Netanjahu bei einem Besuch im Gazastreifen im vergangenen Jahr. Foto: /Zuma Press Wire

Israels Premier galt jahrzehntelang als rhetorisch aggressiv, aber militärisch zögerlich. All das hat sich seit dem 7. Oktober 2023 drastisch verändert.

In seinem Buch „The Turbulent Life and Times of Benjamin Netanyahu“ beschreibt Haaretz-Journalist Anshel Pfeffer eine Seite des Rekord-Premiers, die außerhalb Israels wenig bekannt sein dürfte: In Netanjahus Büro stünden viele Werke klassischer Wirtschaftsliteratur, so platziert, dass sie Besuchern leicht ins Auge fallen. Als Finanzminister in den frühen 2000ern reduzierte er Bürokratie und Steuern. Und in Reden verwies er gern auf libertäre Denker wie Milton Friedman oder Friedrich von Hayek.

 

Netanjahu hat sich gewandelt

Seit Kurzem aber klang er plötzlich ganz anders. Mit Blick auf Israels drohende Isolation, sagte Netanjahu in einer Rede am Montag, müsse Israels Wirtschaft „autarke Züge“ entwickeln und zu einer Art „Super-Sparta“ werden, ein Land also wie der griechische Stadtstaat: wirtschaftlich abgeschottet, hochgradig militarisiert. Nachdem Israels wichtigster Aktienindex daraufhin deutlich absackte, versucht Netanjahu, das Zitat wieder einzufangen: Er habe lediglich den Rüstungssektor gemeint, nicht die Wirtschaft insgesamt. Viele Beobachter zeigen sich trotzdem weiterhin besorgt – und irritiert.

Denn die „Super-Sparta“-Rede ist nur das jüngste Beispiel dafür, wie sehr Netanjahu sich seit dem Hamas-Massaker gewandelt hat. Bis dahin hatte es unter politischen Kennern in Israel weitgehend als Konsens gegolten, dass Netanjahu zwar zu aggressiver Rhetorik neigt, militärisch jedoch zurückhaltend agiert. So drohte er über Jahre mit einem Angriff auf das iranische Atomprogramm, machte diese Drohungen aber nie wahr – bis zum Juni dieses Jahres. Auch frühere Militäroperationen im Gazastreifen stoppte er nach relativ kurzer Zeit, oft auf Druck aus den USA hin – und entgegen den Forderungen radikaler politischer Partner.

Seit zwei Jahren aber geht Benjamin Netanjahu teils atemberaubende militärische Risiken ein. Den Plan zur Einnahme der Stadt Gaza setzte er gegen Warnungen aus der Armeeführung durch. Mit dem Schlag auf Hamas-Führer in Katars Hauptstadt Doha keine 40 Kilometer entfernt von der größten US-Militärbasis im Nahen Osten vergrätzte er seinen mächtigsten Verbündeten, Donald Trump. „Er verarscht mich“, soll sich der US-Präsident dem „Wall Street Journal“ zufolge ereifert haben.

Katar hatte sich bisher als Mittler zwischen Israel und der Hamas in den Verhandlungen um eine Waffenruhe und die Freilassung der israelischen Geiseln engagiert. „Möglicherweise denkt Netanjahu wirklich: Wenn Israel den militärischen Druck auf die Hamas erhöht, geht diese eher Kompromisse ein“, sagt Gideon Rahat, Politikwissenschaftler der Hebräischen Universität in Jerusalem, unserer Zeitung. „Aber klar ist auch: Netanjahus höchstes strategisches Ziel besteht darin, sich an der Macht zu halten. Alles andere wird dem untergeordnet.“

Gegner warten auf die Wahlen 2026

Manche Beobachter gehen noch weiter. Der Arzt Hagai Levine, der bis 2021 der israelischen Vereinigung für Öffentliches Gesundheitswesen vorsaß und nun eine Organisation von Geiselfamilien unterstützt, forderte in einer Fernsehsendung, Netanjahu müsste sich psychiatrisch untersuchen lassen. „Stellen Sie sich vor, wir hätten einen Premierminister, der davon überzeugt wäre, klüger zu sein als alle Generäle, Ökonomen, Ärzte und Professoren, und der sicher wäre, dass nur er uns retten könnte“, legte er auf der Plattform X nach. „Würden Sie wollen, dass er von einem Psychiater untersucht wird?“

Ganz so weit geht der Politologe Rahat nicht. Doch auch er zweifelt an der Rationalität hinter dem Handeln des Regierungschefs. „Netanjahu ist umgeben von Menschen, die ihm loyal sind. Er bekommt so gut wie keinen Widerstand“, sagt er. „Es ist denkbar, dass er die Verbindung zur Realität verloren hat.“ Netanjahus Gegner warten sehnsüchtig auf die kommenden Wahlen, angesetzt für Ende 2026 – sofern der Premier nicht, wie viele fürchten, die Krisenlage heranzieht, um die Wahl zu verschieben. „Dafür hätte er keinen historischen Präzedenzfall“, sagt Rahat. „Aber ausschließen kann man nichts mehr.“