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Kreis Rottweil Mord in Wilflingen: "Mustafa Y. tötete in voller Absicht"

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Staatsanwalt Grundke fordert eine 13-jährige Haftstrafe für den Wilflinger Todesschützen (verdeckt), Verteidiger Geprägs maximal neun Jahre. Foto: Archiv

Kreis Rottweil - Sie hat lange geschwiegen, nichts mehr gesagt in diesem Prozess, in dem es um die Tötung ihres Mannes geht. Am Donnerstag, am vorletzten Verhandlungstag, ergreift die junge Witwe noch einmal das Wort. Sie will das Bild, das von ihrem Mann in den Verhandlungstagen davor gezeichnet worden sei, so nicht stehen lassen. Er sei hier, vor der ersten Schwurgerichtskammer am Landgericht Rottweil, als "streitsüchtiger Provokateur" hingestellt worden. Das stimme nicht, sagt sie. Gewiss, er sei stolz und selbstsicher gewesen und habe keine Auseinandersetzung gescheut. Aber er sei niemand gewesen, der andere beleidigt habe. Und er sei sich sicher gewesen, dass vom Nachbarn, mit dem man seit zwei Jahren im Streit lag, keine Gefahr ausgehe. "Was soll denn schon passieren? Er kann mir doch nichts tun." Mit diesen Worten habe er sie zu beruhigen versucht.

Es ist aber etwas passiert, etwas sehr Schlimmes sogar an jenem frühen Montagabend im Juli vergangenen Jahres in dem Wellendinger Ortsteil Wilflingen.

Was genau, das zeichnet der Erste Staatsanwalt Frank Grundke in seinem zweieinhalbstündigen Plädoyer detailliert nach. Demnach legt sich Mustafa Y., der fastet und seit dem frühen Morgen nichts mehr zu sich genommen hat, nach der Arbeit, am späten Nachmittag, schlafen. Durch ein Geräusch geweckt, tritt er ans Schlafzimmerfenster. Von dort sieht er, wie sein Nachbar an der Grundstücksgrenze arbeitet. Für ihn ist das ein rotes Tuch.

Es kommt zum Streit, wie schon oft zuvor. Ein Konflikt, in dem es seit zwei Jahren um Umbauarbeiten an dem gemeinsam bewohnten Doppelhaus, um Überfahrtsrechte und die Grundstücksgrenze geht. Dieses Mal jedoch eskaliert die Auseinandersetzung. Grundke geht davon aus, dass das spätere Opfer seinen Nachbarn und indirekt dessen Frau auf Türkisch beleidigt – eine Schlüsselszene für das weitere Geschehen. Denn Y. fasst nun den Beschluss, den Kontrahenten zu töten. "Jetzt ist es vorbei, jetzt komm’ ich runter, jetzt bist du zu weit gegangen", ruft er. Er handelt in voller Absicht, so Grundke.

Y. geht ins Dachgeschoss, holt eine Sportpistole, Kaliber neun Millimeter, bestückt das Magazin, begibt sich an seiner Frau vorbei nach unten hinters Haus und schießt von einem Gerüst aus zwei Mal auf den Nachbarn. Ein Schuss trifft, bereits dieser ist tödlich. Ein weiterer verfehlt das Ziel. Der Getroffene kann ins eigene Haus flüchten, der Schütze geht hinterher. Im Haus selbst feuert er weiter. Ein Schuss trifft den Fliehenden in den Rücken. Weitere Male schießt Y. auf sein Opfer. Er kommt immer näher. Zuletzt drückt er aus nächster Nähe, in einem Abstand von gerade einmal zehn Zentimetern, ab. Er trifft den am Boden liegenden Mann ins Gesicht, neben das linke Auge. Jetzt ist das Magazin leer. Die junge Frau kommt hinzu, als die letzten Schüsse fallen. Sie sieht ihren Mann sterben. Sie sieht auch, das wiederholt sie gestern Morgen, in das Gesicht des Täters. Sie beschreibt ihn als "ruhig, besonnen und strukturiert" in diesem Moment.

Wie ist diese Tat zu bewerten? Die Staatsanwaltschaft ist bereits bei der Anklageerhebung von Totschlag ausgegangen, das Gericht eröffnet wegen Mordes aus Heimtücke. Staatsanwalt Grundke bleibt bei seiner Einschätzung, wenngleich er nach einem Abwägungsprozess die Tat als einen schwereren Fall einstuft. Er spricht davon, dass die Abläufe einer Hinrichtung ähneln. Grundke fordert eine 13-jährige Gefängnisstrafe.

Die Verteidigung sagt, Y. wisse, dass er Schlimmes getan habe. Er wisse, dass er die Familie des Nachbarn und seine eigene zerstört habe. "Damit muss er leben", so Rechtsanwalt Hans-Christoph Geprägs. Er bewertet die Tat ebenfalls nicht als heimtückischen Mord, geht sogar von einer verminderten Schuldfähigkeit seines Mandanten aus. "Nicht mehr als neun Jahre", so würde ein gerechtes Urteil aussehen.

Der Anwalt der jungen Witwe, Jens Rabe, fordert eine lebenslange Haftstrafe. Er sieht das Mordmerkmal der Heimtücke als erwiesen an. Er meint, der Täter habe die Arg- und Wehrlosigkeit seines Nachbarn ausgenutzt. Rabe widerspricht in einem anderen Punkt, einer möglichen erheblichen Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit des Täters: "Y. wusste ganz genau, was er tat", so der Anwalt.

In seinem Schlusswort bittet der Angeklagte, der 39-jährige Mustafa Y., die Familie des Opfers um Verzeihung. Die Witwe reagiert darauf abweisend. Zuvor beklagt sie, der Täter zeige keine Reue. "Es ist toll, wenn jemand sagt, er bereue", doch das müsse man auch tun, sagt sie. Dabei "sitzt er da und tut so, als sei er das alleinige Opfer". Sie werde die Bilder nie vergessen, Bilder, die sie aus dem Schlaf reißen, die sie nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Sie hoffe, er, der Täter, werde diese Bilder auch nie mehr vergessen, sagt sie unter Tränen.

Das Urteil wird am kommenden Dienstag um 10 Uhr verkündet.

Ihre Redaktion vor Ort Rottweil

Armin Schulz

Fax: 0741 5318-50

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