Bei der Kundgebung am Brandenburger Tor zum "Equal pay day" , bei der viel Politprominenz vor Ort ist – links die ehemalige SPD-Justizministerin Brigitte Zypries – ist Saskia Esken mit Feuereifer dabei. Foto: Bernklau

SPD-Bundesdtagsabgeordnete Saskia Esken ist im Politbetrieb der Hauptstadt voll angekommen. In zwei Ausschüssen präsent.

Kreis Calw/Berlin - Entspannt sitzt Saskia Esken in einem Szene-Restaurant im Berliner Tiergarten. Vor sich Wasser und Riesling. Lockerer Ausklang eines langen Tages. Sie plaudert über ihre Termine der vergangenen Tage. Auch über den mit dem THW. Plötzlich stockt sie, legt die Stirn in Falten, wirft ihren beiden Mitarbeitern einen fragenden Blick zu. "Wann war der nochmal. War das gestern oder doch vorgestern?", überlegt sie. "Egal. Wenn ich hier in Berlin bin, dann hab ich so viele Termine, da weiß man am Ende gar nicht mehr, welcher wann war", sagt Saskia Esken und nimmt einen Schluck Wasser. Noch nicht einmal 100 Tage füllt sie nun ihr Amt als SPD-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Calw/Freudenstadt aus und trotzdem ist sie schon voll im Politikbetrieb Berlin angekommen.

Zur richtigen Zeit mit den richtigen Menschen sprechen

Vor gut drei Monaten kommt sie als kompletter Neuling im Bundestag an. Bald hat sie zwei Helfer an ihrer Seite, die ihr den Anfang erleichtern: ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter Kira Sagner und Jan Simons, die mit ihr im fünften Stock des für die Abgeordneten vorgesehenen Paul-Löbe-Hauses logieren. Beide noch relativ jung, aber trotzdem schon erfahren in der Mitarbeit bei Abgeordneten. "Ohne die Mitarbeiter wäre man hier echt verloren", lobt die Frau aus dem Nordschwarzwald, die auch noch andere Kontakte in Berlin hat, die ihr den Start erleichtern.

So etwa Katja Mast, SPD-Abgeordnete aus dem benachbarten Wahlkreis Pforzheim/Enz und Sprecherin der SPD-Landesgruppe Baden-Württemberg. Die ist in ihrer dritten Legislaturperiode fast schon so etwas wie ein alter Hase, der weiß wie selbiger in Berlin läuft. Fachlich muss sie Saskia Esken eigentlich nichts beibringen, vielmehr sind es die offiziellen und inoffiziellen Spielregeln, die sie ihr näher bringt. "Saskia Esken bringt schon viel mit", lobt Mast. "Lernen musste sie nur, wie man zum richtigen Zeitpunkt mit den richtigen Menschen redet." Nicht ganz unbeteiligt ist Mast auch an der Entscheidung, in welche Ausschüsse Saskia Esken kommt. Während andere sich mit einem begnügen, sitzt die Frau aus Bad Liebenzell gleich in zweien: im Bildungsausschuss und in dem für die "Digitale Agenda". Dazu ist sie noch stellvertretendes Mitglied im Umweltausschuss und im Parlamentarischen Beirat für Nachhaltigkeit.

Und schon das bringt jede Menge Arbeit für Esken und ihre Mitarbeiter mit sich. In normalen Sitzungswochen beginnt die Arbeit schon am Freitag davor. Denn dann werden die Themen der Ausschüsse bekannt. Freitag und Montag stehen im Zeichen der inhaltlichen Vorbereitung. Dienstags tagt die jeweilige SPD-Arbeitsgruppe, tags darauf der Ausschuss – für Esken jeweils im Doppelpack. Dazu kommen dann natürlich die eigentlichen Bundestagssitzungen, die – minutengenau durchgeplant – schon mal von 9 Uhr morgens bis 22 Uhr dauern können.

Bis zu 25 Anfragen für einen Abend

Und als ob das nicht genug wäre, erreichen die Abgeordnete schon jetzt regelmäßig Einladungen zu so genannten "Parlamentarischen Frühstücken" (ab 8 Uhr morgens) oder "Parlamentarischen Abenden" – oft stehen hinter diesen Einladungen Interessens- oder Lobbygruppen. Selbst die noch junge Abgeordnete bekommt da schon mal für einen Abend 25 solcher Anfragen. "Sobald feststeht, wer in welchem Ausschuss sitzt, gehen diese Termine los", erzählt Mitarbeiter Jan Simons von der Flut der Terminanfragen.

Insofern ist dieser Donnerstag fast schon ein typischer Tag für Saskia Esken. Um 9 Uhr startet der Tag im Plenum mit der Regierungserklärung von Angela Merkel zur Situation in der Ukraine, die laut Protokoll 116 Minuten dauert. Danach macht sich Saskia Esken über einen unterirdischen Gang auf den Weg in ihr Büro zu ihren beiden Mitarbeitern. Nach der Besprechung dort geht es in den »Lampenladen«. So nennen die Abgeordneten die mit vielen verschiedenfarbigen Lampen dekorierte Kantine des Paul-Löbe-Hauses, von der man aus einen beeindruckenden Blick auf Spree und das Regierungsviertel hat. Dann geht es zurück ins Plenum. Die Haftpflichtproblematik für Hebammen ist ein Thema, dem sich Esken auch im Kreis Calw annehmen will.

Zurück im Büro folgt ein Treffen mit Katja Mast. Die "zwei starken Frauen aus dem Nordschwarzwald" wollen eine parteiübergreifende Nordschwarzwald-Koalition schmieden, um die Region – etwa bei Infrastrukturprojekten – nach vorne zu bringen. Mast hat bereits alle Bundestagsabgeordneten von CDU und SPD und die Landtagsabgeordneten eingeladen, um im ganz kleinen Kreis die Zusammenarbeit zu verbessern. "Wir müssen uns als Region aufstellen", sagt Mast. "Und nur gemeinsam erreichen wir etwas. Da lohnt sich Parteipolitik doch nicht." Danach eilt Esken wieder ins Plenum, steht doch die Gründung des NSA-Untersuchungsausschusses an. Der Abend nähert sich mit großen Schritten. Der Feierabend jedoch nicht. Mit der Fahrbereitschaft des Bundestags geht es noch in die spanische Botschaft. Dort wird über die Ausbildung von internationalen Fachkräften im Internet debattiert. Für die Bildungspolitikerin ein Muss-Termin. Nach zwei Stunden – gegen 21 Uhr – kann Esken beim Essen kurz die Seele baumeln lassen. Dann geht es mit der Fahrbereitschaft nach Hause in Richtung Stieglitz.

Die folgende Nacht ist kurz. Um 8 Uhr steht schon ein "Parlamentarisches Frühstück" an, bevor es für die Abgeordnete ans Brandenburger Tor geht, zu einer parteiübergreifenden Kundgebung zur gerechten Bezahlung von Männern und Frauen mit den Fraktionschefs Thomas Oppermann (SPD), Katrin Göring-Eckardt (Grüne), Gregor Gysi (Linke) und Familienministerin Manuela Schwesig (SPD). Im Gegensatz zu denen hält sich Esken zwar im Hintergrund, ist jedoch mit mindestens dem gleichen Feuereifer bei der Sache wie die prominenten Kollegen.

Zurück im Büro lässt sich Saskia Esken erst mal auf einen Sessel fallen. "Ich glaube mein Akku ist langsam leer", sagt sie und atmet hörbar aus. Doch wirklich durchschnaufen kann sie nicht. Noch am gleichen Tag steht eine Fraktionsklausur an. Am nächsten Tag – Samstag – die Kreisdelegiertenkonferenz im Kreis Calw. Am Dienstag stehen Termine in Frankfurt auf der Agenda, Mittwoch und Donnerstag die Messe Didacta in Stuttgart, bevor sie am Freitag nach Berlin zurückfliegt, um am Samstag an einer Parteischulung und am Sonntag und Montag an der nächsten Klausurtagung teilzunehmen. Ein solcher Terminplan zeigt: Der Politikbetrieb nimmt Saskia Esken richtig in Beschlag. Und da kann man schon mal vergesen, wann ein THW-Termin nun tatsächlich war.

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