Ein harmlos erscheinender Stock wurde dem dreijährigen Jayden-Lennox aus Onstmettingen zum Verhängnis. Denn der Stock war gar keiner, sondern eine giftige Kreuzotter. Der Spaziergang auf dem Hohberg endete für ihn auf der Intensivstation.
Albstadt-Onstmettingen - Jayden-Lennox war an Fronleichnam am vergangenen Donnerstag mit seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern auf dem Hohberg spazieren. Der Dreieinhalbjährige ist ein kleiner Abenteurer, erzählt sein Vater, Steven Moos, im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten. Jayden-Lennox griff daher beherzt nach einem Stock auf dem Boden, um ihn aufzuheben. Doch plötzlich erwachte das vermeintliche Stück Holz zum Leben und biss den Jungen in die Hand. Denn was für den Dreijährigen aussah wie ein Zweig, war in Wirklichkeit eine giftige Kreuzotter.
Jayden-Lennox weinte vor Schmerz, seine Hand schwoll sofort an. Steven Moos eilte nach dem Anruf seiner Frau zu seiner Familie; der Krankenwagen war schnell da. "Ich dachte mir schon, dass es eine Kreuzotter ist", meint der Vater des Kindes. Seiner Frau gelang es, ein Foto von der gut einen halben Meter langen, dunkelbraunen Schlange zu machen, bevor diese das Weite suchte.
Nach etwa zehn Minuten verlor Jayden-Lennox kurzzeitig das Bewusstsein. Die Ersthelfer forderten daraufhin den Rettungshubschrauber an, der den Dreijährigen im Beisein seines Vaters ins Schwarzwald-Baar-Klinikum nach Villingen-Schwenningen flog. In Rücksprache mit der Vergiftungs-Informations-Zentrale am Universitätsklinikum Freiburg wurde Jayden-Lennox dort umgehend auf der Intensivstation behandelt.
Arm wurde immer dicker
Zwischenzeitlich hatte sich das Gift der Schlange weiter ausgebreitet, der Arm wurde immer dicker. "Kreuzotterbisse bei Kindern sind recht selten, daher herrscht über vieles noch Unklarheit und man ist doppelt vorsichtig", sagt der Vater.
Das bestätigt auch Uwe Stedtler, Stellvertretender Leiter der Vergiftungs-Informations-Zentrale Freiburg. Auch bei Erwachsenen sei ein Kreuzotterbiss nicht zu verharmlosen, und es könne zu Komplikationen kommen. "Doch wird ein kleines Kind gebissen, ist die Dosis des Schlangengifts im kleinen Körper proportional viel höher als bei Erwachsenen", erklärt der Arzt für Pharmakologie. Daher gelte es schnell, aber überlegt zu handeln.
Gegen Schlangenbisse gebe es verschiedene Gegengifte, die den Körper gegen das Schlangentoxin immunisieren. Das Problem dabei: Auch diese bergen laut Stedtler gewisse Risiken, zudem sind sie in vielen Krankenhäusern nicht vorrätig.
Gegengift gespritzt
In Villingen-Schwenningen hatte man glücklicherweise Zugriff zu ein solches Antivenin. Nach einem Allergietest wurde dem kleinen Körper eine geringe Menge des Gegengifts in mehrstündigem Abstand gespritzt. Und siehe da – es wirkte: "Man konnte fast zuschauen, wie die Schwellung zurückgeht", erzählt Steven Moos. Innerhalb weniger Stunden ging es dem kleinen Mann immer besser.
Am Sonntag, drei Tage nach dem giftigen Schlangenbiss, durfte Jayden-Lennox wieder nach Hause nach Onstmettingen.
Mittlerweile geht es dem Dreieinhalbjährigen wieder richtig gut. Sein Arm ist noch blau verfärbt, aber er isst, trinkt und spielt mit seinen Geschwistern. In den kommenden Tagen muss er nochmals bei seinen Ärzten vorstellig werden, die den Heilungsprozess kontrollieren.
Wenn Jayden-Lennox jetzt spazieren geht, dann hat er riesigen Respekt vor der Natur und ihrer Lebewesen. "Ein Stock ist für uns kein Stock mehr", erzählt Steven Moos.
"Die Schlange kann nichts dafür"
Mit der öffentlichen Erzählung ihrer Geschichte möchte Familie Moos die Tiere nicht verteufeln. Im Gegenteil: "Die Schlange kann nichts dafür", sagt der Vater. "Wir wollen damit die Leute sensibilisieren und aufzeigen, dass man die Natur einfach in Ruhe lassen soll."
Diese Meinung teilt auch der stellvertretende Leiter der Vergiftungs-Informations-Zentrale Freiburg: Zwar seien Kreuzottern auf der Schwäbischen Alb und im Schwarzwald keine Seltenheit, doch man begegne ihnen nur vereinzelt. Bei warmen Temperaturen wie in der vergangenen Woche liegen die Schlangen gerne auf dem aufgeheizten Asphalt, um sich aufzuwärmen. "In der Regel flüchten sie bei Erschütterung", weiß Stedtler. Werden die Schlangen überrascht, wie es der junge Onstmettinger mit seinem bedenkenlosen Griff gemacht hat, könne es aber durchaus sein, dass sie zubeißen. "Kreuzottern können giftig beißen, müssen sie aber nicht", so Stedtler.
Wie gefährlich der Biss ist, kommt auf die Menge des injizierten Gifts an. Der Pharmakologe rät: Bei einem Kreuzotterbiss den Körper ruhig stellen; die Stelle nicht abschnüren oder aufschneiden und ein Krankenhaus aufsuchen. Neben einer Schwellung können auch Kreislaufbeschwerden auftreten. "Es gibt sehr, sehr wenige bekannte Todesfälle durch Kreuzotterbisse, meist hervorgerufen durch allergische Reaktionen", erklärt Stedtler.