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Kreis Freudenstadt Coronavirus: Mitarbeiter von Abstrich-Praxis arbeiten im Akkord

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Kreis Freudenstadt - Die Mitarbeiter der zentralen Abstrich-Praxis für Coronatests in Baiersbronn arbeiten fast ununterbrochen durch. Wie es genau vor Ort zugeht, lesen Sie in unserer (Schwabo plus)-Reportage.

"Bitte auf Parkplatz sieben fahren, Motor abstellen, Scheibe geschlossen lassen und Versichertenkarte bereit halten." Der Wagen rollt ein in die Tiefgarage und direkt auf Position. Derweil beugt sich ein anderer Mann im weißen Schutzanzug und mit Atemmaske in den Fahrerraum des Wagens auf Stellplatz Nummer drei. Er sagt dem Fahrer, was gleich passieren wird: Er soll schlucken, dann tupfe er kurz in den Rachenraum. Fertig, das war’s schon. Wenige Sekunden später rollt das Auto wieder Richtung Ausgang. Der Corona-Abstrich ist ausgesprochen harmlos. Die Krankheit leider nicht.

Newsblog zur Ausbreitung des Coronavirus in der Region

Wolfgang von Meißner, der Arzt unter dem Schutzanzug, schiebt das Abstrichstäbchen ins beschriftete Röhrchen, steckt es in den Sammelbeutel, schmeißt die Plastikhandschuhe in die Mülltonne, reibt sich die Hände mit Desinfektionslösung ein und nimmt das nächste Abstrich-Set vom Tisch. Die Röhrchen sind penibel beschriftet, damit es keine Verwechslungen gibt. Bloß keinen Fehler machen in der Routine. Sein Bruder und Berufskollege Paul Blickle, im roten Notarzt-Anzug, ruft per Handy den nächsten Probanten vom Parkplatz ab. Alles läuft ruhig und reibungslos. Wie ein Uhrwerk. Fast schön, anzuschauen – wäre der Hintergrund nicht so ernst.

Coronavirus: Was Ärzten jetzt Sorge macht

Den Insassen der Autos stehen die Sorgen ins Gesicht geschrieben. Wer von seinem Hausarzt in die Tiefgarage der "Ärzte am Spritzenhaus" in der Baiersbronner Ortsmitte geschickt wird, steht im Verdacht, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben. Dies hier ist die zentrale Abstrichstelle im Landkreis Freudenstadt. Wer hier Einlass erhält, kommt auf Weisung und Anmeldung seines Hausarztes hierher. Und täglich werden es mehr. Für heute sind rund 150 Abstriche eingeplant. Wie viele es morgen oder nächste Woche sein werden, kann derzeit keiner verlässlich sagen. Sicher nicht weniger.

Kurz nach 13 Uhr lassen sich die beiden Ärzte im Sozialraum der Praxis in die Stühle fallen. Die geröteten Abdrücke, die die Gummizüge von Schutzanzug und Maske im verschwitzten Gesicht hinterlassen haben, zeigen, wer gerade dran war mit dem Abstrichdienst. In der Pause wird gewechselt, unter dem Schutzanzug wird einem schnell heiß. Blickle schöpft sich aus der Schüssel einen Schlag Kartoffelsalat auf den Teller, dazu Fleischküchle. "Das brauch’ ich jetzt." Sylvia Klumpp, die "Mutti der Praxisgemeinschaft", hat den Berg Kartoffelsalat für die ganze Mannschaft geschnippelt. Zur Mittagszeit kommen sie hier kurz zusammen, insgesamt 17 Mitarbeiter und zwei Lehrlinge, davon sieben Ärzte. Ein Kollege ist krank daheim, eine Ärztin arbeitet von Zuhause aus – auch für Mitarbeiter so genannter "systemrelevanter Berufe" ist es derzeit nicht leicht, Job und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen. "Unsere Familien tragen das mit, sie halten uns den Rücken frei. Dafür sind wir dankbar", sagt der Arzt Michael Seitz.

Wie viele Stunden sie seit Freitag voriger Woche im Dienst sind, als das Ausmaß der Pandemie im Kreis Freudenstadt allmählich ins kollektive Bewusstsein sickerte, wissen sie nicht. Sie hätten nicht gezählt. Blickle und von Meißner, die den Abstrichdienst leisten, hatten zuletzt dreineinhalb Stunden Schlaf. "Es ist auch nicht wichtig. Jeder im Team tut, was zu tun ist, keiner fragt nach dem Feierabend oder schaut auf die Uhr", sagt Ernst Klumpp, Arzt und der Biologe im Team. "Großartige Leistung", sagt er Richtung der Frauenmannschaft, allesamt medizinische Fachangestellte der Praxisgemeinschaft. Sein Daumen zeigt nach oben, die Frauen nicken. Abschalten könnten sie nach Feierabend sowieso nicht – jetzt, wo alle "im Modus" seien. Man könnte auch Krisenmodus sagen. Aber das Wort nimmt hier keiner gerne in den Mund.

Lage überschlägt sich nahezu stündlich

Die richtige Dosis zu finden, auch sprachlich, ist derzeit nicht leicht, wenn sich die Lage nahezu stündlich überschlägt. Es geht darum, den Entscheidungsträgern den Ernst der Lage klar zu machen, gleichzeitig in der breiten Öffentlichkeit keine unnötige Unruhe zu schüren. Klumpp (68), seit 1982 als Mediziner tätig, umschreibt die Situation so: "Es gab schon schwere Grippewellen. Aber so was habe ich noch nicht erlebt." Die Auswirkungen von Corona, schon flächenmäßig, seien enorm. Klumpp kennt seine "Risikopatienten" im Ort, Wenn er einen von ihnen, trotz aller Warnungen der Ärzte, jetzt noch mit dem Rollkoffer auf dem Weg in den Urlaub sieht, dann sackt er innerlich in sich zusammen. Die Pandemie sei "mit dem Kopf auch schwer zu begreifen". Was wird noch kommen? "Man wird sehen", sagt Klumpp.

Vor drei Wochen habe die Ärzteschaft im Landkreis damit begonnen, sich auf die Ankunft von Corona vorzubereiten. Sie hätten die Bilder aus Italien ja gesehen und teils auch private Kontakte in die dortige Katastrophenregion. Trotzdem sei es schwer, sich auf eine Lage vorzubereiten, die zuvor noch keiner so gekannt habe. Jetzt, im "Modus", laufe es allerdings. Die Zusammenarbeit und die Abläufe, intern und mit den rund 50 zuarbeitenden Hausarztpraxen, funktioniere "absolut reibungslos". Bloß mancher Patient tue sich schwer, wenn er vergeblich an der Tür der Praxisgemeinschaft rüttle. Reine Schutzvorkehrung. Würde ein unbedachter Besucher das Virus einschleppen, wäre die zentrale Abstrich-Praxis zwei Wochen lang dicht. Das käme durchaus einer Katastrophe gleich. "Wir haben nur abgeschlossen, nicht geschlossen. Das haben leider noch nicht alle verstanden", so die Ärztin Carolin Reu.

Diejenigen, die von ihrem Arzt per Fax zum Abstrich angemeldet sind, verhalten sich hingegen "sehr diszipliniert", sagt Blickle. "Die, die zu uns kommen, haben es verstanden." Alle seien ruhig, keiner bislang griesgrämig. Bis das Laborergebnis vorliege, dauere es zwischen zwei und fünf Tagen. So lange würden sie "sozial isoliert" und erhalten auch den Rat, "Oma und Opa nicht anzustecken". Fällt der Test "negativ auf" – wird das Virus also nicht nachgewiesen – geht die Info an den Hausarzt. Der "positiv" getestet wurde, erhält direkt einen Anruf.

Wann ist die Akutphase ausgestanden?

Wer "negativ" abgestrichen wurde, soll trotzdem zu Hause bleiben. "Das bedeutet nicht automatisch, dass der Patient sich nicht angesteckt hat", sagt von Meißner. Der Erreger habe 14 Tage Inkubationszeit, was als Zeitraum der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit bezeichnet wird. Das tückische sei, dass viele nicht mal auf die Idee kämen, sich Covid 19 eingefangen zu haben. "Manche spüren nur ein leichtes Kratzen im Hals. Damit geht man normalerweise nicht mal zum Arzt", so von Meißner. Vor allem, wenn sie "jung und robust" seien. Durch Kontakt mit anderen könnten sie das Virus leicht weiterverbreiten. Eine Parallele weisen die "positiven" Baiersbronner Testergebnisse allerdings auf: "Ischgl, Ischgl, Ischgl. Immer wieder Ischgl." Die Ski- und Partygemeinde in Tirol ist ein wahrer Corona-Brennpunkt. Hat man als Arzt, der ständig mit Verdachtsfällen in Kontakt steht, nicht selbst Angst, angesteckt zu werden? "Diese Angst habe ich nicht", sagt Arzt Seitz, "aber davor, dass uns jemand das Virus in die Praxis einschleppt."

Wann der Höhepunkt der Pandemie im Kreis erreicht ist, dazu wagen die Ärzte keine Prognose. Dieter Krampitz sagt, in zwei Wochen wisse man vielleicht mehr. Wolfgang von Meißner klinkt sich aus der Pausengemeinschaft aus, er ist jetzt dran mit Abstrichdienst und streift sich einen der frischen Asbest-Schutzanzüge über, die Baiersbronner Handwerksbetriebe gespendet haben. Die Versorgung mit den notwendigen Arbeitsmitteln sei im Augenblick auskömmlich. Aber darüber werde noch zu sprechen sein, wenn die Akutphase ausgestanden sei. Von der Straße hallt das Martinshorn der Feuerwehr Baiersbronn zurück, die Drehleiter und ein weiteres Fahrzeug rauschen talwärts an der Praxis vorbei. Alle Köpfe drehen sich Richtung Straße. Ein paar Minuten später kommen die Einsatzfahrzeuge zurück, Fehlalarm. Keine Notfälle noch dazu. Die Pause, Ruhe vor dem nächsten Ansturm, ist ohnehin vorbei. Weiter geht’s. Was morgen komme, werde man sehen. Die Ärztin Marie-Juliana Ehret breitet die Hände aus: "Wir entscheiden jeden Tag neu."

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