Noch zehren die Firmen im Wohnungsbau von bisherigen Aufträgen – aber es kommen kaum noch neue herein. Foto: dpa/Boris Roessler

Die Baubranche warnt: Der drastische Einbruch bei den Bauaufträgen wird sich fortsetzen, wenn die Politik nicht gegensteuert.

Die Lage im Wohnungsbau ist desolat. Und im Augenblick gibt es keine Anzeichen, dass die Situation sich bessert. Im Gegenteil: Ein besonders drastischer Einbruch bei den Baugenehmigungen signalisiert, dass sich die Situation in den kommenden Monaten weiter zuspitzen wird. So beschreibt der Verband der Bauwirtschaft in Baden-Württemberg auf seiner Jahrestagung in Künzelsau die Lage. Das Auftragsvolumen im Wohnungsbau in Baden-Württemberg ist im ersten Drittel des Jahres im Vorjahresvergleich nominal um 24,2 Prozent zurückgegangen. Wenn man die Inflation einberechnet, lag das Minus bei 33,7 Prozent. Die Baugenehmigungen für Ein- und Zweifamilienhäuser sind bis einschließlich Mai sogar um fast die Hälfte geschrumpft.

 

Toxische Mischung

„Es gibt zurzeit eine toxische Mischung aus Kostensteigerungen, gekürzten Fördermitteln und höheren Zinsen“, sagte Markus Böll, Präsident der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, beim Tag der Bauwirtschaft in Künzelsau. Die Bundespolitik habe dabei die Situation sogar noch verschärft: „Mit ihren radikalen Kürzungen bei den Förderprogrammen hat die Ampelregierung in Berlin ein absolutes Desaster angerichtet.“

Die Baubranche appelliert insbesondere an den Bund, bei der Förder- und Steuerpolitik nun rasch gegenzusteuern. Ansonsten drohe im kommenden Winter eine Pleitewelle. „Es sind vor allem kleinere Innungsbetriebe, die bei ihren Aufträgen keinen großen Vorlauf haben, sondern sich von einem Einfamilienhäuschen zum anderen durcharbeiten“, sagt Böll. Bisher sei das nur deshalb noch nicht so sichtbar, weil das vorhandene Auftragspolster abgearbeitet werde. Was die baden-württembergische Landesregierung bisher an zusätzlichen Fördermöglichkeiten etwa für Sozialwohnungen auf den Weg gebracht habe, reiche nicht.

Förderung sinkt drastisch

Von den zehn Milliarden Euro, die es 2022 für die Wohnbauförderung gab, stünden in diesem Jahr nur noch knapp zwei Milliarden zur Verfügung. Der Bund habe nicht nur die Einkommensgrenzen für die Förderung zu streng angesetzt, sondern auch den Mindestenergiestandard für geförderte Gebäude zu sehr verschärft. Zudem gebe es jetzt statt direkter Zuschüsse nur zinsverbilligte Darlehen. All dies in einer Zeit, in der steigenden Baukosten und höhere Zinsen das Bauen für viele sowieso unerschwinglich machten.

„Für Investoren lohnt sich der Wohnungsbau zurzeit überhaupt nicht mehr – weder bei Miete noch bei Eigentum“, sagt Böll. Reihenweise würden zurzeit Projekte gestoppt oder erst gar nicht angefangen. Vor allem im sozialen Wohnungsbau herrsche Stillstand. Wie bereits 2022 drohe mitten im Jahr hier ein Förderstopp, weil die bisher viel zu wenig aufgestockten Fördertöpfe wegen der enormen Nachfrage fast leer sind. Die Politik beginne inzwischen immerhin, den Ernst der Lage zu begreifen, sagte Markus Böll. Aber die nötigen Entscheidungen müssten rasch, möglichst noch im Sommer fallen.

Bessere Abschreibungen gefordert

Angesichts der Belastung der staatlichen Haushalte durch andere Probleme wie den Ukraine-Krieg plädiert die Baubranche nicht nur für eine direkte staatliche Förderung. Durch erweiterte Abschreibungsmöglichkeiten solle vor allem verstärkt wieder privates Kapital mobilisiert werden.

Ein mögliches Vorbild sei hier die steuerliche Förderung von Investitionen im Wohnungsbaus in der ehemaligen DDR nach der Wiedervereinigung. „Sicherlich hat es damals auch gewisse Auswüchse gegeben“, sagt Böll, aber man könne das jetzt so gestalten, dass dies verhindert werde. Auch die Höhe der Grunderwerbsteuer solle vom Immobilienwert gelöst an den Bodenwert gekoppelt werden.

Materialkosten sinken etwas

Eine größere Entspannung bei den Preisen sei nicht in Sicht. Zwar seien die Kosten von Holz und insbesondere Stahl nach einer Preisexplosion in den vergangenen Monaten wieder zurückgegangen. „Aber zu einer nachhaltigen Entlastung bei den Baupreisen wird das nicht führen“, sagte Böll. Das Niveau ist weiterhin hoch: Der Preis von Betonstahl liegt zurzeit noch um ein Viertel höher als Anfang 2021.

Zudem sei das Personal auf dem Bau weiterhin knapp und teuer. „Nicht nur Fachkräfte, sondern auch helfende Hände fehlen“, sagt Böll. „Und in Inflationszeiten geht keiner mit weniger Lohn nach Hause.“ Was Hilfskräfte am Bau angehe, gebe es inzwischen immerhin erweiterte Anwerbemöglichkeiten aus den Westbalkanländern. „Deutschland ist allerdings angesichts der Konjunkturlage in den europäischen Nachbarländern für ausländische Arbeitskräfte gar nicht mehr so attraktiv“, sagte Böll.

Auch der Bereich des Tiefbaus bietet für den zusammenbrechenden Wohnungsbau zurzeit keinen Ausgleich. Im Straßenbau beispielsweise ist der Auftragseingang im ersten Jahresdrittel um 17,9 Prozent gesunken. Hier blockiere nicht nur die schwieriger gewordene Haushaltslage vor allem der Kommunen, sondern vor allem die fehlende Kapazität der Behörden immer mehr Projekte, sagt Thomas Möller, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Bauwirtschaft: „Wir würden gerne viel mehr Brücken sanieren – aber die Behörden haben nicht genügend Personal.“ Es würde hier beispielsweise schon helfen, wenn Ersatzbauten nicht das ganze umständliche Genehmigungsverfahren wie bei einem Neubau durchlaufen müssten, so Möller.