Die Uni Tübingen ist im Roman des in Jungingen wohnenden Professors Gert Ueding Schauplatz von Morden. Als wahres Opfer wird in dem Buch aber die Qualität der Bildung beschrieben, die nach Ansicht des Professors durch aktuelle Entwicklungen stark gefährdet ist. Foto: Archiv

Professor Gert Ueding, wohnhaft im idyllischen Jungingen, hat sich Morde ausgedacht, die an der Uni Tübingen Schrecken verbreiten. Nicht die Morde selbst – die sind fiktive Handlung seines Buchs "Herbarium". Den Schrecken erzeugt anderes.

Hechingen/Jungingen/Tübingen - Gert Ueding ist ein bekannter deutscher Intellektueller. Bis vor zwölf Jahren war er als Nachfolger von Walter Jens Professor für Rhetorik an der Uni Tübingen. Als Kulturkritiker arbeitete er für TV-Sender, Rundfunk und unter anderem unter Marcel Reich-Ranicki für die FAZ. Dass Jungingen eine so hochrangige Geistesgröße in seinen Reihen zählt, war in der Gegend sicher nicht allen bewusst. Universitäten sind eben eine geschlossene Welt.

Mit dem aktuell im Kröner-Verlag erschienen Krimi "Herbarium – Giftgrün" gibt Gert Ueding nun einen tiefen Einblick in die Welt der Doktoranden und Professoren, die er als zumindest in Teilen von Profitgier und Eitelkeit angefressene Gesellschaft beschreibt. Dass in dem Buch auch Morde aufgeklärt werden und sich eine Liebesgeschichte entwickelt, tritt fast etwas in den Hintergrund.

Aber Gert Ueding weiß, was auch jedem Tatort-Fan bewusst ist: "Ein Krimi ist immer auch ein Gesellschaftsroman." Die Ermittlungsarbeit ermöglicht also den Blick auf generelle Entwicklungen, die oft kritisch hinterfragt werden. Und in "Herbarium" nimmt sich ein Geisteswissenschaften-Professor Alter Schule die aktuelle Veränderung der Uni-Landschaft vor, die durch Bachelor- und Masterstudiengänge geprägt ist und ihren alten Anspruch, breit zu bilden, immer mehr aufzugeben bereit ist.

Erfreut waren seine Kollegen nicht

Als Leser fragt man sich schnell: Wie kam das Buch bei seinen Tübinger Uni-Kollegen an? "Erfreut waren sie nicht", berichtet Ueding. Was ihn nicht überrascht habe, denn auch wenn die Verderbtheit des Lehrbetriebs hier "satirisch übertrieben" dargestellt sei, legt er schon Wert darauf: "Die Handlung ist kein Spaß." Enttarnte Fake-Verlage und Plagiat-Affären würden das immer wieder belegen.

Geschildert wird unter anderem, wie Wissenschaftler unter ökonomischem Druck durch Veröffentlichungen in künstlich erschaffenen Verlagen Reputation erkaufen, die für das weitere Fortkommen lebenswichtig ist. Das wäre doch ein gutes Motiv für einen Mord, wenn dadurch eine Enttarnung solcher Machenschaften verhindert werden könnte, dachte sich Gert Ueding und schrieb seinen Krimi.

Es ist ein erstes fiktives Buch, aber unterhaltsam schreiben kann er. Immerhin war er Rhetorik-Professor. Die Grundlagen guter Erzählung hat er auch als Journalist genau beobachtet. So ist der Ermittler hier ein Künstler, der auch Geisteswissenschaften studiert hatte. In ihm verkörpert sich das Ideal eines gebildeten Menschen, der Denken und Fühlen nicht trennen will.

Wechsel der Affektstufe

Und warum die Liebesgeschichte? "Ich will immer wieder die Affektstufe wechseln", erklärt Ueding ein bekanntes Schreibprinzip. Erst dieser Wechsel macht aus einem Krimi eine Geschichte. Auch die für Kenner der Stadt leicht nachvollziehbaren Spielorte der Geschichte tragen zum Lesevergnügen bei. Solche Mittel einzusetzen, das kennt Ueding keinesfalls nur aus der Theorie. Die Aufgabe, kreativ Geschichten zu erfinden, hat er auch mit seinen Studenten in Schreibseminaren schon in Angriff genommen. Der Mann hat Übung. Das merkt man in jeder Zeile.

Das Buch ist damit eine Reverenz an eine Uni-Ära, in der die Künsten integraler Bestandteil der Akademie waren, in der sie zur umfassenden Ausbildung dazugehörten. Mittlerweile aber sind Zeicheninstitute, Theater und Literatur bedrohte Existenzen. Die wahren Opfer, über die in diesem Krimi geschrieben wird, sind denn auch gar nicht die Leichen, die ohnehin nur erdacht wurden, sondern die umfassende Bildung junger Menschen, die zumindest Ueding durch aktuelle Entwicklungen in Gefahr sieht.

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