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Kreis Rottweil Coronavirus: So übersteht man die Krise gelassen

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Das Thema Coronavirus verunsichert viele in der Bevölkerung. (Symbolfoto) Foto: joel bubble ben/ Shutterstock

Kreis Rottweil - Während das Thema Coronavirus die Welt umtreibt, herrscht viel Verunsicherung in der Bevölkerung. Wie geht man am besten mit der noch nie da gewesenen Situation um? Mit dieser Frage beschäftigt sich auch Uwe M. Glatz. Er ist Facharzt für Chirurgie und hat an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg Religion und Psychotherapie studiert. Neben seiner Haupttätigkeit an der Helios Klinik Rottweil ist Glatz freiberuflicher Experte für Persönlichkeitsentwicklung. Der Umgang mit bedrohlichen Situationen gehört zu seinem täglichen Arbeitsfeld.

Herr Glatz, halten Sie die aktuellen Vorsichtsmaßnahmen, die das soziale Leben zum Erliegen bringen, für gerechtfertigt?

Ich bin davon überzeugt, dass es sinnvoll ist, sich an die Empfehlungen der Fachleute zu halten. Jetzt ist es wichtig, die steigende Infektionskurve abzuflachen, damit die Gesundheitssysteme nicht überfordert sind. Nach aktueller Information lässt sich die Pandemie nicht mehr verhindern, es liegt aber am Verhalten jedes Einzelnen, wie schnell wir die Situation wieder in den Griff bekommen.

Was ist mit Hamsterkäufen? Sind diese in einer Krise wie dieser angebracht?

Nein. Die Handelsketten sagen, die Versorgung sei gewährleistet. Aber der Mensch reagiert sehr häufig auf unbekannte Situationen mit Angst. Dass gerade Nudeln und Toilettenpapier gehamstert werden, hat meiner Meinung nach seinen Ursprung in ferner Vergangenheit. Diese Artikel sind nur ein Symbol für die grundlegendsten Bedürfnisse des Menschen. Und die kommen in Krisensituationen wieder voll zum Tragen. Rational weiß jeder, dass das Klopapier für alle reicht. Hier fordert uns die Bibel auch dazu auf, verstandesmäßig zu handeln. Im Matthäus-Evangelium steht: „Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet." Wir dürfen Vertrauen darauf haben, dass auch in Krisensituationen für uns gesorgt wird. Das erfahren wir jetzt ganz praktisch. Mir ist wichtig, zu betonen, dass sich in Bibeltexten ganz konkrete Hilfestellungen für das tägliche Leben finden, die sich nicht nur in einem separaten geistlichem Raum abspielen.

Wird der Einzelne nicht durch die rücksichtslosen Hamsterkäufe der Gesellschaft dazu gezwungen, dasselbe zu tun?

Der Einzelne hat immer die Entscheidungsfreiheit, sich an irrationalen Handlungen zu beteiligen oder nicht. Auch zeigt sich gerade bei Hilfsbereitschafts-Aktionen, wie zum Beispiel im Kreis Rottweil eine entstanden ist, wie man ganz anders reagieren kann. Dort machen Menschen jetzt Botengänge für Risikopatienten. Solchen Zeichen können dazu beitragen, das allgemeine Panikdenken zu entspannen.

Panikdenken herrscht nicht nur in den Supermärkten, sondern auch im öffentlichen Leben. Wie kann man zum Beispiel einem Kind die Situation erklären, ohne es zu verschrecken?

In einer kindgerechten Sprache und wahrheitsgetreu. Ich denke, es hat keinen Sinn, hier etwas zu verheimlichen. Aber die Situation sollte auch nicht überdramatisiert werden. Wie die Kinder damit umgehen, hängt auch stark davon ab, wie die Eltern die Situation einschätzen. Wenn sie mit Verantwortung, aber ohne Panik mit der Krise umgehen, werden das die Kinder wahrscheinlich auch tun.

Und was hilft dabei, selbst gelassen zu bleiben?

Es kommt immer darauf an, womit man sich beschäftigt und wie man die Medien nutzt. Was schaue ich mir auf Youtube an? Katastrophen-Videos mit steigenden Zahlen an Infizierten oder Videos von Italienern, die in einem Hochhaus gemeinsam singen, um ihre Zusammenhalt zu demonstrieren, oder eine Auslegung der Bibel, die Mut zuspricht? Es ist empfehlenswert, weniger zu konsumieren, was Angst schürt und dafür mehr, was hilft.

Sie sagen, die Bibel spricht Mut zu. Gehen gläubige Menschen dann besser mit der Krise um?

Gläubige kommen mit Ausnahmesituationen allgemein besser zurecht. Ich merke auch in meinem Arbeitsalltag als Arzt, dass Personen mit spiritueller Grundlage mit schweren Diagnosen gelassener umgehen und bessere Heilungschancen haben. Es gibt zahlreiche Studien, vor allem aus dem nordamerikanischen Bereich, die das belegen. Die kommen überwiegend von dort, weil Religion und Psychologie dort nicht so strikt getrennt sind wie hierzulande noch sehr häufig. Meiner Meinung nach kann man Körper, Geist und Seele nicht trennen. Es heißt nicht umsonst, ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper. Gebet, Meditaion und Kontemplation sind gute Möglichkeiten diese Einheit zu stärken. Bei einer Meditation vertieft man sich zum Beispiel in einen Text und ergründet die tiefere Bedeutung, bei einer Kontemplation betrachtet man mehr ein geistliches Thema, zum Beispiel meine Gottesbeziehung oder meine Lebensbasis.

Welche Rolle spielt die Kirche hierbei?

Die Kirche kann eine wichtige Rolle spielen. Wenngleich Gottesdienste gerade nicht stattfinden dürfen, um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen, gibt es immer noch genug andere Angebote. Die Telefonseelsorge kann immer angerufen werden und viele Kirchen bedienen sich auch moderner Kommunikationswege. Die evangelische Kirchengemeinde Hornberg stellt zum Beispiel Predigten online.

Irgendwann ist die Krise überstanden. Können wir dann für mögliche kommende Ausnahmesituationen aus der jetzigen etwas Hilfreiches mitnehmen?

Ganz bestimmt. Wenn eine schwierige Situation gemeistert ist, lässt sich die nächste schon leichter bewältigen. Wenn man in der Psychologie gravierende Angststörungen behandelt, wird der Betroffene Schritt für Schritt an die Angstsituationen herangeführt. Ich habe zum Beispiel Höhenangst und besuche deswegen regelmäßig hohe Brücken. Mit der Zeit nimmt die Angst ab.

Und das funktioniert auch mit den Hamsterkäufen?

Genau. Die Leute fürchten sich vor einem Mangel. Wenn sie merken, dass der nicht wirklich eintritt, fürchten sie sich beim nächsten Mal schon weniger davor. Die Angst vor der Versorgungslücke hat auch einen geschichtlichen Hintergrund. Sie wird gesellschaftlich weitergegeben. Wir sind im Grunde noch Nachkriegsgenerationen, die meisten kennen zumindest noch ein Familienmitglied, das den Krieg erlebt hat. Die Angst, ihnen könnte etwas im Leben fehlen, geben sie an ihre Kinder weiter. Heute ist sogar bekannt, dass Erlebnisse nicht nur durch Erzählungen und Verhaltensweisen an kommende Generationen weitergegeben werden, sondern auch über das Erbgut.

Heißt das, Erinnerungen können vererbt werden?

Indirekt. Früher dachte man, der Mensch hat die Gene, die er hat und Lernprozesse haben auf das Genmaterial keinen Einfluss. Heute weiß man es besser. Die Forschung steht hier noch ganz am Anfang. Epigenetik nennt sich der Fachbereich, der sich damit beschäftigt. Studien haben zum Beispiel gezeigt, dass die Nachfolgegenerationen derer, die den schlimmen Bombenangriff auf Pforzheim miterlebt haben, durchschnittlich Kinder mit geringerem Geburtsgewicht auf die Welt bringen. Das bedeutet, man kann traumatisiert sein, ohne selbst ein Trauma erlebt zu haben. Das ist den meisten Menschen noch nicht bekannt.

Welchen Nutzen ziehen wir aus diesem Wissen in Bezug auf die Corona-Panik?

Wir wissen jetzt, woher die Angst vor der Versorgungslücke kommt. Und wer die Mechanismen dahinter kennt, hat mehr Verständnis für das eigene Handeln und für das Handeln anderer, mag es auch irrational erscheinen. Das ist ein wichtiger Faktor, um von Verurteilungen Abstand zu nehmen. Und auch um zu erkennen, dass jeder einzelne die Möglichkeit hat, bewusst anders zu handeln und den Kreislauf zu durchbrechen.

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Armin Schulz

Fax: 0741 5318-50

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