Eine russische Drohne, gebaut im Iran, am Himmel der Ukraine Foto: dpa/Efrem Lukatsky

Russland zielt gebärdet sich wie ein Terrorist. Im Visier sind dabei zuvörderst Ziele in der Ukraine – aber nicht ausschließlich, kommentiert Christian Gottschalk.

Romantisierende Vorstellungen von einem Krieg sind immer fehl am Platze. Aber es gibt doch so eine Idee in den meisten Köpfen, wie ein Krieg vonstatten gehen sollte. Da kämpfen Soldaten gegeneinander auf einem Schlachtfeld, dereinst mit Schwert und Säbel, später mit Musketen, Maschinengewehren und Panzern. Die Zivilbevölkerung, wenn sie nicht gerade das Pech hat genau dort zu wohnen, wo die Front verläuft, sollte von direktem Beschuss verschont bleiben.

 

Vorbilder in der Geschichte

Kriege funktionieren natürlich nicht in dieser Art und Weise. Man muss in den Geschichtsbüchern gar nicht so weit zurückblättern. Nachdem die deutsche Luftwaffe erkannte, dass sie nicht die Lufthoheit über England erringen würde, fielen die Bomben nicht mehr gegen die Stützpunkte der Royal Air Force, sondern gegen alles und jeden. Das Ziel: die Moral der Bevölkerung zu brechen. Dass Coventry 1940 nahezu komplett zerstört worden ist lässt sich nicht mit militärischer Schlachtfeldlogik rechtfertigen. Von deutschen Grausamkeiten gegen sowjetische Zivilisten ganz zu schweigen. Der bewaffnete Einsatz gegen die Bevölkerung hat also geschichtliche Vorbilder. Das macht es nicht besser, wenn Russland derzeit dabei ist, die Ukraine in Schutt und Asche zu legen und gezielt die Einrichtungen der Infrastruktur ins Visier der Raketen und Kamikazedrohnen zu nehmen.

Europa hat ein Luxusproblem

Da es auf dem Schlachtfeld nicht so voran geht wie vom Kreml erhofft, wird nun das zerbombt, was die Menschen hinter der Front benötigen. Wie lebensnotwendig Strom, Wasser und Heizung sind, das bekommt in Europa gerade jeder zu spüren, obwohl er sich beim Verbrauch lediglich einschränken soll. Das ist ein Luxusproblem verglichen mit den Zuständen zwischen Lviv und Charkiv. Dort ist ein Drittel der Einrichtungen für Licht und Wärme zerstört. Vielerorts gibt es nichts mehr, was man noch beschränken könnte. Und bis es richtig kalt werden wird, hat Russland noch viel Zeit, auch die Versorgungseinrichtung zu treffen, die gerade noch notdürftig ihren Dienst verrichten. Das ist keine moderne Form der Kriegsführung. Das erinnert an Terrorismus.

Völkerrecht schützt Zivilisten

Völkerrechtlich sind solche Angriffe zu verurteilen – auch wenn die Lage nicht so einfach ist, wie es im ersten Augenblick scheint. Selbst Angriffe auf Atomkraftwerke sind nicht unter allen denkbaren Umständen geächtet. Beim massiven Beschuss der Infrastruktur wiegt der Schutz der Zivilbevölkerung unter dem Strich aber deutlich schwerer als alles andere. Dass sich die russischen Truppen und ihr Oberbefehlshaber im Kreml nicht scheren um die Regeln der Weltgemeinschaft, dass haben sie schon häufig sehr deutlich gemacht.

Herausforderung für den Westen

Dass das russische Kalkül aufgeht scheint wenig wahrscheinlich. Die deutschen Bomben auf England haben die Briten seinerzeit jedenfalls nicht dazu gebracht, die Waffen nieder zu legen. Und es steht zu erwarten, dass sich auch die mit dem Sacharow-Preis ausgezeichneten Ukrainer weiterhin den Aggressoren entgegen stellen, selbst wenn sie im Winter ohne Heizung und Wasser in ihren zugigen Häusern sitzen. Die Kamikazedrohnen der Russen sind aber auch eine Herausforderung an all die westlichen Unterstützer der Ukraine. Hier heißt die Botschaft: Seht her, der Krieg wird noch lange dauern, und er wird für euch viel teurer als ihr Euch vorstellen könnt. Nicht nur in den USA, wo die Zwischenwahlen unmittelbar bevor stehen, regt sich schon Widerstand gegen die Milliarden, die Tag für Tag nach Kiew fließen. Wenn die Ukraine überleben soll, dann muss die Moral ihrer Unterstützer ebenso in Takt bleiben wie die der attackierten Bevölkerung.