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Kreis Freudenstadt Weniger junge Leute gibt es nirgendwo

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Im Landkreis fehlt der Nachwuchs. (Symbolbild) Foto: dpa-Zentralbild

Kreis Freudenstadt - Fünf vor zwölf: Der Kreis Freudenstadt steht beim demografischen Wandel, also der Alterung der Einwohnerschaft, auf einem Abstiegsplatz. Er ist mit seiner Quote an jungen Menschen Schlusslicht im Land und hat nur noch wenig Zeit, die Folgen für Wirtschaft und Kommunen abzuwenden.

Mit dieser schonungslosen Standortbestimmung, sprachlich geschliffen und mit wissenschaftlichen Gleichmut vorgetragen, wartete Ulrich Bürger am Montag in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses auf. Bürger ist Experte für demografischen Wandel beim Kommunalverband Jugend und Soziales in Stuttgart. Eine Stunde lang hielt er Verwaltung und Kreisräten vor Augen, wo der Kreis aktuell steht, auch im direkten Vergleich, was aller Voraussicht nach passieren wird und was die Raumschaft dagegen tun kann – noch. Mit versteinerten Gesichtern verfolgten die Verwaltungsvertreter seine Vorstellung, und auch die Fraktionen schienen betroffen. Sie verzichteten am Ende auf eine Debatte mit gegenseitigen Schuldzuweisungen.

Bürgers Botschaft: Der Wandel der Gesellschaft – weniger Kinder, weniger Berufstätige, mehr Rentner – fällt im Land "unglaublich unterschiedlich" aus. Skepsis sei angebracht bei Prognosen, die 40 Jahre in die Zukunft reichen, dazu könne "kein Mensch" was präzise voraussagen. Andererseits hätten sich frühere Annahmen wie die hohe Zuwanderung als richtig erwiesen. Darüber hinaus gebe es verlässliche Daten wie Geburtenraten. Entwicklungen in Ländern wie Deutschland vollzögen sich im 30-Jahre-Zyklus, also fast unmerklich, seien dann aber "unumkehrbar". Baden-Württemberg sei Einwanderungsland, und werde es auch bleiben müssen. Denn es gebe weiterhin wohl mehr als zehn Millionen Einwohner. Allerdings werde die Zahl derer, die arbeiten, um zwölf Prozent sinken, auf dann 51,8 Prozent – mit allen "volkswirtschaftlichen und sozialpolitischen Folgen".

Freudenstadt, sagte Bürger, stehe dabei "vor ganz großen Herausforderungen". Der Kreis werde bis 2025 fast 13 Prozent weniger junge Leute bis zum Alter von 21 Jahren haben, was Bürger als "dramatisch" bezeichnete. Freudenstadt sei damit Schlusslicht aller 44 Stadt- und Landkreise. Und das sei "nichts Spekulatives". Schwacher Trost dürfte sein, dass der Nachbarkreis Rottweil vorletzter ist. Auf der Zollernalb, in der Ortenau und in Calw sieht es freundlicher aus. Städten und Ballungsräumen verzeichnen sogar teils massive Zuwächse. Spitzenreiter sei Heidelberg mit einem Plus von fast 20 Prozent.

Nur noch wenig Zeit

Die Zahl der 15- bis 18-Jährigen im Kreis Freudenstadt, also potenzielle Lehrlinge, sinke um 25,3 Prozent, vorletzter Platz vor Sigmaringen (minus 25,6). Zwar sinkt die Zahl der Einwohner im Kreis als Hochrechnung bis 2030 um lediglich drei Prozent auf 111 600; allerdings steige dabei die Zahl der Rentner um 82 Prozent.

Zwar habe der Kreis Freudenstadt seit 2009 einiges in der Kleinkind- und Ganztagsbetreuung unternommen und die Quote gesteigert. Einen ganz großen Sprung habe der Kreis dabei aber nicht gemacht; die Spitzenreiter im Land hätten noch deutlich stärker investiert. "Ich weiß, die familiären Netze in der Kinderbetreuung sind hier noch stärker ausgeprägt als in den Ballungsräumen mit deutlich mehr Alleinerziehenden", so Bürger. Bei den Ganztagsgrundschulen rangiert der Kreis mit 15,5 Prozent Quote im Mittelfeld, ebenso bei der Jugendsozialarbeit. Bei der Schulsozialarbeit riet Bürger den Kreisräten, "noch mal drüber nachzudenken". Hier müsse sich eine Vollzeitkraft rechnerisch um mehr als 1000 Kinder und Jugendliche kümmern. "Recht gut" sei dafür die Lage, was die Arbeitslosenquote und die Zahl der Hartz-IV-Empfänger betrifft, wobei Freudenstadt hier im Mittelfeld rangiert.

Bürgers Resümee: Der Kreis stehe vor einer "ganz schwierigen Ausgangslage" und habe nur wenig Zeit, um gegenzusteuern. Dieses Jahrzehnt bis 2020 sei entscheidend. "Familien, die erst mal weggezogen sind, kriegen sie nicht mehr zurück", warnte er. Die Maxime, dass in der Bildung "keiner mehr verloren gehen darf", gelte ganz besonders. Der Kreis könne sich das nicht leisten. Hier komme es "automatisch auch auf den Betreuungsschlüssel" in Kindergärten an. "Da geht’s ums Geld", so Bürger. Jugendliche, gerade vermeintlich leistungsschwächere, bräuchten Erfolgserlebnisse. Allerdings sei die gesamte Gesellschaft gefordert. Notwendig sei eine neue Haltung gegenüber Familien.

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