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Kreis Rottweil Mutter erzählt vom Unfalltod ihres Sohnes

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Tödliche Unfälle hinterlassen bei den Hinterbliebenen tiefe Narben. Foto: Stratenschulte

Kreis Rottweil - Berichte über schwere oder gar tödliche Unfälle schrecken auch im Kreis Rottweil immer wieder auf. Die Kreisverkehrswacht möchte im Zuge ihrer neuen Schilderaktion weiter für das Thema sensibilisieren. In einer neuen Reihe im Schwarzwälder Boten kommt heute die Mutter eines jungen Mannes zu Wort, der bei einem Motorradunfall ums Leben kam.

Franziska Fehrenbacher aus Schramberg-Sulgen schildert in eigenen Worten, wie sich am Donnerstag, 11. September 2008, das Leben ihrer Familie für immer veränderte:

"Der Tag begann wie jeder andere: Frühstück, Vesper richten, Verabschiedungen in den Tag. Ich selbst brach auf zu einer stationären Reha an den Bodensee. Seit Monaten begleitete mich eine Lähmung im rechten Arm. Die Klinik lag direkt am See, ein Paradies. Doch schon in der folgenden Nacht begleiteten mich Heimweh und Schlaflosigkeit. Nach dem Frühstück empfing mich ein Psychologe mit den Worten, ich hätte Besuch von zuhause. Auf meinem Zimmer erwarteten mich drei Ärzte und mein Mann.

Die Todesnachricht hat mich in einen Eisbrocken verwandelt. Eine Schockstarre bemächtigte sich meiner, in der ich nach Luft ringen musste. Sprach- und wortlos packten wir den Koffer und fuhren nach Hause. Dort standen Vorbereitungen für die Beerdigung an. Das Bestattungshaus stand uns zur Seite. Die Nachricht vom Tod unseres Sohnes verbreitete sich schnell. Ein befreundeter Pfarrer aus der Schönstattbewegung rief aus Frankreich an; er unterbrach seine Pilgerreise und kehrte zurück. Auch andere Mitglieder der Jugendgruppe kehrten heim, um Anteil zu nehmen.

Nachts klingelt die Polizei

Ich selbst saß wie im Kühlschrank gefroren mit meinem Mann auf der Terrasse. Fassungslos saß ein befreundetes Ehepaar bei uns. Meine Geschwister mit Anhang, Neffen und Nichten besuchten uns. Wortlos und in Tränen saßen wir drei Tage bei Wasser und Tee zu Hause. Immer wieder klingelte das Telefon. Wie geht es euch? Wie soll es einem auch gehen. Ich hatte das Bedürfnis, mit Stephan zu sprechen. Er war bei der Motorradausfahrt unseres Sohnes mit dabei. Er konnte den Unfall und die Rettungsaktion schildern. Er musste erleben, wie unser Sohn gestorben ist. Auch er konnte die Heimfahrt nicht mehr selbstständig meistern. Weitere Motorradkumpels besuchten das Trauerhaus, auch Arbeitskollegen, Nachbarn und Freunde.

Sicher habe ich einige vergessen, denn ich brauchte sehr viel Beruhigungs- und Schlafmittel. Auch mein Mann und unsere Tochter kamen nicht ohne solche Medikamente aus. Mein Mann als Vater hat sehr viel geweint um seinen Sohn. Er hatte die Todesnachricht alleine entgegennehmen müssen. Nachts gegen 23.30 Uhr. Zweimal Klingeln. An der Tür die Polizei mit zwei Mann und einem Herrn in Schwarz. Es war kein Traum, es war wirklich so, unser Sohn ist tot.

Am dritten Tag nach dem Unfall gingen ich, mein Mann und unsere Tochter in die Kirche. Anschließend erwartete uns der Hausarzt zuhause. Sein Mitgefühl und die Gespräche waren wie Medizin. Am Sonntagabend wurde unser Sohn am Bildstock in Beffendorf von seinen Freunden aus der Schönstattgemeinschaft geistlich verabschiedet. Anschließend ging es zum Totengebet in die Kirche. Sie war voll mit jungen Menschen, Vereinsmitgliedern, Kollegen, Freundinnen unserer Tochter, Vorgesetzte von meinem Mann und mir... Die ganze Schönstattgemeinschaft spendete viel Trost.

Beerdigung kam immer näher

Am Montag Gespräch mit dem Pfarrer über die Gestaltung des Trauergottesdienstes. Nach fast drei Stunden sprechen wir im Zimmer unseres Sohnes ein Abschlussgebet. Dann immer wieder Besuche. Am Abend gehe ich mit schweren Schritten ins Leichenhaus. Unser Hausarzt riet uns, es sei sehr wichtig, ihn nochmals anzuschauen. Im Briefkasten liegen eine Flut von Kondolenzschreiben und Beileidsbekundungen. Mit viel Kraft und Tränen haben wir fast zwei Wochen Briefe geöffnet. Immer wieder Fassungslosigkeit, dass ein lebensfroher junger Mensch gehen musste. Die ehemalige Freundin schreibt umrahmt von dunklen Wolken vier Seiten über unseren Sohn und uns.

Die Beerdigung kam immer näher. Kränze, Schalen und Lichter umhüllten den Sarg; dazu Akkordeonmusik. Wie ein Eisbrocken saß ich vor dem Sarg, vor den vielen Leuten, gehalten und gestützt von meinem Mann und meiner Schwester. Nach dem Friedhof gab es ein Requiem mit Nachrufen. Das Akkordeonorchester und die Schönstattgemeinschaft haben musikalisch alles zu einem sehr schönen Gottesdienst gestaltet.

Der Tag danach: Ein Gang zum Grab; Blumen über Blumen. In der Presse gab es fünf Nachrufe. Da saßen wir wieder mit Tränen am Tisch, während draußen ein schöner sonniger Tag wird. Was soll ich mit dem langen Tag?

Die Anrufe mehrten sich, immer wieder Hilfsangebote, tröstende Worte. Schwester Kyrillia, die 1997 und 2001 eine Mutter-Kind-Kur an der Ostsee geleitet hat, besucht uns, anschließend kamen die Motorradfreunde unseres Sohnes. Eine Physiotherapieeinrichtung hatte spontan Termine frei für mein Wohlbefinden. Die Schulklasse unserer Tochter gestaltete eine schöne Trauerkarte. Ängste und Unsicherheit überkamen auch sie. Sie wurde von der Mutter einer ihrer Freundinnen gut betreut.

Und immer diese Leere

Am Sonntag wieder diese Leere. Im Unterbewusstsein stellte ich noch vier Teller zum Herd. Mein Mann wollte nach dem Essen nochmals an den Unfallort fahren. Wir besuchten anschließend die Unfallgegnerin. Sie arbeitet in einem Hotel unweit vom Unfallort. Eine gute Idee vom Pfarrer aus der Schönstattgemeinschaft war es, dass wir und seine Freunde aus der Gruppe dieser Gemeinschaft uns immer am Freitagabend zum Beten und Singen an seinem Grab treffen. Auch sein Gottesdienst am Unfallort nachts mit Fackeln und MP3-Player war sehr bewegend.

Wortlos und fassungslos liegen wir nachts im Bett, zittern und weinen. Trotz des großen Zuspruchs führte uns der Weg immer auch zu Beruhigungsmitteln. Unser Gesundheitszustand nahm jeden Tag weiter ab. Die Abende sind sehr lang und dunkel.

Meine Gedanken gehen an alle, die auf den Straßen unterwegs sind. Schaut euch den Gesundheitszustand und die Narben der Hinterbliebenen an. Die Entscheidung kann jeder selber treffen."

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