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Kreis Rottweil Nach Animal-Hoarding: Tierschützer kommen an ihre Grenzen

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Zahlreiche Katzen wurden gerettet. Foto: Cools

Kreis Rottweil - Balu niest und stößt ein jämmerliches Maunzen aus. Er kann kaum die Augen öffnen. Der braune Kater ist am Katzenschnupfen erkrankt. Er ist eines der vielen Opfer des Rottweiler Animal-Hoarding-Falls, der vergangene Woche publik wurde.

Xenia Frittmann hat nicht eine Katze, nein, sie hat mehr als 30 kleine Stubentiger. Als Stationsleiterin beim Oberndorfer Tierheim hat sie einen Teil der rund 200 Tiere aufgenommen, die aus zwei sogenannten Animal-Hoarder-Haushalten (Tierhortern) in Rottweil und Stetten bei Zimmern ob Rottweil gerettet wurden. Die anderen sind in den Tierschutzstationen in Rottweil, Sulz und Schramberg untergekommen. Viele davon sind am Katzenschnupfen erkrankt, der für die Tiere unbehandelt tödlich enden kann.

Wenn Frittmann daran denkt, wie ihre kleinen Schützlinge gehaust haben, dreht sich bei ihr immer noch der Magen um. "Die Bilder haben sich eingebrannt. Mir wird jedes Mal schlecht, wenn ich daran denke. Man kann nicht in Worte fassen, was das für Zustände waren", erzählt sie und schüttelt bei der bloßen Erinnerung den Kopf.

"Als ich das Gebäude betreten habe, schlug mir ein beißender Uringeruch entgegen", schildert sie die Zustände. Überall hätte Dreck gelegen, Müllberge, Abfall und Maden im Futter. Der Boden sei voll von Tierkot gewesen. "Dass hier ein Mensch wohnt, war unvorstellbar", sagt Frittmann. Sie wolle gar nicht wissen, wie viele Tiere dort zu Tode kamen.

Auch Susanne Heizmann, die seit 25 Jahren Tiere in Sulz und Umgebung rettet und eine private Pflegestelle betreibt, war vor Ort. Sie half dabei, die verängstigten Katzen einzufangen.

In Sulz sind nun 20 erwachsene Katzen und zwölf Babys in Pflegestellen untergekommen. "Es war grauenhaft. Das Elend ging über drei bis vier Stockwerke. Jedes war vermüllt, stinkend", schildert sie. Deshalb seien die Retter auch nur in Schutzanzügen und mit Atemmaske hineingegangen. Im Keller habe es vor Ratten gewimmelt. Insekten seien angelockt worden.

"Viele wollen einfach nur Geld machen"

Heizmann hatte schon einige Male mit Messie-Haushalten zu tun. Jedes Mal sei es das gleiche Bild. "Da wurde über Jahre hinweg nicht geputzt. Das kann man nicht begreifen. In Rottweil hatten wir nun insofern eine neue Dimension, dass mit Rassekatzen gezielt Geld gemacht wurde", erzählt sie. Umso wichtiger sei, die Tiere zu kastrieren, um Hinterhofzuchten zu vermeiden, meint Frittmann. "Viele wollen einfach nur das dicke Geld machen."

Für sie, die seit 2011 Stationsleiterin in Oberndorf ist, ist es der größte Fall von Tierhortung. Laut Jörg Hauser, Leiter des Veterinär- und Verbraucherschutzamtes am Landratsamt, sei es offenbar auch landesweit der bislang gravierendste Fall.

Bei den geretteten Tieren handelte es sich um mehr als 100 Katzen sowie weitere Tiere. Eines der Kätzchen sei gerade mal einen Tag alt gewesen.

Frittmann ist für die Kitten, also die Katzenjungtiere, verantwortlich. Einige hat sie in ihrer Wohnung, weitere 27 werden auf der Tierstation beherbergt, darunter vor allem Zuchttiere wie Bengalkatzen sowie die haarlose Sphinx-Katze mit Namen Peach, "weil ihre Haut so weich ist wie ein Pfirsich", sagt Frittmann lächelnd und drückt die Katze liebevoll an sich, obwohl sie eigentlich derartige "Qualzuchten" nicht unterstütze, wie sie sagt.

Kätzchen brauchen viel Zuwendung

Danach geht es an die Fütterung der Kleinsten. Die Kitten sind wenige Wochen alt und erkunden bereits ihren Auslauf. Xenia Frittmann wärmt Milch auf und schnappt sich den kleinen Balu, den sie aufgrund seines dunklen Fells und der Pfoten so genannt hat. Als er zu ihr kam, wog er kaum 90 Gramm.

Die Kätzchen brauchen viel Zuwendung. Ihnen müssen regelmäßig die verklebten Augen ausgespült werden. Zudem brauchen sie Antibiotika. Im schlimmsten Fall können die Katzen ihr Augenlicht verlieren oder sterben. So musste Frittman bereits mehrere Katzenbabys betrauern, die es nicht überlebt haben.

Fast alle Tiere würden Spuren miserabler Tierhaltung aufweisen und müssten versorgt werden. Einige hätten die Strapazen nicht überlebt, schildert auch der Tierschutzverein Schramberg.

Einige Tiere überleben Strapazen nicht

Unverständlich für die Tierschützer: Vor zwei Jahren wurden schon einmal sechs Katzen aus demselben Haushalt gerettet. Einige mussten jedoch zurückgegeben werden. Das Ausmaß sei diesmal auch dem Veterinäramt nicht klar gewesen, sagt Frittmann. "Im ersten Moment waren alle einfach nur überfordert mit der Situation", schildert auch Susanne Heizmann.

Das Veterinäramt bekomme derzeit Druck von allen Seiten. Dabei sei es sehr schwer, auf Verdacht einen Durchsuchungsbefehl zu bekommen, erklärt Heizmann. "Dem Amt sind die Hände gebunden, wenn jemand sich nicht kontrollieren lässt", hat auch die Oberndorfer Chefin Frittmann die Erfahrung gemacht.

Bedenklich sei eben nur, dass den Besitzern schon einmal Katzen weggenommen wurde. "Da muss man eben mit aller Härte durchgreifen und stetig kontrollieren. Etwas anderes hilft bei diesen Leuten nicht", weiß Heizmann.

Die Tierschutzvereine im Kreis stehen nun vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Sie haben viele kranke Schützlinge, die sie vermitteln müssen.

Finanzielle Folgen für Tierschutzvereine gravierend

Darunter leidet unmittelbar auch das "Tagesgeschäft". "Alle Pflegestellen sind voll, und das zu einer Jahreszeit, wo von draußen viel reinkommt", weiß die Sulzer Tierärztin Anne von Stromberg. Karen Fischer vom Tierheim Rottweil berichtet: "Wir haben von der Tierärztin einen Aufnahmestopp verhängt bekommen, weil die kranken Katzen ansteckend sind". Dort wurden 24 Katzen und ein Hund aufgenommen.

Auch die finanziellen Folgen sind für die Tierschutzvereine gravierend, wie der Vorsitzende des Schramberger Vereins, Claudio Di Simio sagt. Gut 90 Tiere nahm der Verein auf, darunter viele Hasen, Schafe, Ziegen, Hühner, Enten und mehr. Die Zahl entspreche der Menge, die der Verein normalerweise im Laufe eines Jahres zu versorgen habe. "Es ist wichtig, die Last auf mehrere Schultern zu verteilen", meint er.

"Wir alle stecken massig Energie, Zeit und Medikamente in die Tiere – und das alles ehrenamtlich", sagt die Sulzer Tierfreundin Heizmann. Umso wichtiger sei es, dass die Bürger private Pflegestellen zur Verfügung stellen. Entlastung sei wichtig.

Überwältigt von Hilfsbereitschaft der Bürger

Auch Spenden werden in den Heimen gebraucht. Gleichzeitig ist die Oberndorfer Stationsleiterin Frittmann überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Bürger. "Wir haben Streu, Futter und Geld erhalten. Leider ist es nur ein Tropfen auf den heißen Stein." Auch Ehrenamtliche werden gebraucht. Das Wichtigste sei, dass es den Katzen nun gut gehe. "Für die kleinen Seelen ist das nun das Paradies", sagt Xenia Frittmann lächelnd, bevor sie den kleinen Balu zum Spielen wieder zu seinen pelzigen Kameraden lässt.

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