Wolfgang Hellmich blättert in den tausenden Briefen seiner Großeltern aus dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Buck

Die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, aber auch die alltäglichen Dinge finden sich nebeneinander. In zig Briefen kommunizieren Annie und Ernst während des Zweiten Weltkrieges. Ihr Enkel macht die Briefe heute öffentlich zugänglich.

Bad Teinach-Zavelstein - "Du bist der Mittelpunkt und die Seele unserer Familie und Du fehlst nun. Es ist alles so leer hier." Es sind diese Sätze, die Wolfgang Hellmich auch heute noch berühren – mehr als 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Es sind die Zeilen von Marianne, kurz Annie, an ihren Ernst. Die beiden sind die Großeltern von Hellmich und haben sich während des Zweiten Weltkrieges zahllose Briefe geschickt. 1500 waren es am Ende des Krieges 1945. "Sie wollten den anderen an ihrem Leben teilhaben lassen und haben sich vorgenommen, jeden Tag zu schreiben", erklärt Hellmich. Und der 66-Jährige hat die umfangreiche Briefsammlung von seiner Mutter Helga geerbt.

Inzwischen lebt der gebürtige Konstanzer in Bad Teinach-Zavelstein-Sommenhardt und hat die Briefe über Jahre hinweg feinsäuberlich sortiert und abgeheftet. Sieben dicke Leitz-Ordner sind dabei zusammengekommen. Die Schriftbilder völlig unterschiedlich. Mal maschinell geschrieben, mal von Hand, mal mit Bleistift, auch in Altdeutsch oder Sütterlin, später in der Hektik des Krieges stenografisch abgekürzt. "Das Altdeutsch kann ich inzwischen besser lesen, aber das Sütterlin nicht", erklärt Hellmich, wie mühsam es war, zunächst alles zu verstehen. Seine Mutter konnte die alten Schriften aber lesen und tippte sämtliche Briefe in mühevoller Arbeit ab. "Zwei Jahre hat das gedauert", erinnert sich Hellmich. Doch das sei für seine Mutter in gewisser Weise auch eine Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit gewesen.

Die, zu Kriegszeiten meist grausige, Vergangenheit wird nun durch die Briefe in die Gegenwart gebracht. Denn Hellmich entschied sich dazu, sämtliche Brief in einen Online-Blog einzustellen.

"Das ist eine Dokumentation der Kriegszeiten aus der Sicht der kleinen Leute", sagt Hellmich heute über die ganzen Feldpostbriefe seiner Großeltern. Ernst war vor dem Krieg beim Sozialamt angestellt, Annie Hausfrau und Mutter. Die Briefe machten die Teilhabe am Leben des anderen irgendwie möglich. Seien es Zeichnungen der Kinder zu Weihnachten oder kleine Bilder, Ernst und Annie erzählten sich über Jahre mit Hilfe der Feldpost alles.

Interessant am Schriftwechsel der beiden: Auch darin ist der Verlauf des Krieges abzulesen. Anfangs noch euphorisch berichtet Ernst über reichhaltige Mahlzeiten und Erfolge. Im Laufe der Kriegszeit weicht die Euphorie, ehe Ernst Rosche in seinem Brief vom 30. April 1945 schreibt: "Denn die allgemeine Lage war doch einmal so, daß für uns der Krieg als verloren betrachtet werden muß."

Hellmichs Großvater wurde damals wie viele Soldaten in Kriegsgefangenschaft genommen und überlebte auch noch diese. "Man spürt über die Jahre schon die veränderte Stimmung im Krieg", ist auch Hellmich bei der Lektüre der umfangreichen Feldpost aufgefallen. "Anfangs waren Euphorie und Kriegserfolge groß, doch irgendwann wurden alle immer desillusionierter", so der 66-jährige Hellmich.

Beispielsweise berichtet Ernst im Juni 1944 irgendwo aus Osteuropa folgendes: "Die letzte Nacht war es hier ziemlich unruhig, weil der Iwan verschiedene Städte in unserer Nachbarschaft heimgesucht hat." Die Kampfhandlungen bezeichnet der Soldat als "Feuerzauber am Himmel". Zu Weihnachten 1944 "peitschen einzelne MG-Granaten über die Eisfelder."

Doch auch in Konstanz kommt der Krieg immer näher, wie Annie an ihren Ernst schreibt: Hier eine weggebombte Brücke, dort 100 Flugzeuge, die über die Stadt dröhnen.

Gottlob blieben die Großeltern von Hellmich am Leben. Ebenso trotzten die Briefe den Schrecken des Krieges – ein Umstand, der mit der geografischen Lage von Konstanz zu tun hatte. Denn die Stadt am Bodensee wurde von den Alliierten nicht direkt bombardiert. Das angrenzende Kreuzlingen gehörte und gehört noch heute zur Schweiz. Und die Eidgenossen verhielten sich neutral, wurde also von den deutschen Kriegsgegner verschont. Glück für Konstanz und die Briefsammlung.

Die geht jetzt zurück nach Konstanz, wie Hellmich verrät. Anfang August trifft sich der Enkel der Briefschreiber mit dem Konstanzer Stadtarchivar und übergibt das gesamte Material. "So kann ich meiner Heimatstadt etwas Sinnvolles vermachen", erklärt Hellmich seine Beweggründe. Über eines ist er sich natürlich im Klaren und klappt den Brief-Ordner wieder zu: "Der Wert als Gesamtdokument ist unschätzbar."