Die Iranerin Maryam aus Lörrach hat Angst. Ihre Hoffnung: Dass es im Iran Frieden und ein demokratisches System gibt. Und dass es ihrer Familie in der alten Heimat gut geht.
Vor über 20 Jahren ist die Mittvierzigerin mit ihrem Mann aus dem Iran zum Studieren nach Deutschland gekommen. Zunächst nach NRW, später nach Baden-Württemberg. Im Anschluss an ihre Promotion arbeiten beide aktuell in der Schweiz, lebten lange mit ihren zwei Kindern in Lörrach.
„Eigentlich wollten wir nach dem Studium wieder zurück. Aber angesichts der Lage im Iran sind wir hier geblieben“, erzählt sie beim Treffen mit unserer Redaktion. Denn schlimm sei die politische Situation in ihrer alten Heimat schon lange.
Regelmäßiges Urlaubsziel
Doch regelmäßig fährt die Familie zum Urlaub in die Heimat. „Die Kinder lieben es, haben so viel Spaß mit der großen Familie“, erzählt Maryam. Man spürt: Sie liebt ihr Land, das gute Essen, die schönen Landschaften, die berühmte Kultur. Und man spürt ihre Unruhe über das, was aktuell an Bildern und Nachrichten aus dem Nahen Osten zu sehen und zu hören ist. „So gefährlich war es noch nie“, sagt sie.
Kaum erträglich
Den Zugang zu Instagram hat sie auf wenige Minuten am Tag reduziert. „Ich kann das nicht dauernd ansehen, all die Bilder mit Rauch und Bomben. Und man weiß, in den zerstörten Häusern lebten Menschen. Ich habe Angst um meine Freunde, meine Familie.“
Denn Luftschutzbunker oder ähnliche Schutzvorrichtungen gebe es im Iran nicht, nicht einmal Alarm. „Die Menschen können nirgends hin“, sagt sie.
Angst um die alten Eltern
Telefonieren ist ebenfalls schwierig. Sporadisch erreichen sie Anrufe von den über 80-jährigen Eltern. „Wir selbst kommen gar nicht durch.“ Am ersten Tag des Angriffs erreichte sie spät eine Nachricht ihrer Schwester. „Hallo, hier hört man Explosionen, aber uns geht’s prima. Ich geh’ jetzt schlafen. Mach dir keine Sorgen.“ Von wegen keine Sorgen! Maryam weiß, wie entspannt und cool ihre Schwester ist.
Täglicher Abschied
Doch nicht alle sind so. Eine andere Bekannte aus dem Iran verabschiedet sich beispielsweise seit den Angriffen von jedem Gesprächspartner mit den Worten: „Leb wohl. Vielleicht hören wir uns nie wieder.“ Die Menschen sind eben unterschiedlich, gehen unterschiedlich mit Krisen und Ängsten um, sagt sie nachdenklich.
Viele Europäer hätten ein einseitiges Bild vom Iran. Die Älteren wüssten meist Bescheid. Doch viele Jüngere hätten nur die Bilder von Mullahs und schwarz gekleideten Frauen im Kopf. Dabei sei gerade die junge Bevölkerung sehr modern und modebewusst. „Bevor wir in Urlaub fahren, kaufe ich immer neue Kleider. Die sind da so chic und machen sich zurecht. Viele tragen längst kein Kopftuch mehr, vor allem in der Hauptstadt Teheran und andere Großstädten.“
„Ich bin total gegen den Krieg. Aber vielleicht braucht es das, damit endlich dieses Regime verschwindet. Viele Iraner leben gerade zwischen Angst und Hoffnung.“ Über den Weg dahin ist sie auch mit ihren Freunden nicht immer einig. „Einige lehnen den Krieg absolut ab.“ Das Ziel eines demokratischen Irans aber verbinde alle. Dann könnten sie sich auch vorstellen, wieder dort zu leben. Denn Maryam vermisst ihr schönes Land schon. Was ihr hier am meisten fehlt? „Die Spontaneität! Einfach locker etwas Schönes unternehmen, ohne zu planen, zu reservieren, zu organisieren“, lächelt sie. Und das gute Wetter.
Sie weiß aber auch, was sie im Iran vermissen würde. „Das friedliche Miteinander der Nachbarländer, ohne Grenzen, über die man einfach radeln kann.“
Und dass man hier Polizisten voller Vertrauen begegnet. „Im Iran macht es einen sofort nervös, man bekommt Angst, wenn man einen Polizisten sieht.“
So viele sind gestorben
Maryam macht sich Sorgen um ihr Land. Furchtbar war erst kürzlich die brutale Zerschlagung der Proteste: „Es sind so viele junge Menschen gestorben. Darunter einige Bekannte von uns“, sagt sie traurig.
Sie würde sich noch mehr Solidarität aus Europa wünschen. „Vielleicht denken viele, der Nahe Osten ist ja weit weg, und da gibt es immer Krieg.“ Sie wünscht sich aber, dass dieser Krieg genauso viel Beachtung findet wie der Ukraine-Krieg.
Bilder bleiben im Kopf
Manche Bilder bekommt sie nicht aus dem Kopf. Zum Beispiel das Foto eines brennenden Wolkenkratzers in Teheran, ihrer Heimatstadt. Das hat ihr eine Freundin geschickt. „Sie sitzt da in ihrem Büro und und schickt dieses Bild in eine WhatsApp-Gruppe von Uni- Freunden und schreibt: ,So sieht jetzt bei mir aus’. Und ich denke: Kommt sie unverletzt wieder nach Hause?“