelze

Goldene Sterne und goldene Kugeln hängen an diesem Dezember-Tag von der Decke des Euro Deli. Gegen 24 Uhr stehen nur wenige noch still. Das Zucken der Frauenkörper auf der Theke hat die Gäste erfasst. Die letzten werden erst in ein paar Stunden nach Hause gehen. Kurz bevor sie wieder in die gläsernen Türme steigen. Der Mann an der Garderobe, dem Besucher zu Beginn des Abends für einen Euro den Mantel anvertraut haben, sucht in den aneinandergereihten Pelzkrägen nach der richtigen Nummer am Bügel.

Hans und Weihnachten

Im Duschraum des Campingplatzes rasiert sich Hans, duscht und wäscht seine Kleider. „Die trocknen prima draußen, wenn es friert“, sagt der Rentner und lächelt. Auf Drahtbügel hängen drei Hemden. Unten an zwei Klammern, an denen Steine hängen. „So werden die prima glatt, und ich kann mir das Bügeln sparen.“ Tagsüber ist Hans auf Tour. Zehn Kilometer ist die Runde lang, auf der er Pfandflaschen und -dosen einsammelt. Fünf, sechs Euro an guten Tagen. „Meistens genug, damit ich mir davon mein Essen kaufen kann.“ Auch das für Weihnachten: Eine Ente vom Discounter, Knödel und Rotkraut werden auf dem Tisch stehen. Selbst gebrutzelt in der Küchenzeile des Wohnwagens. Den Tisch wird er festlich decken. Mit Tannenzweigen aus dem nahen Wald dekorieren. Und zwei roten Altarkerzen. Und mit einem Glas Sprudelwasser wird er seiner Liese zuprosten, die auf dem Hochzeitsfoto so glücklich strahlt.

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