Seit rund 15 Jahren gibt es ein neues Wettrüsten im All. Auch die Bundesregierung macht sich Gedanken, wie sie sich aufstellt und arbeitet an einer Weltraumsicherheitsstrategie.
Als Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine überfiel, fand eine der ersten Attacken russischer Einheiten nicht am Boden oder in der Luft statt – sondern im Weltraum. Per Hackerangriff wurde der Kommunikationssatellit KA-SAT 9A gestört, der auch von der Ukraine genutzt wurde. Daraufhin brach die Kommunikation der ukrainischen Streitkräfte zusammen. Dieser Angriff wirkte sich sogar auf Deutschland aus. Durch den Ausfall des Satelliten konnten Tausende Windkraftanlagen in der Nordsee nicht mehr gesteuert werden.
Der Vorfall zeigt einmal mehr, wie wichtig der Weltraum für die Infrastruktur auf der Erde geworden ist. Navigation, Kommunikation oder Wettervorhersagen – viele Anwendungen wären ohne Satelliten längst nicht mehr denkbar. Aber auch in den militärischen Strategien spielt das All eine immer größere Rolle.
Laserwaffen gegen Satelliten
Experten sprechen seit langem von einem neuen Wettlauf im Weltall – der auch zu einem Rüstungswettlauf geworden ist. Ein „ungezügelter Konkurrenzkampf zwischen Staaten“ nehme Fahrt auf, beschreibt der Bundesnachrichtendienst (BND) die Lage. Immer mehr Nationen wollen ihre Präsenz im Weltraum vergrößern. Dabei geht es nicht mehr nur um Überwachung und Kommunikation, sondern auch darum, gegnerische Satelliten mit Lasern außer Gefecht zu setzen oder sie gar mit Raketen zu zerstören. Auch die Bundesregierung will dieser Entwicklung Rechnung tragen und erarbeitet derzeit eine Weltraumsicherheitsstrategie. Sie soll noch im Herbst vorgestellt werden.
Wie ist Deutschland bisher im All aufgestellt?
Schon heute ist Deutschland im Weltraum aktiv. Die Bundeswehr nutzt Satelliten etwa für Kommunikation und Überwachung. Zudem gibt es ein Weltraumkommando der Bundeswehr in Uedem am Niederrhein. Es ist unter anderem dafür zuständig, ein Lagebild für das All zu erstellen. Dazu gehört etwa zu wissen, wann chinesische oder russische Spionagesatelliten deutsche Truppenübungsplätze überfliegen. Das betraf in der Vergangenheit etwa Standorte, an denen ukrainische Soldaten ausgebildet wurden. Außerdem unterstützt man von Uedem aus Soldaten in Auslandseinsätzen. Dem Kommando sollen in Zukunft über 200 Soldaten angehören. Auch der BND soll eigene Spionage-Satelliten erhalten. Das System solle 2025 einsatzbereit sein, verlautet aus Sicherheitskreisen. In einer Tätigkeitsbeschreibung der Bundeswehr heißt es, man arbeite eng mit dem deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt zusammen.
Zwei gewaltige Teleskope in Meßstetten
2025 sollen zwei riesige Teleskope auf dem Truppenübungsplatz im baden-württembergischen Meßstetten (Zollernalbkreis) aufgestellt werden. Die zwei neuen Teleskope sind ein Teilprojekt des künftigen Systems zur Weltraumüberwachung und ermöglichen die eigene Beobachtung und Verfolgung von Objekten im Weltraum.
Die Bundeswehr wolle sich unabhängiger machen von anderen Nationen, sagte jüngst ein Bundeswehrsprecher. Man baue die Weltraumaktivitäten und -fähigkeiten weiter aus – mit dem Ziel „der Realisierung einer möglichst vollumfänglichen Weltraumüberwachung“. Der Erfassungsbereich der Teleskope erstreckt sich in Höhen von rund 400 Kilometern bis zu 36 000 Kilometern. Die gesammelten Daten werden in das Lagezentrum in Uedem eingespeist und dort zusammen mit anderen Daten zu einer Gesamtlage verarbeitet.
Dennoch ist Deutschland noch immer vielfach von anderen militärischen Partnern abhängig: Satelliten werden etwa vom US-Unternehmen Space X ins All befördert, bei der Erdbeobachtung muss man sich bisweilen von den USA helfen lassen.
Was ändert sich gerade bei der Weltraumstrategie?
Dass der Weltraum auch militärisch an Bedeutung gewinnt, ist keine ganz neue Entwicklung. „Wir sehen schon seit 10 bis 15 Jahren ein sich beschleunigendes Wettrüsten im All“, sagt Antje Nötzold von der Technischen Universität (TU) Chemnitz im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Politikwissenschaftlerin forscht zum Thema Weltraumsicherheit. Einige Zahlen verdeutlichen, wie sich das Bild verändert hat. Die Zahl der aktiven Satelliten lag im Jahr 2000 noch bei rund 800. Heute sind es über 10 000 Satelliten. Die meisten davon gehören kommerziellen Anbietern, aber es sind eben auch viele Staaten, die ihr Engagement im All verstärkt haben. Die USA bündelten etwa 2019 ihre militärischen Aktivitäten im Weltraum in einer eigenen Teilstreitkraft. Auch die Nato reagiert darauf. Seit 2021 kann auch ein Angriff auf Satelliten eines Mitgliedsstaats den Bündnisfall auslösen.
Was braucht Deutschland in Zukunft?
Politikwissenschaftlerin Nötzold hält die bisherigen Bemühungen und Aktivitäten nicht für ausreichend. Deutschland müsse auch über offensive Weltraumwaffen nachdenken. „Dabei geht es nicht um Waffen, die andere Satelliten zerstören. Man muss aber in der Lage sein, einen gegnerischen Satelliten zu stören und außer Gefecht zu setzen, bevor dieser das tut“, sagt sie.
Aus Sicht von Nötzold sollte Deutschland sich stärker damit befassen, was sich Hunderte Kilometer über unseren Köpfen abspielt. Andere Länder seien bei der Entwicklung von militärischen Strategien und Doktrinen im All wesentlich weiter. Sie sagt: „Die Weltraumsicherheitsstrategie der Bundesregierung kann nur der Anfang sein.“