Auf den Tag genau 80 Jahre sind vergangen, seit der Beschuss Stammheims mit Granaten und Bomben begann. Am 20. April 1945 brannte nahezu der halbe Ort ab. Stammheims Ortschronist Horst Roller hat die Erinnerung an diese schrecklichen Ereignisse in Zeitzeugenberichten bewahrt.
Der Krieg war längst verloren, im Grunde bereits vorbei, als am 19. und 20. April 1945 das Verderben nach Stammheim kam.
Am 19. April begann der Artilleriebeschuss. Am 20. April warfen zwölf Jagdflugzeuge Spreng- und Stabbrandbomben sowie Phosphorkanister über dem Ort ab. Am 8. Mai 1945 trat die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht in Kraft.
In Stammheim hatten weniger als drei Wochen zuvor 470 Menschen ihr Dach über dem Kopf, fünf Menschen zudem ihr Leben verloren. Vier weitere wurden schwer verwundet.
96 Gebäude – etwa 41 Prozent des Dorfes – brannten ab. Auch 120 Nutztiere kamen ums Leben.
Horst Roller, Stammheims Ortschronist, bewahrt seit Jahren die Erinnerungen an diese schrecklichen Ereignisse kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges in Form von Zeitzeugenberichten.
Zwei dieser Beiträge von Augenzeugen, die heute noch in Stammheim leben, sind hier zu lesen.
„Wie ich das Kriegsende erlebte“ – ein Stammheimer, der damals zehn Jahre alt war, berichtet
Wenn in den letzten Kriegsjahren die feindlichen Bomberverbände eine bestimmte Linie überquert hatten, wurde im Radio Voralarm gegeben, aber nicht alle Einwohner besaßen einen Volksempfänger. Deshalb musste anfangs Bürgermeister-Stellvertreter Paul Schöttle mit einer handbetriebenen Sirene durch den Flecken gehen. Später wurde auf dem Rathausdach eine Sirene montiert. Sie hatte aber einen anderen Ton als heute, einen tieferen Ton, da hob es einen direkt aus dem Bett, da wurde es einem schlecht.
Bei nächtlichem Alarm durfte man nur Licht einschalten, wenn das Zimmer an den Fenstern abgedunkelt war. Die Kleider mussten möglichst so hingelegt werden, dass man sie auch im Dunkeln fand. In den Kellern, die als Luftschutzkeller bestimmt worden waren, hatte man immer eine Laterne hängen.
Es war Vorschrift, dass für jedes Haus eine bestimmte Menge Sand zum Löschen bereitlag und außerdem eine Luftschutzhandspritze. Zum Löschen stellte man sie in einen Wassereimer. Eine Person musste pumpen und stellte dabei ein Bein auf den Metallfuß der Pumpe, der seitlich am Eimer vorbeiging. Die andere Person musste den Schlauch mit Spritzdüse halten. Ein Wasserstrahl bis zu sieben Metern war möglich. Das Holz in den Dächern sollte man mit einem flammhemmenden Mittel streichen. Das war aber im Brandfall wirkungslos. Es wurden auch Kurse für den Luftschutz abgehalten. 292 Stammheimer waren laut den Mitgliedskarten von 1939 Mitglieder im Reichsluftschutzbund und zahlten je einen Beitrag von 1,20 RM pro Jahr.
Bei der Stammheimer Steige besaßen wir eine Wiese. Beim Heuen waren dort Stammheimer mit vielen Pferde- und Ochsenfuhrwerken. In der Nähe der Oelschlägerschen Buchdruckerei, jetzt Freie Ev. Schule, stand eine Scheuer. Da kamen Jabos (Jagdbomber), schossen nach den Leuten, trafen aber niemand, doch die Scheune brannte sofort. Wir waren perplex.
Die Jabos warfen auch metallbedampfte Papierstreifen ab, um den Funk zu stören, die fand man dann auf den Feldern und die Schüler mussten sie einsammeln.
Als Stuttgart am 12. September 1944 bombardiert wurde, hörte es sich bei uns an wie ein fernes Gewitter. Ein blutroter Himmel zeigte sich in Richtung Stuttgart und am 23. Februar 1945 auch in Richtung Pforzheim.
Unser russischer Kriegsgefangener hieß Paulowski. Laut Gesetz durfte er nicht in die Zeitung blicken oder die Bilder ansehen und musste allein an einem extra Tisch essen. Das beachtete mein Vater aber nicht und ein Besucher beanstandete dies. Mein Vater sagte: „Wir schaffen miteinander und wir vespern auch miteinander.“ Das zog eine Meldung beim Ortsgruppenleiter nach sich. Dieser kam zu meinem Vater: „Jakob, ich muss dich strafen um fünf Mark ... soundso … das darfst du ja nicht mehr machen!“ Tage später kam er wieder und sagte: „Jakob, guck mal, da kann man reinsehen in deine Stube, da ist schon wieder gemeldet worden, dass der Russe bei dir am Tisch hockt.“
Bei Kober Gretle (Kober im Hof, links der heutigen Bäckerei Raisch) war der Pole „Schiwek“ zur Arbeit in der Landwirtschaft eingeteilt. Den haben wir Buben immer geärgert. Zuerst riefen wir nach ihm und wenn er uns dann sah, fingen wir an zu singen: „Schiwek war ein Pole, vom Arsc..... bis zur Sohle“ und dann wieder von vorn. Da wurde er furchtbar „narret“.
Etwa acht Tage vor dem Brand in Stammheim, dem 20. April, kamen deutsche Soldaten auf dem Rückzug mit 15 Fahrzeugen nach Stammheim. Einen Schützenpanzerwagen, vorne Räder, hinten Raupen, versteckten sie in unserer Scheuer gegenüber dem heutigen Rathaus. Im Heubarn und unserer Holzhütte versteckten sie ihre Volksempfänger und viel anderes Material und sagten: „Wir kommen wieder und holen es, wenn der Krieg aus ist.“ Sie mussten im Heu schlafen, denn in unserem Haus mit drei Familien, wo nur jeder eine Küche, Stube und Schlafstube hatte, war kein Platz mehr für sie. Im Hitlerheim, einem Raum für die HJ (Hitlerjugend) unten im damaligen Rathaus, hatten sie ihre Feldküche stehen. Sie fuhren dann weiter in Richtung Deckenpfronn und nahmen auch Privatautos mit.
Am 19. April hatte die Artillerie bei Kuonath oben in der Molkereistraße, unterhalb von uns, die Kühe im Stall zusammengeschossen. Mein Vater half dann am 20. auch beim Metzgen dieser Kühe im Schlachthaus beim Adler. Dann kam der Bombenangriff. Deshalb verbrannte eine Kuh vor dem Adler auf dem Wagen. Unser Vater holte bei uns schnell die Kühe aus dem Stall und wir fassten noch einen Sack voll Hühner ein. Den Wagen aus der Scheuer zu holen und Wichtiges aufzuladen war nicht mehr möglich, weil unsere und die Nachbarscheunen an der Hauptstraße schon lichterloh brannten. Unser Wohnhaus wurde später durch Funkenflug entzündet und der Keller brannte aus, weil Glut durch die Kellertür und die Läden hinunterfiel. Büchsenwurst hatten wir in einem Fass vergraben als Notverpflegung, aber alles war ungenießbar, die Deckel wölbten sich nach außen.
Viele Auswärtige hatten in den Nachrichten im Radio die Meldung gehört: „Schwere Kämpfe um Calw“. Das war eine der üblichen Übertreibungen, da gab es keine großen Kämpfe, von den Luftangriffen abgesehen.
Nach dem Zusammenbruch richteten sich die Marokkaner bei uns ein. Sie verpflegten sich nicht nur mit Geflügel. Sie schossen auch Rehe und Wildsäue. Manche Marokkaner fetteten die ganze Herdplatte ein, darauf wurde das Fleisch gelegt. Pfannen hatten sie ja nicht. In dieser Hinsicht waren sie arm dran. Sie aßen auch Igel, das war eine Delikatesse.
Stammheim wurde nicht bombardiert, weil man noch Soldaten an den Brunnen vermutete, sondern weil die anrückenden Franzosen oberhalb dem Oberen Calwer Weg auf der Umgehungsstraße beschossen wurden und weil keine weiße Fahne gezeigt wurde. Erst als es brannte, hing Paul Pfeiffle von sich aus eine weiße Fahne aus dem Kirchturm.
„Das Gasthaus Adler blieb erhalten“ – Gertrud Mundinger, geborene Haug, berichtet
Meine Eltern führten das Gasthaus zum Adler. Etwa bis 15. April 1945 hatten sich in unserem Lokal deutsche Soldaten, ein Stab, einquartiert. Sie waren mit ihren Motorrädern oft in Richtung Nille unterwegs. Als der Feind näherkam, setzten sie sich rechtzeitig ab und wir konnten das Erdgeschoss wieder benutzen. Am 19. April beschädigten dann Granatsplitter unsere Fenster und rissen die Drähte der elektrischen Freileitung herunter. Beim Bombenangriff am nächsten Tag, dem 20. April, sah ich aus unserer Metzgerei im Untergeschoss Flugzeuge über der Gechinger Straße, eines kam im Sturzflug herunter.
Meine Mutter und ich liefen nach dem Angriff gleich hinaus in die Kömpfsche Baugrube unten an der Galgenbergsteige. Diese füllte sich durch Frauen und Kinder, die sich hier sicherer fühlten. Man hatte gehört, was in Calw passiert war, deshalb hatten die Frauen furchtbare Angst. Als dann einige junge deutsche Soldaten, die vom Galgenberg her geflohen waren, auch noch in der Baugrube Schutz suchen wollten, riefen die Leute: „Geht weiter, sonst sind wir auch noch dran.“ Von den Soldaten hörten wir: „Wenn ihr nicht guttut, werfen wir eine Handgranate rein.“
Es hieß dann, wir bräuchten gar nicht mehr heimgehen, im Ort sei alles kaputt, aber um 15.30 erfuhren wir, dass unser Haus noch stehen würde. Es war uns dann etwas peinlich, dass wir davongelaufen waren, denn viele Leute löschten an unserem Hinterhaus oben im Hof mit Hilfe einer kleinen Eimerkette mit Gülle. So wurde auch verhindert, dass der Adler abbrennt. Unser Nachbar Friedrich Schöttle drückte die brennende Wand seiner Scheune mit Stangen so hinüber, dass sie ins Feuer fiel und nicht auf unsere Seite.
Unser Großvater war im Adler geblieben und wollte vorsorglich ausräumen. Auf der Bühne fing er an und warf die Mehlsäcke herunter. Die platzten alle auf und an der Hauptstraße sah es dann entsprechend aus.
Nach dem Brand war unser französischer Gefangener „Marseille“, der bei uns zum Helfen eingeteilt war, zum Glück nicht gleich weggegangen.
Vor dem Adler standen zwei Kastanienbäume. Einer wurde durch die Hitze so geschädigt, dass er gefällt werden musste.