Ein Zehnjähriger wurde zum vielfachen Brandstifter. (Symbolfoto) Foto: Ralph, karrlander, alswart, bg-pictures/Montage: Ganter

Ein Feuerteufel trieb in Oberndorf sein Unwesen und setzte große Teile der Stadt in Brand. In unserer Kriminalserie werfen wir einen Blick auf diesen außergewöhnlichen Fall.

Mord aus Eifersucht, Strafen wegen Ehebruchs, falsche Verdächtigungen, Beleidigungen und ein Erpresser – in den vergangenen 400 Jahren hat sich in Oberndorf und Umgebung einiges ereignet. In unserer Serie beleuchten wir spektakuläre und kuriose Kriminalfälle: diesmal den eines jungen Brandstifters.

 

Der Feuerteufel sorgte in den Jahren 1841 und 1842 mit vielfacher Brandstiftung für „das Abbrennen großer Teile der Stadt“ Oberndorf, wie berichtet wird.

Der Schrecken beginnt

Der Schrecken begann im April 1841, als ein Bürgerhaus binnen weniger Minuten in Flammen stand. Immerhin: Die Nachbargebäude konnten damals gerettet werden. Aber es blieb nicht dabei. Vier Wochen später brach am Haus eines Schusters in Oberndorf ein Feuer aus, das auch zwei weitere Gebäude erfasste und diese zerstörte.

Doch das sollte erst der Anfang sein. So ist in den „Annalen der deutschen und ausländischen Criminal-Rechts-Pflege“ von Julius Eduard Hitzik nachzulesen: „Waren diese Tage des 21. April und 19. Mai 1841 Tage des Schreckens für die Bewohner Oberndorfs, so waren dies nur Vorboten der Schreckenstage des Jahres 1842“.

35 Häuser in Asche gelegt

Am 1. Juni 1842 brach erneut ein Feuer aus – diesmal in einer Scheune. Und die Flammen griffen schnell auf die beiden angrenzenden Wirtshäuser Zum Hirsch und Zum Engel über. Stroh und Futter, die durch die Sommerhitze wohl besonders trocken waren, sorgten dafür, dass „die Flamme immer fürchterlicher“ wurde, heißt es in den „Annalen der deutschen und ausländischen Criminal-Rechtspflege“ von 1843.

Und das Feuer machte auch vor weiteren Gebäuden nicht Halt, wie berichtet wird. „Ein panischer Schrecken bemächtigte sich aller Gemüter“ heißt es weiter. Innerhalb weniger Stunden wurden 35 „größtenteils ansehnlichere Wohngebäude“ und ein Nebengebäude durch das Feuer in Asche gelegt und 22 weitere beschädigt. Und „nur beinahe übermenschlicher Anstrengung“ gelang es, dass außer den Häusern in drei Straßen nicht noch weitere in Brand gerieten.

„Menschliche Bosheit“

Ein großer Schrecken für die Oberndorfer – denen nicht viel Zeit blieb, das Erlebte zu verarbeiten. Denn bereits einen Monat später, am 5. Juli, ertönte nachmittags wieder die Feuerglocke. Besonders bitter: Betroffen war das Haus eines Stadtrats, das sich gerade wieder im Aufbau befand, nachdem es beim Feuer am 19. Mai 1841 abgebrannt war. Und zwei Tage später, am 7. Juli, brach das nächste Feuer in Oberndorf aus. In beiden Fällen konnte man den Flammen glücklicherweise schnell Einhalt gebieten.

Den Oberndorfern war nun klar: „Hatte schon bei den früheren Brandunglücken der Gedanke an eine Brandstiftung Wurzel gefasst, so zweifelte nun niemand mehr daran, dass nur menschliche Bosheit das Unheil über die Stadt gebracht“.

Geselle liefert den entscheidenden Hinweis

Schon nach dem Brand im Juni 1842 war eine Belohnung von 500 Gulden auf die Entdeckung des Brandstifters ausgesetzt worden – aber ohne Erfolg. Nach den jüngsten Bränden war die Bevölkerung entschlossen, um jeden Preis endlich die „lange Angst loszuwerden und des Täters habhaft zu werden“.

Erst hieß es, man habe zwei Burschen mit langen Bärten beobachten können. Doch die Aussagen waren widersprüchlich. Letztlich war es ein Geselle, der dem Oberamtsgerichtsverweser den entscheidenden Hinweis lieferte. Er sagte, er habe am 7. Juli wenige Augenblicke vor dem Ausbrechen des Feuers, einen Buben weglaufen gesehen.

„Als böser Bube bekannt“

Die Beschreibung des Äußeren passte auf den Sohn des Schusters, J. B. W. Offenbar war dieser von den Bürgern schon verdächtigt worden, das Feuer am 19. Mai 1841 gelegt zu haben.

„Längst war der Knabe als ein böser Bube bekannt, und – wie außerordentliche Fälle Außerordentliches entschuldigen, ließ der Oberamtsgerichtsverweser sogleich den Knaben verhaften“, heißt es in den „Annalen“. Und tatsächlich gestand J. B. W., in dessen Tasche man noch drei Zündhölzchen fand, nach anfänglichem Leugnen, die Brandlegung vom 1. Juni.

Ein Außenseiter

Der Zehnjährige war offenbar schon mehrere Male auf andere Weise auffällig geworden – etwa, weil er Vogelnester zerstörte, junge Vögel und andere kleine Tiere grausam behandelte und später mehrere Diebstähle verübt hatte.

In einer Beurteilung durch die Schule hieß es: „Die Bosheit erfüllt sein Gemüt ganz, deshalb geht nichts Besseres mehr hinein“ in Bezug auf J. B. W. Die Mutter beschrieb ihn als störrisch und sprach von „nichts als Lügen und Bosheit“. Von Altersgenossen wurde er wohl gescheut, gemieden und ausgeschlossen. Beschrieben wird er als „verschlossen“.

Von anderen Kindern „geplagt“ worden

Die ersten Brandstiftungen im April und Mai 1841 – der Schaden lag bei rund 10 500 Gulden – soll J. B. W. unter anderem deshalb verübt haben, weil er von den Kindern der Gebäudebesitzer erzürnt und geplagt worden sein soll. Weil er zum Tatzeitpunkt aber noch neun Jahre alt war, wurden diese Taten jedoch nicht verfolgt.

Im Juni 1842, beim Brand der Wirtshäuser, hatte J. B. W. mittels eines Zündhölzchens und eines Schwefelhölzchens das Heu in einer Scheune angezündet, wie er gestand. Anlass für die Brandstiftung war offenbar ein Streit mit dem Knecht des „Engel“-Wirts.

Dass das Feuer sich auch in eine unvermutete Richtung ausbreiten und damit auch sein Elternhaus „verzehren“ würde, daran hatte der junge Brandstifter nicht gedacht, wie er sagte. Der Umstand brachte ihn zum Weinen, während er sich den anderen Bränden gegenüber gleichgültig zeigte. 157 000 Gulden Schaden entstanden beim Großbrand im Juni 1842. Und Hunderte von Menschen wurden obdachlos.

Für Geiz bestraft

Zum erneuten Brand des Hauses eines Stadtrats am 5. Juli 1842 (Schaden: mehr als 11000 Gulden) hieß es von J. B. W. als Begründung, der Stadtrat sei ein „Geizhals“. So habe er von diesem für das Anreichen von Ziegeln, als dieser sein Dach deckte, lediglich einen Kreuzer erhalten.

Der Junge räumte weitere 17 Brandstiftungsversuche ein, die nur deshalb nicht zum „Erfolg“ führten, weil die Hölzchen entweder zu schnell ausgingen oder er verjagt wurde.

„Krankhafte Feuerlust?“

Im Prozess wurde dem mittlerweile elfjährigen J. B. W. eine „krankhafte Feuerlust“ mit den Motiven „des Hasses und der Rache“ nachgesagt, heißt es in Unterlagen aus dem Bestand des Kreisgerichtshofs Tübingen (Kriminalsenat).

So hatte der Junge verlauten lassen: „Es reizt mich eben, wenn ich eben so Zündhölzchen sehe.“ Und wenn er Zorn auf jemanden verspürt habe, so habe es ihn nach den Zündhölzchen gelüstet. „Sonst habe ich nicht viel machen können. Wenn ich einen mit Dreck oder Steinen beworfen habe, so haben das meine Leute gar nicht geduldet. Da hätte ich Schläge bekommen“.

Dass der Junge fasziniert vom Feuer war, hatte sich offenbar auch bei dessen Vernehmung gezeigt. Als der Gerichtsdiener ein Licht entzündete, habe sich die Miene des Jungen aufgehellt, und er habe selbst um ein Zündhölzchen gebeten.

Hinweis auf eine so genannte krankhafte Pyromanie? Laut Gericht nicht. Es stellte weder eine Entwicklungsverzögerung noch eine Kränklichkeit oder andere Merkmale fest, die damals als Hinweise für eine solche Pyromanie galten.

Zwölf Jahre Zuchthaus

Am 22. Dezember 1842 wurde der elfjährige J. B. W. wegen vielfachen, teils vollendeten und teils versuchten, Brandstiftungen zu zwölf Jahren Zuchthaus in einer Anstalt für jugendliche Verbrecher verurteilt.

Rund zehn Jahre später, im März 1852, wurde J. B. W. übrigens begnadigt – unter der Bedingung, dass er nach Amerika auswandert.