Im zweiten Teil zum Kriegsende vor 80 Jahren in Schiltach und Lehengericht geht es um den Einmarsch der Franzosen.
Inzwischen zog die an der „Halde“ in Stellung gegangene Wehrmacht ab. Sie hatte noch nach Schenkenzell gefeuert, wo die Franzosen am 20. April einrückten.
Die Befehlsgewalt lag jetzt bei Gottlieb Trautwein und Christian Joos. Sie ließen die Brücken und den Hohensteiner Felsen gegen Sprengtrupps bewachen, in dramatischen Szenen unterstützt von Anwohnern, die um ihre Häuser bangten. Trautwein war die ganze Nacht an der Panzersperre bei der oberen Säge, um die Franzosen mit einer weißen Fahne zu empfangen, die aber noch nicht kamen. Doch feuerten sie Warnschüsse, die die katholische Kirche und einige Häuser trafen.
Mit der weißen Fahne
Am frühen Morgen versammelte sich eine Menschenmenge am Rathaus und forderte die Übergabe von Schiltach. Unter Protest der Frau von Ortsgruppenleiter Vornfett wurde Bürgermeister Groß dazu gebracht, einen entsprechenden Zettel zu schreiben. Damit fuhren Helmut Siebald und Ferdinand Wöhrle, einstiger Fremdenlegionär, auf Fahrrädern zum Stab der französischen Truppen in Rötenbach. Zuvor war Paul Wolber, Getränkehändler, mit einer weißen Fahne bei den Franzosen in Schenkenzell und bat, nicht mehr zu schießen.
Auch Gottlieb Trautwein beobachtete den Einmarsch: „Ein Motorrad, dann Panzer mit Infanterie.“ Ihn überkam ein Gefühl der Zufriedenheit, hatte er in „aussichtsloser Lage“ doch mit dafür gesorgt, dass „Schiltach ohne einen Schuss besetzt wird“. Doch wusste er auch zu danken: „Vielen Männern, die zusammengehalten haben. In der entscheidenden Stunde waren sie da und bildeten einen Widerstandsherd zum Schutze ihrer Heimat.“
Soldaten stehlen Schmuck
Zum 21. April schrieb Annemarie Trautwein: „Am Morgen war es ganz still. Wir fühlten, dass der Krieg zu Ende sein musste. Dann sahen wir den Gemeindepolizist Wild, hinter ihm zwei dunkelhäutige Männer mit Turbanen auf dem Kopf: Marokkaner der französischen Armee. Wild schellte mit der Glocke und gab bekannt, dass alle in ihren Wohnungen bleiben sollten. Die Marokkaner traten ihn immer wieder. Wir bekamen Angst, wie das weitergehen würde. Für mich ist damals eine Welt zusammengebrochen. Einige junge Frauen wurden von den fremden Soldaten vergewaltigt. Unsere Mutter hatte Angst um uns Töchter. Wir mussten lange Kleider anziehen und Kopftücher, dass wir aussehen sollten wie alte Frauen. Soldaten kamen in unser Haus und durchsuchten es. Sie stahlen meine wenigen Schmuckstücke und einen Fotoapparat, Geschenke zur Konfirmation – das tat weh. Wir konnten später Gott nur danken, dass wir alle bewahrt wurden“.
Tote in Lehengericht
In Lehengericht war dies nicht der Fall: Beim Hinterbauer in Hinterlehengericht lagen Schramberger Volkssturm und versprengte Soldaten. Als sie die anrückenden Franzosen beschossen, erwiderten diese das Feuer, wodurch der Hof zerstört wurde. Auch am Bühl in Vorderlehengericht gab es Widerstand, der zwei deutschen Soldaten, vier Einwohnern und einem Ukrainer das Leben kostete.
Der NS-Kreisleiter Alfred Schweikhardt fuhr sein Auto in den dortigen „Höllgumpen“ und erschoss sich, als das Wasser über ihm zusammenschlug, so den Nationalsozialismus auch für sich beendend.
Für das ganze Geschehen blieb Gottlieb Trautwein, der als Demokrat die Nazis bis 1933 bekämpft hatte, nur ein bitterer Kommentar: „Verblendet durch Lug und Trug hat das Volk in seiner Mehrheit alle Warnungen in den Wind geschlagen, erst das Ende des Kriegs hat selbst den verstocktesten Nazi zum Erwachen gebracht.“