Eigentlich kann der kommissarische Polizeipräsident Uwe Stürmer mit dem Schwarzwald-Baar-Kreis zufrieden sein. Obgleich oft propagiert wird, die Lage hier wäre immer unsicherer, sank die Zahl der Straftaten 2024. Der Blick ins Detail zeigt, wo es hakt.
Die Zahlen sind ausgewertet, die Kriminalstatistik für 2024 liegt vor. Für den Präsidiumsbereich liegt die Zahl der Straftaten und Kriminalitätsbelastung etwa auf Vorjahresniveau, ist die Aufklärungsquote besser als im Landesdurchschnitt und gibt es weniger Einbrüche – und durch die Cannabis-Legalisierung auch weniger Rauschgiftdelikte.
Doch es gibt auch die Zahlen, die nachdenklich stimmen, besorgen oder gar alarmieren: So viele Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmt wie seit fünf Jahren nicht mehr sind passiert. Und: Es gibt immer mehr tatverdächtige Kinder.
In den Landkreisen Konstanz und Tuttlingen ist ein Anstieg bei den Straftaten gesamt und eine sinkende Aufklärungsquote festzustellen. Im Schwarzwald-Baar-Kreis sank die Aufklärungsquote zwar auch von 67,1 auf 63,5 Prozent, allerdings gingen auch die Straftaten zurück – 2023 waren es noch 1978, 2024 7590. Zum Vergleich: Der Landkreis Rottweil verzeichnet neben einer steigenden Aufklärungsquote auch mehr Fallzahlen 5045 statt vorher 4768.
Über die gemessen am Land überdurchschnittlichen Zahlen freut sich Uwe Stürmer besonders: „Vor allem die überdurchschnittliche Aufklärungsquote ist ein signifikanter Gradmesser für die erfolgreiche Polizei- und Ermittlungsarbeit im Bereich der Kriminalitätsbekämpfung.“
Oberzentrum mit unrühmlicher Platzierung
Das Oberzentrum Villingen-Schwenningen nimmt im Bereich des Polizeipräsidiums Konstanz, das sich über die vier genannten Landkreise erstreckt, einen unrühmlichen dritten Platz ein: Nach Konstanz an erster und Singen an zweiter Stelle passieren hier die meisten Straftaten. Aber: VS weist auch den größten Rückgang in absoluten Zahlen mit einem Minus von 175 auf 4207 Fälle (2023: 4382) auf.
Wer sind die Menschen hinter den Straftaten?
Doch wer sind die Menschen hinter diesen Straftaten überhaupt? Auch zu den Tatverdächtigen trifft die Kriminalstatistik eine Aussage: Zieht man Straftaten im Zusammenhang mit dem Ausländerrecht wie beispielsweise das Fehlen von Ausweispapieren ab, was zur besseren Transparenz in der polizeilichen Statistik geschehen ist, bleiben unterm Strich im kompletten Präsidiumsbereich 15 416 Tatverdächtige. Der Anteil der nichtdeutschen Tatverdächtigen liegt bei 40,4 Prozent (2023: 38,8), 1200 oder 7,8 Prozent der Tatverdächtigen (2023: 7,7 ) seien Flüchtlinge. Und häufig sind die mutmaßlichen Straftäter erschreckend jung: 731 waren 2024 sogar Kinder (2023: 687), 1454 immerhin noch jugendlich (1601), 1123 Heranwachsende (1176), 12 108 Erwachsene (12 090). Eine Auswertung, die die Polizisten alarmiert. Das stimme ihn, räumte Stürmer ein, „nachdenklich“. Vor allem in der Langzeitbetrachtung: Wurden im Jahr 2020 noch 418 Kinder als Tatverdächtige registriert, stieg deren Zahl kontinuierlich an: 2021 auf 483, im Jahr 2022 sprunghaft auf 622, in 2023 nochmals auf 687 und in 2024 auf den Höchstwert von jetzt 731 Tatverdächtigen.
Der Trend sinkender Hemmschwellen, so Stürmer, und eine teilweise höhere Gewaltbereitschaft sei auch bei Kindern feststellbar. „Einem Teil junger Menschen scheint zunehmend die Fähigkeit abhanden zu kommen, Konflikte kommunikativ zu lösen, stattdessen wird offenbar vermehrt auf die Anwendung von Gewalt gesetzt“. Womöglich, so der Polizeipräsident, sei das teilweise auch ein Ergebnis der Corona-Pandemie.
Alkohol wird zum „jungen“ Phänomen
Alkohol scheint bei den Tätern im Schwarzwald-Baar-Kreis keine so große Rolle mehr zu spielen. 2023 wurden noch 483 unter Alkoholeinfluss stehende Tatverdächtige registriert, 2024 waren es 393. Aber auch hier horcht man beim Blick aufs Alter auf: Bei den Jugendlichen und unter 21-Jährigen nämlich ist die Zahl der alkoholisierten Tatverdächtigen jeweils höher als noch 2023.
Bezüglich der Delikte und Tatverdächtigen hat man im Polizeipräsidium ins Detail geblickt: Vorwiegend wurden sie bei Körperverletzungen und Ladendiebstählen festgenommen, wobei der Anteil der Flüchtlinge „insbesondere bei den Körperverletzungen“ zunehmend sei, so Stürmer, wohingegen bei den Ladendiebstählen ein Rückgang zu verzeichnen sei.
Ein Blick auf die Nationalitäten
Die zehn häufigsten Nationalitäten bei den Straftaten, die von nichtdeutschen Tatverdächtigen verübt worden sind: Rumänen, gefolgt von Syrern und Ukrainern auf Platz drei, sowie folgend Italiener, Türken, Schweizer, Kosovaren,Polen, Afghanen und Kroaten. Unter den tatverdächtigen Flüchtlingen führten die Syrer die Liste an, gefolgt von Menschen aus der Ukraine, Afghanistan, Tunesien, Algerien, Marokko, Georgien, der Türkei, dem Irak und aus ungeklärter Herkunft.
Im Schwarzwald-Baar-Kreis wurden 2024 genauso wie im Vorjahr fünf Straftaten gegen das Leben verübt – darunter versteht die Statistik Mord, Totschlag, Tötung auf Verlangen, fahrlässige Tötung oder den strafbaren Schwangerschaftsabbruch. Solche Verbrechen werden meist aufgeklärt – die Quote liegt hier bei 95,2 Prozent.
Rohheitsdelikte wie Freiheitsberaubung, Nötigung, Bedrohung oder Stalking kamen im Schwarzwald-Baar-Kreis 1368 Mal vor (2023: 1401), Raubdelikte 37 Mal und damit ebenso häufig wie im Vorjahr, es kam zu 912 Körperverletzungen (2023: 985) und neunmal wurden Rettungskräfte sowie 77 Mal Polizeikräfte Opfer von Gewalt (2023: 87) – meistens hatte der Tatverdächtige davor Alkohol getrunken.
Immer mehr Sexualdelikte
Erfreulich: Im Schwarzwald-Baar-Kreis gab es 2024 mit 260 Personen weniger Opfer von häuslicher Gewalt (2023: 307). Aber immer häufiger passieren Sexualdelikte – 263 Mal war das im vergangenen Jahr im Schwarzwald-Baar-Kreis der Fall (2023: 225), von sexuellen Belästigungen über Vergewaltigungen bis hin zu sexuellen Handlungen ist alles dabei.
Die Diebstahlsdelikte sind hingegen weniger häufig als 2023. 2456 Fälle wurden im Landkreis registriert (2023: 2599). Und auch die Preissteigerungen und knappere finanzielle Mittel in den Familien könnten zu diesem Anstieg beigetragen haben, heißt es bei der Polizei, wo man sich über zwei Zahlen besonders freut: Immer weniger Wohnungseinbrüche mit Diebstahl – zuletzt waren es 78 im Schwarzwald-Baar-Kreis – und eine in diesem Bereich immer höhere Aufklärungsquote – konnte man 2023 noch 16,7 Prozent der Fälle lösen, stieg die Quote nun sprunghaft auf 32,3 Prozent. „So ist es gelungen jeden dritten Einbruch aufzuklären“, so der zu diesem Zeitpunkt kommissarische Leiter der Kriminalpolizeidirektion, Kriminaldirektor Simon Bihl.