Rudi Cerne, Moderator von „Aktenzeichen XY … ungelöst“, spricht am Mittwoch live in der Sendung mit dem leitenden Ermittler aus Lahr. Foto: Schuldt

In der Fahndungssendung des ZDF ist am Mittwoch ein Beitrag über einen Arzt zu sehen, der vor 26 Jahren in der Stadt umgebracht wurde.

Der gut zehnminütige Beitrag, in dem ein Schauspieler das Mordopfer verkörpert, wird zu Beginn der Sendung gezeigt. Gedreht wurde er nicht in Lahr – das wäre auch keine Hilfe für die Zuschauer, da sich die Originalschauplätze teils stark verändert haben.

 

Der Leichnam von Bernhard Benz wurde am 21. Januar 2000, einem Freitag, um 20.20 Uhr in einem Gebüsch neben der Römerstraße gefunden. Heute sieht es dort ganz anders aus als damals, den Radweg gab es vor 26 Jahren ebenso wenig wie die Mehrzweckhalle im Bürgerpark, die heute auf Höhe des Fundorts steht. An den Mord, der die Stadt damals über mehrere Wochen in Atem hielt, erinnert dort kein Kreuz und keine Gedenktafel.

An dieser Stelle auf Höhe der Mehrzweckhalle wurde der Leichnam von Bernhard Benz gefunden. Vor 26 Jahren sah es dort aber ganz anders aus, statt des Radwegs gab es eine schnurgerade Straße neben dem Autobahnzubringer. Foto: Schabel

Es ist das schwerste Verbrechen, das in den vergangenen Jahrzehnten in Lahr verübt wurde. Ein Verbrechen von der Art, das Ermittlern keine Ruhe lässt, an das sie sich ihr Leben lang erinnern, erst recht, wenn es ihnen nicht gelingt, den Täter zu fassen.

Kripo-Beamter aus Lahr ist Gast im TV-Studio

Der leitende Ermittler wird im Studio bei „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ zu Gast sein, um Moderator Rudi Cerne Auskunft zu dem Fall zu geben. Es ist Kriminaldirektor Steffen Siefert von der Kripo Offenburg. Ein gebürtiger Lahrer, der auch heute in der Stadt lebt, beim Schwarzwaldverein ist er verantwortlich für die Lahrer Hütte.

Für Siefert ist es nichts Neues, vor einer Kamera zu stehen. Gemeinsam mit Alexander Dupps bildete er das bekannte, fiktive Ermittler-Duo Kreidlinger und Bäuerle, das seit 2001 in Lahr durch lokale Krimifilme Kultstatus erlangt hat. Besonders skurril: Ihr achtes Filmabenteuer, das 2021 Premiere hatte, hieß „Amtsstube XY“, darin wurde mittels „neuartiger Television“ nach Schurken und Unholden gefahndet.

Jetzt geht es um einen echten Mord, für den Siefert in seinem Beruf als Kripobeamter auf die Hilfe der Fernsehzuschauer setzt. Die entscheidende Frage, auf die er durch seinen Auftritt in der ZDF-Fahndungssendung eine Antwort zu erhalten hofft, lautet: Zu wem stieg Bernhard Benz am Abend des 21. Januar 2000 ins Auto?

Fest steht: Der 39-Jährige verließ gegen 19.30 das Lahrer Herzzentrum, wo er als Anästhesist beschäftigt war. Er wollte wohl wie üblich zum Bahnhof in Lahr und dann mit dem Zug nach Hause nach Offenburg fahren. Doch dort kam er nie an. Gegen 20.20 Uhr wurde sein Leichnam von zwei älteren Damen, die mit ihren Hunden unterwegs waren, in der Römerstraße entdeckt.

Bei einer Obduktion in der Freiburger Rechtsmedizin wurden erhebliche Verletzungen am Kehlkopf des Opfers festgestellt: Der Offenburger war erwürgt worden.

Eine 20-köpfige Sonderkommission – die „Soko Römer – machte sich an die Aufklärung des Verbrechens. Doch allen Anstrengungen zum Trotz blieben viele Fragen ungeklärt. Vor allem, wie die Leiche des Arztes in die Nähe des Zubringers gelangt war, konnte die Polizei nie rekonstruieren.

Die weite Strecke vom Herzzentrum zum Bahnhof war Benz manchmal zu Fuß gegangen. Jedoch: Sein Leichnam wurde nicht auf seinem üblichen Weg zum Bahnhof gefunden, sondern weiter südlich. Auffällig war auch die für die große Strecke viel zu kurze Zeit zwischen dem Verlassen der Klinik und dem Auffinden seines leblosen Körpers. Die Polizei war sich sicher: Benz konnte den Weg diesmal nicht zu Fuß absolviert haben. Aber wer hatte ihn mitgenommen?

Anwohnerin machte wichtige Beobachtung

Eine Zeugin berichtete der Polizei von einer Beobachtung, die sie am Abend des 21. Januar vom Balkon ihrer Wohnung in der Schwarzwaldstraße 101 aus gemacht hatte: Auf dem Parkplatz Römerhof nahe des Bahnhofs hatten zwei Männer in einem Auto Streit miteinander. Dann folgte laut der Anwohnerin ein kurzer, erstickter Schrei. Es sei still geworden, dann sei ein Mann ausgestiegen, um das Auto herumgelaufen und wieder eingestiegen. Danach sei das Auto weggefahren.

War sie Ohrenzeugin des Mordes geworden? War der Unbekannte nach der Tat in die Römerstraße gefahren und hatte sein Opfer dort abgeladen? Auch das ist ungewiss. Es gibt viele offene Fragen, auch diese: Benz war ein junger, kräftiger und kerngesunder Mann von 1,82 Metern Körpergröße – wie hätte er einfach so erwürgt werden können? Und was sagt das über den Mörder aus? Die Polizei ging immer davon aus, dass der Täter ein Mann gewesen sein musste.

Mehr als 500 Hinweisen ging die Kripo nach – doch es gelang ihr letztlich nicht, den Täter zu identifizieren. Aber Mord verjährt nicht, deshalb hat die Offenburger Polizei die Akte nie endgültig geschlossen. Vielmehr hat eine neue Polizistengeneration die Ermittlungen Anfang des Jahres neu aufgerollt. Hintergrund seien neue Hinweise, hat die Staatsanwaltschaft Offenburg am Montag mitgeteilt.

DNA-Spuren sollen zum Täter führen

Die Ermittlungsgruppe besteht aus klassischen Todesfallermittlern, aber auch aus Kriminaltechnikern sowie IT- und Finanzspezialisten. Ihnen stehen die 26 Jahre alten Spuren zur Verfügung, die mit neuen kriminaltechnischen Möglichkeiten untersucht werden. „Derzeit laufen Analysen von DNA-Spuren, die einem möglichen Täter oder dessen Umfeld zugeordnet werden könnten“, so die Staatsanwaltschaft. Parallel dazu seien Zeugenaussagen von damals überprüft worden. Dabei nehmen die Kripo-Beamten offenbar besonders das berufliche Umfeld des Narkosearztes in den Fokus.

Neue Hinweise aus der Bevölkerung und eine Überprüfung der damaligen Erkenntnisse hätten geholfen, dass sich ein konkreteres Bild des Tatablaufs abzeichnet, so die Staatsanwaltschaft. Man gehe mittlerweile davon aus, „dass Opfer und Täter sich kannten und es im Verlauf einer Begegnung zu einer eskalierenden Auseinandersetzung kam“.

Konkret richten sich Polizei und Staatsanwaltschaft mit diesen Fragen an die Öffentlichkeit: Wer hat am 21. Januar 2000 gegen oder kurz nach 19.30 Uhr beim Lahrer Herzzentrum beobachtet, wie Bernhard Benz in ein Fahrzeug einstieg? Wer kann Angaben zu seinem Weg zwischen Klinik und Bahnhof zwischen 19.30 Uhr und 20 Uhr machen? Wer hat zu der Zeit etwas beim Bahnhof beobachtet, „insbesondere im Zusammenhang mit einem Streitgeschehen“, so die Polizei?

Wer hat in der Römerstraße gegen 20 Uhr verdächtige Wahrnehmungen gemacht, etwa ein haltendes Auto oder Personenbewegungen? Wem sind nach der Tat fehlende Gegenstände des Opfers (insbesondere eine türkisfarbene Jacke der Marke Schöffel, Geldbörse oder Schlüsselbund) aufgefallen? Wer hat durch Aussagen des Täters oder von dritten Personen nach der Tat etwas erfahren?

Die Polizei betont, dass auch vermeintlich unbedeutende Beobachtungen wichtig sein können. Vor allem Menschen, die aus persönlichen Gründen bisher keine Angaben gemacht haben, werden gebeten, sich bei der Kripo unter Telefon 0781/21 28 20 zu melden. Für Hinweise, die zum Mörder führen, ist eine Belohnung bis 3.000 Euro ausgesetzt.

Leiter der damaligen Sonderkommission war Wolfgang Isenmann. In seiner 32-jährigen Laufbahn als Kripochef konnte er alle Kapitalverbrechen aufklären, auf die er angesetzt worden war – außer den Mordfall Bernhard Benz. Bei seiner Pensionierung im Jahr 2007 sagte er, er empfinde das als persönliche Niederlage.

Der Mediziner hinterließ eine Frau und ein einjähriges Kind. Fotos des Arztes, die die Lahrer Zeitung vor 26 Jahren veröffentlichte, zeigen einen vital wirkenden, fröhlichen Mann, der jäh aus dem Leben gerissen wurde. Die Ermittler hoffen nun, von einem TV-Zuschauer den alles entscheidenden Hinweis auf seinen Mörder zu erhalten.

Der Sendetermin

„Aktenzeichen XY ... ungelöst“ wird am Mittwoch, 6. Mai, ab 20.15 Uhr live aus einem TV-Studio der Bavaria Filmstadt bei München ausgestrahlt. Danach ist die Sendung in der ZDF-Mediathek zu sehen.