Dieses Bild zeigt deutsche Truppen, die sich auf den Rückzug vorbereiteten. Sämtliche Ausrüstung wurde dabei auf die Karren der ansässigen Landwirte gespannt. Foto: Rest

Für die Bürger aus Kappel und Grafenhausen nahm der Zweiten Weltkrieg am 19. April 1945 ein frühzeitiges Ende. Die Bewohner empfingen die Alliierten mit weißen Fahnen in ihrer zerstörten Heimat. Zuvor mussten sie jedoch viel Leid ertragen.

Nach dem schwersten und heftigen Tagen des anhaltenden Bombardements im Februar wurden auch Anfang März weiterhin über die Dörfer von Kappel und Grafenhausen Sprengkörper abgeworfen.

 

In Kappel waren zu diesem Zeitpunkt viele Häuser, Scheunen und Ökonomiegebäude bereits beschädigt oder vollständig zerstört. Die nach der Evakuierung zurückgebliebenen Männer, Greise und Jugendlichen versuchten, die immer wieder auflodernden Flammen zu löschen.

In Grafenhausen stand man in dieser schweren Zeit geschlossen zusammen. Viel Mut und Gottvertrauen flößte auch der damalige Ortspfarrer Wilhelm Keller zum Aushalten ein. Trotz Tod und Vernichtung waren viele Dorfbewohner nicht zu bewegen, die Heimat nochmals zu verlassen – nur ältere Frauen und Mütter mit kleinen Kindern waren vorübergehend wieder fortgegangen. Wer im Dorf blieb, bekämpfte furchtlos, – noch während des Beschusses – die entstehenden Brände, vermochten viele im Keime zu ersticken und andere einzuschränken, wodurch viele Gebäude gerettet wurden.

Die Jagtbomber hatten dabei besonders die Dorfmitte in der Hintergasse (Kirchstraße) im Visier. Dabei wurden das Rathaus mit Schule, Kinderschule, Kirche, Pfarrhaus sowie das Gasthaus Krone mit den umliegenden Gebäuden beschädigt und zerstört. Auf der Nordseite der Kirchstraße gab es ganze Reihen von Brandplätzen und Trümmerstätten.

Auch in der Hauptstraße im Bereich der Kreuzung waren weitere Angriffsziele, wobei auch eine polnische Landarbeiterin tödlich getroffen wurde. Die Bewohner zogen aus dieser gefährlichen Gegend fast vollständig aus und man zog zu Verwandten oder Bekannten in die Straßen, die bisher verschont geblieben waren. Am Montag, 5. März, um 15.45 Uhr war der letzte größere Angriff.

Oft kamen die Luftangriffe aus dem Nichts

Diese Tage werden in der Geschichte der heutigen Doppelgemeinde gewiss unvergessen bleiben. Draußen standen die Männer und Söhne an allen Fronten in schwersten Abwehrkämpfen. Immer seltener kamen die Nachrichten von ihnen, da die Verbindung von Front und Heimat fast völlig unterbrochen war. Das Wissen, um jene schweren Tagen und Stunden sollte noch lange bei unserer Bevölkerung lebendig bleiben.

Gebangt und verzweifelt saßen sie damals betend und weinend in den Kellern, während die Granaten niedergingen. Das wertvollste Hab stand stets verpackt griffbereit, um bei Angriff mitgenommen zu werden. Sie irrten oft noch in den Straßen umher, um Deckung zu suchen, wenn der Überfall sie bei der Arbeit überraschte. Manchmal wurden Häuser und Keller getroffen, sodass sie während des Beschusses anderswo Sicherheit suchen mussten. Viele hatten in den Gärten Bunker gebaut und vertrauten sich lieber ihrem Schutze an.

Der Soldat Ernst Renter im Einsatz an der Front. Foto: Rest

Da der Gottesdienst in der beschädigten und gefährdeten Pfarrkirche Grafenhausen unmöglich war, hielt Pfarrer Wilhelm Keller Gottesdienst im kleineren Rahmen im Pfarrhof ab.

Ab Mitte März wurde es dann ruhiger, der Artilleriebeschuss hörte völlig auf. Die französischen Truppen bereiteten den Übergang über den Rhein vor. Anfang April nährte sich die Front von Norden. Am 19. April meldete der Wehrmachtsbericht: „Heftige Kämpfe südwestlich Lahr.“ In der Nacht vom 18. zum 19. April hörte man schweres Artilleriefeuer in Richtung Ettenheim.

Die deutschen Truppen räumten in dieser Nacht die Dörfer völlig und zogen sich zurück. Viele Landwirte mussten zum Abtransport von Wehrmachtsgüter noch Spanndienste leisten. Doch zuvor hatten die deutschen Truppen den letzten unterzeichneten „Führererlass“ – den „Nero-Befehl“ – in Kappel umgesetzt: Zerstörungsmaßnahmen im Reichsgebiet sollte die Kampfkraft des Feindes schwächen und sein weiteres Vordringen verhindern. Und so wurden die beiden Straßenbrücken über die Elz bei der Linde und im Unterdorf gesprengt. Nur der Übergang bei der Mühle blieb unversehrt.

Bürger öffnen die Panzersperren

Am Donnerstagfrüh war die Spannung auf dem Höhepunkt angelangt. Es war der 19. April 1945, ein denkwürdiger Tag in der Geschichte des Dorfes. Ein herrlicher Frühlingstag, warm und voll von Sonnenschein, als die feindlichen Truppen von Norden her sich Grafenhausen näherten. Die noch geschlossenen Panzersperren an den Dorfeingängen wurden am Morgen von Bürgern geöffnet.

Die Panzer eröffneten kurz vor dem Dorf das Feuer und das letzte Haus in der Friedrichstraße geriet in Brand. Sie beschossen bei der Durchfahrt durch die menschenleeren Straßen die Häuser. Dabei fing das Anwesen des Ortsbauernführers Feuer, wodurch die drei Ökonomiegebäude vollständig niederbrannten. Trotz dessen wurde dieser 19. April 1945 von vielen als Tag der Erlösung betrachtet – nicht nur weil die Schrecken des Krieges nun ein Ende nahmen, sondern auch, weil damit das bisher herrschende System des Nationalsozialismus verschwinden musste.

Weiße Fahne gehisst

Jedes Anzeichen eines Widerstandes hätte zu einer Katastrophe führen können, weshalb einige Bürger weiße Fahnen hissten. Obwohl das von der SS streng untersagt wurde, wurde dieser Befehl von der Bevölkerung nicht befolgt. Auch Pfarrer Wilhelm Keller ging mit einer weißen Fahne den alliierten Truppen entgegen und führte mit den französischen Truppen nach der Besetzung Friedensverhandlungen.