Vor einem Jahr hat Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine massiv ausgeweitet. Die Ergebnisse sind verheerend, die Erkenntnisse für Deutschland und die Nato bitter, kommentiert Chefredakteur Christoph Reisinger.
Entlarvend, wie häufig in Deutschland – und beileibe nicht nur hier – davon die Rede ist, Russland habe die Ukraine „vor einem Jahr“ mit einem Angriffskrieg überzogen. In Wirklichkeit schritt Europas mit Abstand stärkste Militärmacht bereits 2014 zur Aggression und raubte der Nachbarin Staatsgebiet. Den brutalen und krass völkerrechtswidrigen Angriff führte Russland danach zuweilen auf kleiner Flamme weiter; aufgehört hat er aber auch vor dem 24. Februar 2022 zu keiner Zeit.
In Feigheit erstarrt?
Jetzt davon zu reden, jener 24. Februar stehe für den Kriegsbeginn, ist pure Verdrängung. Offenkundig funktioniert das Ausblenden der eigenen, über Jahre begangenen sicherheitspolitischen Fehler hierzulande noch immer.
Der Zusammenhang indes zwischen dem willfährigen Wegsehen im Westen über die russische Landnahme und dem, was der russische Präsident Wladimir Putin daraus geschlossen hat, ist unübersehbar: Die Ukraine schien ihm leichte Beute, der Rest Europas in Feigheit erstarrt.
Mit Scham und Ernüchterung
Ein gewaltiger Trugschluss! Zum Glück. Aber seine Folgen sind verheerend: Tausende Ukrainer und Russen umgekommen oder verwundet, Millionen Ukrainer auf der Flucht, die Ukraine schwer versehrt, Aussicht auf Waffenruhe gleich null, Europas Friedensordnung dahin, die Weltwirtschaft in Schieflage. Dass auch Deutschland Putins fatalen Denkfehlern so viele Jahre Vorschub geleistet hat, bleibt im Nachhinein mit Scham und Ernüchterung festzuhalten.
Peinliches Gerangel
Mit der massiven Ausweitung des russischen Angriffs vor einem Jahr haben sich allerdings nicht nur Trugschlüsse als solche erwiesen. Unumstößliche Wahrheiten haben sich knallhart bestätigt. Etwa die, dass die Sicherheit der Europäer – auch derjenigen in Nato und EU – von Amerika abhängt. Zuletzt das peinliche Gerangel der Europäer darum, wer der Ukraine welche Panzer wann zur Verfügung stellt, und die bestürzend bescheidenen Ergebnisse dieser Aufwallungen machen es unübersehbar: An Worten und Strategiepapieren herrscht kein Mangel in Europa, an solider Sicherheitsvorsorge umso mehr.
Mit abenteuerlichen Ausflüchten
Unvergessen, wie die Kabinette Merkel und auch schon ihre Vorgänger unter großem öffentlichem Beifall Jahr um Jahr mit abenteuerlichen Ausflüchten begründeten, warum Deutschland seinen Beitrag zur eigenen Sicherheit und zu der seiner engsten Partner schuldig bleibt. Das war billig und bequem. Falsch war das allerdings auch.
Immerhin: Nato und EU zeigen sich angesichts der russischen Anmaßung geschlossener denn je. Ohne ihre Hilfe wäre die Ukraine in dem nach dem Jahr 1991 so oft und gern beschworenen gemeinsamen Haus Europa allein mit dem wild gewordenen Riesen Russland. Der spuckt auf seine Verträge und Zusagen. Mit jedem Tag isoliert er sich weiter. Und er stößt seinerseits an unumstößliche Wahrheiten in diesem Krieg, und das mit Wucht.
Auf ganzer Linie abgewirtschaftet
Etwa die, dass es leicht ist, einen Krieg anzufangen, aber schwer, ihn zu beenden. Über die Erfolgsaussichten der russischen Streitkräfte lässt sich zwar nur spekulieren, politisch und wirtschaftlich aber hat das Land auf Jahre jeden Kredit, jedes Vertrauen verspielt. Abgewirtschaftet nennt man das.
Wo bleiben die Vermittler?
Aus diesem Grund fehlt jede belastbare Grundlage für Verhandlungen mit dem Putin-Regime. Ohne Vermittlung von außen, die mit der Bereitschaft einhergeht, Garantien auf Zusagen der Kriegsparteien abzugeben, wird es nicht gehen. Allenfalls China, die Türkei und die USA kommen dafür infrage. Amerika und China allerdings eingeschränkt, da sie jeweils klar Partei ergriffen haben. Allein das zeigt schon, wie weit dieser Krieg von einem Ende entfernt ist.