Die Polizei legte die neuesten Zahlen in Sachen Kriminalität vor. (Symbolfoto) Foto: dpa/Marijan Murat

Die Kriminalstatistiken auf Bundes- und Landesebene sind bereits öffentlich. Beide zeigen: Die Zahl der Verbrechen ist gestiegen. Nun hat das Polizeipräsidium Pforzheim Zahlen vorgelegt. Der Trend ist ähnlich, doch es gibt Unterschiede. Und: Alle Zahlen sind ohnehin nur bedingt aussagekräftig.

Wer im Nordschwarzwald lebt, darf sich bereits seit Längerem freuen: Die Region gilt als eine der sichersten in Baden-Württemberg – zumindest mit Blick auf die polizeiliche Kriminalstatistik, die jährlich die Zahl der Straftaten auflistet.

 

Ende vergangener Woche legte das Polizeipräsidium Pforzheim, das für die Kreise Calw und Freudenstadt, den Enzkreis sowie die Stadt Pforzheim zuständig ist, nun die aktuellsten Zahlen für das Jahr 2023 vor. Und die dürften manchen überraschen.

Denn den Auswertungen zufolge gilt Pforzheim als die sicherste kreisfreie Großstadt in Baden-Württemberg, noch vor Ulm und Heilbronn.

Unter den 35 Landkreisen im „Ländle“ steht nur der Alb-Donau-Kreis noch besser da als der Enzkreis (Platz zwei, 2650 Straftaten pro 100 000 Einwohner) und der Kreis Calw (Platz drei, 2944 Straftaten pro 100 000 Einwohner). Der Landkreis Freudenstadt (3524 Straftaten pro 100 000 Einwohner) liegt mit Rang neun ebenso im vorderen Drittel.

Besser als der Landesschnitt

Landesweit wurden durchschnittlich 5272 Straftaten pro 100 000 Einwohner verzeichnet, im gesamten Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Pforzheim waren es 3994 – deutlich weniger als im Landesschnitt.

Sicherheitsempfinden

„Das sind erfreuliche Zahlen und sie widersprechen auch den Negativaussagen mancher sogenannter Experten“, sagt Polizeipräsident Christian Dettweiler laut einer Mitteilung zu den Werten.

Zahlen seien jedoch das eine, das Sicherheitsgefühl etwas anderes. Letzteres sei neben der objektiven Lage und dem eigenen Erleben teils auch von Alter, Geschlecht, Bildungsniveau oder der eigenen finanziellen Situation abhängig.

Gesamtentwicklung

Trotz offenbar erfreulicher Zahlen ist jedoch auch auf dem Gebiet des Polizeipräsidiums Pforzheim der bundes- und landesweite Trend erkennbar. Und der zeigt: Die Anzahl der registrierten Straftaten ist 2023 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.

Im Präsidiumsbereich von 22 616 auf 24 537 Fälle. Das entspricht einer Steigerung von 8,5 Prozent, etwas mehr als im landesweiten Durchschnitt (8,1 Prozent).

Die Zahl der Straftaten im Kreis Freudenstadt stieg von 3892 (2022) auf 4270 (2023) Fälle. Die Aufklärungsquote verbesserte sich im Präsidiumsbereich um einen Prozentpunkt auf 63,6 Prozent, im Kreis Freudenstadt fiel sie von 66,0 auf 62,7 Prozent.

Gewalt

Bei den Straftaten gegen das Leben – etwa Mord, Totschlag oder der jeweilige Versuch dazu – gab es 21 Fälle (2022: 28).

Im Kreis Freudenstadt wurden 2023 in diesem Bereich zwei Straftaten registriert. Dabei handelte es sich zum einen um die Schüsse auf einen Linienbus in Empfingen am 12. Dezember und um das Tötungsdelikt am 1. Weihnachtsfeiertag in Dornstetten-Aach.

Im Bereich der Körperverletzungsdelikte spricht die Polizei vom höchsten Stand im Zehnjahresvergleich (3098 Fälle, 282 mehr als im Vorjahr). Der Schwerpunkt liege mit etwa zwei Dritteln bei den leichten Körperverletzungen.

Im Kreis Freudenstadt stieg die Zahl der Körperverletzungen auf 483 an (2022: 458 Fälle).

Bei den Gewaltdelikten gegen Polizeibeamte ist im Präsidiumsbereich ein Rückgang zu verzeichnen. Aber: „Von einer Trendumkehr zu sprechen, wäre zu früh“, so Polizeipräsident Dettweiler. Im Kreis Freudenstadt gab es 45 Fälle.

Diebstahl

Diebstahlsdelikte gab es 2023 insgesamt 7144, 1093 oder rund 18 Prozent mehr als 2022. Dies sei insbesondere auf Ladendiebstähle und Diebstähle aus Kraftfahrzeugen zurückzuführen; häufig handele es sich zudem um Serientäter.

Noch drastischer sah es im Kreis Freudenstadt aus. Hier wurden 1343 Taten erfasst, 365 oder 37,3 Prozent mehr als 2022.

Einbrüche

In Sachen Einbrüche vermeldet die Polizei dagegen einen deutlichen Rückgang von 17,6 Prozent (2022: 279 Fälle, 2023: 230 Fälle).

Im Kreis Freudenstadt fiel dies mit einer Zunahme von 100 Prozent (34 Fälle, 17 mehr als 2022) hingegen komplett anders aus.

Häusliche Gewalt

Weniger gute Nachrichten gibt es im Bereich „Häusliche Gewalt“. Hier spricht die Polizei von einem Anstieg von mehr als 40 Prozent (von 729 auf 1024 Fälle). Rund 80 Prozent der Opfer waren Frauen.

„Dieser Anstieg dürfte aber kein realer sein; vielmehr werden durch Maßnahmen der Koordinierungsstelle Häusliche Gewalt des Präsidiums sowie ein geändertes Anzeigeverhalten der Opfer Delikte aus dem Dunkelfeld gezogen, die bislang gar nicht in der Statistik Niederschlag gefunden haben“, vermutet die Polizei.

Im Kreis Freudenstadt wurden 164 Fälle angezeigt, 53 oder 47,7 Prozent mehr als 2022.

Sexualstraftaten

Die Zahl der Sexualstraftaten stieg im Präsidiumsbereich ebenfalls an, um 58 Fälle (oder 7,4 Prozent) auf 840. Delikte im Internet beziehungsweise den sozialen Medien würden hierbei eine wesentliche Rolle spielen, beispielsweise das Versenden von Nacktbildern.

Die Aufklärungsquote in diesem Deliktsbereich lag bei rund 90 Prozent. Im Kreis Freudenstadt gab es 2023 162 Fälle – und somit 14 mehr (plus 9,5 Prozent) als noch 2022.

Aussagekraft

Ist der Kreis Freudenstadt im vergangenen Jahr nun also unsicherer geworden? Oder in manchen Bereichen sogar sicherer? Nicht unbedingt. Denn die Daten der Polizei seien nur bedingt aussagekräftig, meint Tobias Singelnstein, Professor für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie an der Goethe-Universität Frankfurt.

„Die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik sagen kaum etwas über die tatsächliche Kriminalitätsentwicklung in Deutschland aus“, erklärte Singelnstein vor Kurzem im Gespräch mit der „Zeit“.

Vielmehr werde damit erfasst, was die Polizei getan und geleistet habe, „was die Polizei sehen kann und erfassen will“. Es sei „bizarr“, wie die Statistik Jahr für Jahr überinterpretiert und als „Goldstandard der Kriminalitätsmessung“ behandelt würden. „Sie ist aber nur der Blechstandard“, meint der Kriminologe.