Der baden-württembergische Ministerpräsident tritt auf dem Klimagipfel in Glasgow auf wie ein Getriebener. In seiner finalen Amtszeit will er den Klimaschutz voranbringen. Viel Zeit bleibt ihm nicht mehr.
Glasgow/London - Als der Lufthansa-Cityliner vom Typ Bombardier CRJ 900 nach dem Start in Frankfurt die graue Wolkendecke durchbricht, breitet sich der blaue Himmel aus. Vorne am Gang, aber noch in der Holzklasse, ragt keck der weiße Schopf des Ministerpräsidenten hervor. Was mag Winfried Kretschmann in der Enge empfinden, wo er sich schon im Fond seiner PS-starken Dienstlimousinen „wie in einer Sardinenbüchse“ eingesperrt fühlt?
Dort draußen, nur eine Armlänge entfernt, wirbeln frei die Moleküle. Ein heiteres Völkchen, das mal hierhin, mal dorthin tanzt, darunter auch das Kohlendioxid, das Kretschmann zum Klimagipfel nach Glasgow treibt – und zuvor noch in die schottische Hauptstadt Edinburgh zu einem Abendessen mit seiner Amtskollegin Nicola Sturgeon. Man kann sie nicht sehen, diese CO2-Moleküle, nicht einmal Kretschmann, der doch sonst alles weiß und durchdringt. Es sind ja auch nicht gerade viele Kohlendioxid-Moleküle – relativ gesehen. Luft besteht vor allem aus Sauerstoff und Stickstoff. Aber das Kohlendioxid ist wichtig, weil es die Pflanzen nährt. Und es ist gefährlich, weil es eines der Treibhausgase ist, die – im Übermaß vorhanden – unser Klima kippen lassen und die Erde für Menschen zu einem unbarmherzigen Ort machen.
Es braucht grünen Strom. Dringend.
412,5 ppm (parts per million) betrug 2020 der durchschnittliche weltweite Messwert für Kohlendioxid in der Luft. Ein ppm entspricht einem Molekül Kohlendioxid auf eine Million Moleküle trockener Luft. Auf der Zugspitze stieg der Jahresmittelwert 2020 auf 213,6 ppm. Vor 250 Jahren, zu Beginn der Industrialisierung, lag der globale Messwert noch bei 280 CO2-Molekülen. Treibhausgase wie Kohlendioxid oder Methan mindern die Wärmeabstrahlung von der Erde ins All. Die Temperatur steigt. Deshalb ist es wichtig, dass Unternehmen wie Privathaushalte schnell aus der Verbrennung von Kohle oder Kraftstoffen aussteigen. Dekarbonisierung nennt sich das. Bis 2040 will Baden-Württemberg klimaneutral sein, also nicht mehr Co2 ausspucken, als es verschluckt. Dazu braucht es grünen Strom.
Kretschmann regiert seit zehn Jahren. Eigentlich lang genug, um aufzuhören. Dann seien die Kräfte verbraucht, hat sein bayerischer Amtskollege Markus Söder einmal angedeutet. Kretschmann aber will nochmals durchstarten. Er hat noch etwas nachzuholen. Als er 2011 ins Amt kam, musste er sich um vieles kümmern. Erst kam die Volksabstimmung über Stuttgart 21, dann die Flüchtlingskrise, schließlich die Pandemie. Wie sollte er sich da noch groß mit der Klimakrise beschäftigen – und mit der Energiewende, die notwendig ist, um diese abzuwenden? Dazu kommt die Transformation der Autoindustrie. Integraler Bestandteil der Energiewende ist im Verkehrssektor ein Weniger an Individualverkehr und ein Mehr an öffentlichem Transport. Doch Baden-Württemberg verdankt seinen Wohlstand zu einem erheblichen Teil der Produktion von besonders schweren und besonders teuren Fahrzeugen, die mit dem Begriff Auto nur unzureichend zu erfassen sind. Für den Ministerpräsidenten ergibt sich daraus ein echtes Dilemma.
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Aber es hilft alles nichts. Der Südwesten muss mehr Strom aus erneuerbaren Energien produzieren. Der Anteil des im Land produzierten grünen Stroms am Stromverbrauch lag zuletzt bei gerade einmal 26 Prozent. Zwar stieg der Anteil der Erneuerbaren an der Stromproduktion im Land sehr deutlich – von etwas mehr als 30 Prozent auf über 40 Prozent. Aber dies nur wegen des Atomausstiegs: Wenn eine Stromquelle wegfällt und dadurch die Gesamtmenge schrumpft, wächst prozentual der Anteil der anderen Stromquellen an der Stromproduktion. Der Atomstrom wird durch Importstrom ersetzt. Aus welchen Quellen der stamme, vermeldet das Umweltministerium, lasse sich nicht sagen.
„Ich möchte Klimaschutz im gesellschaftlichen Denken verankern“, sagt Kretschmanns neue Umweltministerin Thekla Walker, die Kretschmann nach Schottland mitgenommen hat. Franz Untersteller, ihr Vorgänger und Inspirator der Under-2-Coalition, ist ebenfalls in Glasgow. Die Under-2-Coalition wurde 2014/2015 von Baden-Württemberg und Kalifornien aus der Taufe gehoben. Sie ist eine Vereinigung von Regionen, die sich unterhalb der staatlichen Ebene für den Klimaschutz einsetzen. Ziel war, die Erwärmung durch den Klimawandel unterhalb der Zwei-Grad-Marke zu halten. In Glasgow unterschreiben die Vertreter der inzwischen mehr als 260 Regionen eine Absichtserklärung, die das 1,5-Grad-Ziel ins Visier nimmt.
Kretschmann redet in flüssigem Englisch
Glasgow hält für den Regierungschef eine Premiere bereit: Er hält erstmals eine Rede in Englisch – und dies so flüssig, dass er von der Versammlungsleiterin Joan McNaughton gelobt wird. Kretschmann warnt: „Die Zeit läuft uns davon.“ („Our time is running up.“) Und er stellt Baden-Württemberg als Vorbild dar: Man habe die Fotovoltaikpflicht für Neubauten eingeführt, man wolle die Fahrgastzahlen im öffentlichen Nahverkehr verdoppeln und die Genehmigungsdauer für Windräder halbieren. Viel gute Absicht, aber wie steht es um die Taten?
Schottland ist weiter. Zumindest beim Strom aus regenerativen Quellen. Das Land lebte einst gut vom Nordseeöl, Aberdeen galt als die Ölhauptstadt Europas, doch die Vorräte gehen zur Neige. Inzwischen erstrecken sich entlang der Küste Schottlands bis hinunter nach Ostengland mehrere Tausend Windkraftanlagen – mit bis zu 250 Meter Höhe. Der britische Premier Boris Johnson will das ganze Vereinigte Königreich zum „Saudi-Arabien des Windes“ machen. Und Schottland segelt vorneweg. Die Erneuerbaren werden schon bald den Strombedarf des Landes decken.
Die Windkraft-Bilanz ist kümmerlich
Auf dem Meer vor Edinburgh bewirbt sich die Energie Baden-Württemberg (EnBW) gemeinsam mit dem Ölkonzern BP für den Bau eines Offshore-Windparks mit einer Leistung von 2900 Megawatt. Block 2 des Atommeilers Neckarwestheim bringt es auf 1400 Megawatt. Er geht Ende 2022 vom Netz. Dann ist es vorbei mit der Atomkraft in Baden-Württemberg. Das Projekt „Phönix“ liegt etwa 115 Kilometer vor der schottischen Küste. Kretschmanns Umweltministerin Walker wollte am Montag mit dem Schiff hinausfahren. Doch Schottland, lernt sie, betreibt auch viele Onshore-Windräder. Allerdings: Es windet dort auch sehr.
Die grün-schwarze Koalition will tausend Windräder bauen, die Hälfte davon im Staatswald. Das wird schwer genug. Der jährliche Zuwachs lag zuletzt im unteren zweistelligen Bereich. 750 sind es im Ganzen. Kretschmann und Umweltministerin Walker wissen: Der Staat allein kann die Energiewende nicht erzwingen. Die Bürger müssen mitmachen – in Tausenden und Abertausenden privater Entscheidungen: für ein Solardach, für ein Elektroauto, für eine neue Heizanlage. Kretschmann erinnert an die Pionierrolle Deutschlands bei der Energiewende. Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz sei die nötige Technik gepusht worden: „Dafür, dass wir heute Fahrt aufnehmen können, ist die Grundlage geschaffen worden mit marktfähigen Produkten.“
Kretschmann zeigt Optimismus
Was also wird Atomkraft und Kohle ersetzen? Die Auskünfte verlieren sich im Nebel. Vor Studenten in Oxford bläst Kretschmann zum Aufbruch. Wasserstoff soll als Energiespeicher eine Rolle spielen. Der Ministerpräsident weiß, dass er in der Klimapolitik liefern muss: „Wir verstehen uns in Baden-Württemberg als Beispiel, dass das, was beschlossen ist, auch umgesetzt wird.“ Und: „Wir müssen nicht nur wollen, dass Klimaschutz und Wohlstand zusammengehen, wir müssen es auch zeigen.“
Hoffentlich geht es mit der Energiewende so wie mit dem Flieger: Irgendwann durchstoßen wir die Wolkendecke, und ein freundlicher Himmel breitet sich aus.