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Kreis Freudenstadt Helferin berichtet: "Katastrophale Zustände in Moria"

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"Die lehrreichste Zeit in meinem Leben": Katharina Dürr (25) aus Horb im Flüchtlingslager Moria. Foto: Privat

Kreis Freudenstadt - Die Kommunalpolitik im Kreis Freudenstadt diskutiert, ob Städte und Gemeinden oder der Kreis der Initiative "Sichere Häfen" beitreten soll. Ziel ist es, Flüchtlinge aus dem Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos aufzunehmen. Jetzt sind die ersten Flüchtlinge von dort im Land und auch in Freudenstadt angekommen. Wie sind die Zustände in Moria? Katharina Dürr aus Horb hat das Lager mit eigenen Augen gesehen. Die 25-Jährige, die Theologie und Soziale Arbeit studiert hat, war als Freiwillige drei Wochen lang in Moria für die Organisation "EuroRelief" tätig und erzählt in unserem (SB+)-Artikel darüber.

Frau Dürr, welche Zustände herrschten in Camp Moria?

Es ist schwierig in Worte zu fassen, welch menschliches Elend meine Augen dort gesehen haben. Die Zustände waren wirklich katastrophal. Es war dreckig, stinkend, und Privatsphäre ist dort ein Fremdwort. Geschlafen wurde auf engstem Raum in Zelten, Containern oder selbstgebauten Hütten, Matratzen gab es nicht. Im Lager, das wie in einer Art Kessel lag, stand oft die schwüle Sommerluft, vermischt mit dem Gestank von Fäkalien und Essensresten. Unzählige Fliegen musste ich stets verscheuchen, wenn ich mir meinen Weg bahnen wollte.

Wie sah Ihr Alltag aus?

Meine Schicht im Camp Moria ging immer von 8 bis 17 Uhr. Die Schwerpunkte der Organisation, mit der ich dort war, konzentrierten sich auf die Unterbringung der Menschen im Camp, sowie die Vernetzung zwischen einzelnen Organisationen vor Ort. Beispielsweise wurden täglich in großen Mengen sogenannte Tickets verteilt. Dies sind Zettel, die beispielsweise als "Eintrittskarte" für einen Arzt- oder Anhörungstermin dienen. Man ging dann mit einem Lageplan eines bestimmten Bereichs des Camps los und versuchte, die Personen, für die Tickets da sind, aufzufinden und ihnen mit Händen und Füßen und etwas Persischkenntnissen zu erklären, wann sie wo zu welchem Termin erscheinen müssen. Zwischendurch durfte man immer wieder die Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen im Camp spüren: Man wurde zum Tee trinken oder Mittagessen in die Zelte und Hütten eingeladen oder bekam ein frisch gebackenes Brot in die Hand gedrückt. Weitere Aufgaben im Camp waren die Ausgabe von Windeln, sowie die Mitarbeit im Lager, wo angekommene Spenden sortiert werden.

Welche Eindrücke sind nun geblieben?

Viele Momente, die mein Herz berührt haben, haben sich in mein Gedächtnis gebrannt: Ein kleines Baby blickt mich still durch ein provisorisches Fliegennetz mit seinen wunderschönen, braunen Augen an, während es auf dem Bretterboden der vielleicht fünf Quadratmeter großen Hütte sitzt. Ein afrikanischer Mann mit körperlicher sowie geistiger Behinderung wird von zwei Kameraden durch das dreckige Camp manövriert. Auch die Geschichten dreier Männer aus Syrien haben mich sehr bewegt. Sie konnten in einem sieben Quadratmeter "Zimmer" in einer Halle schlafen. Hassan wurde auf der Flucht angeschossen und ist seitdem querschnittsgelähmt. Über ihm im Stockbett schlief einer seiner Kumpels. Der hat im Krieg beide Beine verloren. Wie er auf das Bett – das nicht mal Matratzen hat – kletterte, war mir ein Rätsel. Im Bett gegenüber schlief der andere Kumpel. Ihm wurde in die Füße geschossen. Er kommt noch am besten zurecht von den dreien. So lagen sie da, Tag für Tag in der Hitze. Mücken flogen überall rum. Kein Pflegedienst, keine Putzfrau, kein frischer Bettbezug. Nachts waren die Ratten da. Es ist erniedrigend.

Wie geht es ihnen jetzt wo Sie zurück sind?

Wo sie jetzt nach dem Brand sind, weiß ich nicht. Und das sind nur drei Beispiele von so vielen. Tausende Menschen. Mit tausenden Geschichten. Tausenden Problemen. Tausenden Träumen und Sehnsüchten. Ungehört.

Mit welchen Herausforderungen hatten Sie zu kämpfen?

Eine der größten Herausforderungen war definitiv, dass ich abends wieder in meine schöne Unterkunft durfte und die Menschen im Camp dort bleiben mussten. Das lag mir oft schwer auf dem Herzen. Einen der wertvollsten Gegenstände dieser Welt trage ich in meinem Geldbeutel: den deutschen Reisepass. Nur weil ich dieses kleine Kärtchen besitze, kann ich, wann ich will, für den Preis, der mir am besten passt, bei einer beliebigen Airline einen Flug buchen und zurück nach Deutschland reisen. Die Menschen im Camp konnten das nicht. Weil auf ihrem Pass eben nicht "Bundesrepublik Deutschland" steht. Das ist bitter. Unzählige Male wurde mir jeden Tag die Frage "Do you have a ticket for me?" gestellt. Ticket bedeutet für die die Erlaubnis zur Weiterreise.

Wie geht man damit um?

Jedes Mal den Kopf schütteln zu müssen, ist nicht schön. Es ist auch sehr herausfordernd, mit dieser Masse an hilfesuchenden Menschen konfrontiert zu werden. Jeder stellt dir Fragen, meint, dass du ihm raus- oder weiterhelfen kannst.

Was haben Sie durch die gemachten Erfahrungen gelernt?

Ich denke, das vergangene halbe Jahr war die lehrreichste, prägendste, herausforderndste und schönste Zeit in meinem bisherigen Leben. Sowohl die Arbeit als Erntehelferin, als auch die Zeit im Camp Moria waren Erfahrungen, die ich nicht missen will und die mein Leben nachhaltig beeinflusst und auch im Positiven verändert haben. Ich kann allen nur wärmstens empfehlen, Schritte aus der Komfortzone zu wagen, Neues kennenzulernen und sich den Nöten dieser Welt zu stellen. Man meint, man sei als Helfer nur dort, um zu geben. Aber die Zeit war auch für mich als Helfende total wertvoll und erfrischend. Wenn du dieses Leid einmal live gesehen hast, nicht nur in den Nachrichten, dann kommst du ins Nachdenken über dein Leben. Ich durfte Dankbarkeit lernen. Wir haben so viel und sind doch so unzufrieden. Die Menschen dort haben so wenig und haben dennoch eine innere Ruhe und Zuversicht. Das beschämt einen.

Welchen Schluss ziehen Sie daraus?

Ich habe mich im Anschluss von vielen materiellen Dingen getrennt, weil ich einfach gemerkt habe, dass mir das keine Erfüllung gibt und dass es so viel schöner ist, mit Anderen, die nichts haben, zu teilen. Macht mich ein voller Kleiderschrank wirklich glücklich? Brauche ich noch die zwanzigste Dekoschale für meine Wohnung? Wir sollten uns mehr von den Dingen anhäufen, die unvergänglich sind. Ich möchte ein bescheideneres Leben führen und meine Mittel auch für diejenigen einsetzen, die nichts haben. Auch durfte ich lernen, wie horizonterweiternd es ist, einmal sein gewohntes Lebensumfeld zu verlassen und sich in wirklich extreme Situationen zu begeben. Moria ist einer der schlimmsten Orte, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Und dennoch diese Menschen zu sehen, die von Hoffnung, Durchhaltevermögen, Bescheidenheit, Geduld und Glauben erfüllt sind – das ist so inspirierend, und das habe ich davor noch nie irgendwo so erlebt.

Wurden Sie von außenstehenden Personen angesprochen?

Manche haben mich nach dem Einsatz gefragt, ob es überhaupt etwas bringe, im Camp mitzuarbeiten, weil sich ja eh nichts verändere. Ich stelle die Gegenfrage: Ändert sich etwas, indem ich nichts tue? Ich denke nicht. "Behandelt eure Mitmenschen in allem so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt", heißt es in der Bibel. Das möchte ich als Vorsatz haben. Nicht nur die Nachrichten schauen, die Menschen kurz bemitleiden, danach den Filmabend starten und an Weihnachten fürs Gewissen etwas spenden. Es kommt darauf an, den Menschen auch ganz persönlich beizustehen. Viele gute Gespräche durfte ich im Camp haben, Menschen Hoffnung zusprechen und ihnen Zeit, Liebe und ein offenes Ohr schenken. Alleine dafür hat es sich gelohnt.

Wie haben Sie auf die nachricht vom Brand und der Zerstörung des Lagers reagiert?

Ich würde sagen, diese Nachricht hat bei mir eine Mischung aus Traurigkeit, Hilflosigkeit und Hoffnung ausgelöst. Ich würde am liebsten meine Koffer packen, hingehen, für die Menschen da sein. Vermutlich werde ich im Dezember noch mal nach Lesbos reisen. Viele fragen sich, wie sie helfen können. Ich würde sagen: beten, hingehen, die Nöte dieser Welt nicht ignorieren oder vergessen, sich politisch engagieren, spenden – die Menschen Liebe erfahren lassen. Am 3. Oktober – sofern es nicht in Strömen regnet – werden wir in Schopfloch in der Glattener Straße einen kleinen Flohmarkt veranstalten. Der Erlös geht komplett an meine persönlichen Kontakte in Griechenland. Mit ein paar Leuten aus Moria bin ich noch über WhatsApp in Kontakt. Sie sind überfordert mit der neuen Situation, orientierungslos, kraftlos. Ihre Zukunft ist ungewiss. Ich muss an einen Bibelvers aus dem ersten Korintherbrief denken: "Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Liebe aber ist die größte unter ihnen." (1. Korinther 13, 13). Gott ist Liebe. Er ist da, wenn alles andere wegbricht. Er gibt den Menschen Halt. Wer seine Hoffnung auf ihn setzt, den enttäuscht er nicht. Und Gott ist gerecht. Dieses Leid geht nicht an ihm vorüber, ihm ist nichts verborgen (Hebräer 4, 13). Er sieht jeden einzelnen dieser Menschen. Das gibt mir Hoffnung.

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