Die Forschung an Medikamenten für krebskranke Kinder lohnt sich für Pharmafirmen kaum. Um jungen Patienten wie der zweijährigen Lorena aus Stuttgart helfen zu können, entwickeln Wissenschaftler neue Strategien für zielgerichtete Therapien.
Lorena lacht in die Kamera, winkt ihrem Gegenüber kokett zu – um sich schnell wieder zu verstecken: Ihren zarten Kopf mit dem blonden Haarflaum hat die Zweijährige in die Armbeuge der Mutter vergraben. Hin und wieder blickt sie hervor. Der Blick ist wach, voll kindlicher Neugier.
Doch es ist noch nicht lange her, da wurden die Augen des Mädchens immer öfter glasig, der Blick ganz starr. Wie abwesend lag Lorena (Name geändert) dann in ihrem Bettchen, erzählen die Eltern, ein junges Paar aus Stuttgart. Das erste Mal traten die Absenzen im Alter von fünf Monaten auf. Es war das Osterwochenende im Jahr 2023, als sie mit Lorena vor Sorge in die Notaufnahme des Olgahospitals im Klinikum Stuttgart fuhren. Dort fand man die Ursache der epileptischen Anfälle, die bis zu 20-mal am Tag auftraten: Ein Gehirntumor war herangewachsen. Ein seltenes, hochgradig malignes Gliom, das mittels einer Operation nicht zu entfernen ist. „Die Diagnose hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt die Mutter.
Jedes fünfte krebskranke Kind stirbt
Krebs bei Kindern sei insgesamt selten, sagt Stefan Pfister, Direktor des Hopp-Kindertumorzentrums Heidelberg (KiTZ). Jedes Jahr erkranken rund 2200 Kinder in Deutschland neu daran. Zum Vergleich: Bei Erwachsenen sind es im gleichen Zeitraum bundesweit rund 500 000 Krebsdiagnosen. Trotzdem gehört Krebs noch immer zu den häufigsten krankheitsbedingten Todesursachen im Kindesalter in allen westlichen Ländern. Jedes fünfte Kind stirbt in Folge seiner Erkrankung.
Neue Therapien im Kampf gegen Krebs sind daher gerade für diese Patientengruppe von großer Bedeutung. Sie stellt Ärzte und Wissenschaftler vor besondere Hürden: So fehlt es Pfister zufolge in der Kinderonkologie an modernen etablierten Therapieverfahren, wie sie in der Erwachsenenonkologie bereits entwickelt werden. „Aufgrund der vergleichbar niederen Fallzahlen ist das Interesse von Pharmafirmen an der Neuentwicklung von Medikamenten für diese Altersgruppe sehr gering“, sagt Pfister.
Krebsmedikamente aus der Erwachsenenmedizin sollen helfen
Kinderonkologen machen daher oft nur Anleihen aus Entwicklungen im Bereich der Erwachsenenonkologie. „Repurposing“ nennen Fachleute diese Herangehensweise, bei der etwa ein für Lungenkrebs zugelassenes Medikament für eine bestimmte kindliche Tumorerkrankung umgewidmet wird.
Inzwischen haben Heidelberger Forscher um Stefan Pfister eine Plattform namens ITCC-P4 gegründet, die es Pharmafirmen künftig erleichtern soll, möglichst alle ihre in der Entwicklung befindlichen Krebsmedikamente auch für den Einsatz in der Kinderonkologie zu testen. „Es handelt es sich um Mäuse, in denen wir Krebszellen kindlicher Tumore eingepflanzt haben“, erklärt Pfister. Mehr als 400 Tumormodelle wurden so geschaffen und deren Eigenschaften unter der Behandlung mit Strahlen- und Chemotherapie sowie unterschiedlichen Krebsmedikamenten genaustens dokumentiert. Diese können nun für systemische Wirksamkeitstest neuer Krebsmedikamente aus der Erwachsenenonkologie genutzt werden.
Bei Kindern wie Lorena schlägt die Chemotherapie nicht an
Doch nur selten bleibt Kindern mit Krebs so viel Zeit: Lorena beispielsweise erhielt drei Monate lang eine hochintensive Chemotherapie. Doch der Tumor wuchs weiter. „Die Feststellung, dass die monatelange Behandlung, die unserer Tochter so viel abverlangt hat, nahezu umsonst war, hat uns fast verzweifeln lassen“, erzählt die Mutter.
Fälle wie die von Lorena lassen die Kinderonkologen fieberhaft nach Hinweisen suchen: „Es geht darum, was den Tumor zum Wachsen treibt, was die Fehler im Genom sind und wie das Wachstum mit einem gezielten Medikament aufgehalten werden kann“, sagt Claudia Blattmann, Ärztliche Direktorin der Kinderonkologie am Klinikum Stuttgart, die Lorena seit der Diagnose betreut.
An Mini-Tumoren werden Medikamente getestet
Seit einigen Jahren gelingt es Wissenschaftlern, Tumorproben genetisch zu entschlüsseln – um möglichst zeitnah zielgerichtete Therapieoptionen zu finden. Im KiTZ werden in dem Projekt Inform aus dem Gewebe zudem Mini-Tumore herangezüchtet, an denen dann die Wirkung von knapp 80 Arzneien einzeln oder in Kombinationen getestet werden kann – gängige Chemotherapeutika, neu zugelassene oder erst in klinischen Studien befindliche Wirkstoffe.
Im besten Fall passt die Wirkweise des getesteten Medikaments auch mit der genetischen Ursache des Krebses zusammen, sagt die Leiterin der Medikamententestung Ina Oehme. Das passiert in rund 80 Prozent der Fälle. Was noch fehlt, ist der statistische Nachweis, ob die Ergebnisse der labortechnischen Untersuchung auch beim Patienten zu einem Behandlungserfolg führen.
Eine Tablette am Tag hält den Krebs in Schach
Während der systematische wissenschaftliche Nachweis für eine sichere Vorhersage, welche zielgerichtete Therapie bei schwer krebskranken Kindern anschlagen könnte, noch läuft, könnte dies der neue Weg in der Kinderonkologie sein: Mittlerweile bieten auch andere Forschungszentren wie etwa das CIO (Centrum für Integrierte Onkologie) der Uniklinik Bonn solche molekulargenetischen Untersuchungen an. Dort wurde auch Lorenas Tumorprobe untersucht – und eine Achillesferse des Glioms entdeckt. „Daraufhin konnten wir ein Medikament auswählen, welches gezielt in die Vorgänge eingreift, die für das Tumorwachstum wichtig sind“, sagt die Onkologin Blattmann.
Seit mehr als einem Jahr nimmt Lorena täglich eine Tablette mit dem passenden Wirkstoff und erhält vorerst zusätzlich eine ambulante Chemotherapie. So hält sie den Tumor in ihrem Kopf vorerst in Schach – das zeigen die Kontrollen mittels bildgebender Verfahren, die alle drei Monate vorgenommen werden. Die Familie befindet sich in einer paradoxen Situation: „Unsere Tochter hat Krebs – aber sie kann derzeit damit leben“, sagt die Mutter. Und es ist ein zerbrechliches Glück: „Keiner kann sagen, was passiert, wenn wir das Medikament absetzen oder der Tumor irgendwann dagegen resistent wird“, sagt auch die Onkologin Claudia Blattmann.
Eltern spenden Geld für die Krebsforschung
Wie wichtig es ist, dass die Forschung gerade im Bereich der zielgerichteten und immunonkolgischen Therapien bei krebskranken Kindern mehr gefördert wird, belegen die Schilderungen von Lorenas Familie: Das quälend wochenlange Warten auf die Ergebnisse der molekulargenetischen Untersuchung. Die bürokratischen Hürden bis zur Bewilligung des teuren Medikaments durch die Krankenkasse.
„Ich würde mir wünschen, dass gerade bei Hochrisiko-Kindern umfassende Tumorgen-Analysen Standard werden, um für sie eine präzisere und damit auch nebenwirkungsärmere Therapie ermöglicht wird“, sagt der Vater. Seit der Erkrankung seiner Tochter unterstützt er diesen Forschungszweig mit Spenden – und hofft, dass noch mehr Menschen seinem Beispiel folgen.
Die Familie muss stets in der Nähe der Klinik bleiben
Die Familie muss aufgrund der Behandlung stets in der Nähe des Klinikums Stuttgart bleiben. An große Ausflüge oder gar Urlaubsreisen sei nicht zu denken, sagt die Mutter. Auch eine Kita kann das Mädchen aufgrund einer möglichen Infektionsgefahr noch nicht besuchen. Um die epileptischen Anfälle zu verhindern, die der Tumor weiterhin auslösen kann, muss sie weitere Medikamente einnehmen, die ebenfalls Nebenwirkungen mit sich bringen. Hinzu kommen die Folgen der intensiven Krebstherapie: So hat Lorena Schwierigkeiten beim Essen, weil sie aufgrund der Behandlung zeitweise im Krankenhaus und zu Hause per Sonde ernährt werden musste. Darunter hat ihre körperliche und sprachliche Entwicklung gelitten.
Und dennoch hat sich die Familie irgendwie an ihren Alltag im Ausnahmezustand gewöhnt. „Wir sind dankbar für jeden Tag, an dem wir unsere Tochter beim Aufwachsen zusehen können“, sagt der Vater. Zumal Lorena durch ihren Lebensmut die Gedanken an ihre Erkrankung in den Hintergrund rücken lässt. Und auch die Freude über ein Geschwisterchen, das im September zur Welt kommen wird. „Das lässt uns weiterhin positiv in die Zukunft schauen.“
Krebs bei Kindern
Häufigkeit
Nach Angaben des Deutschen Kinderkrebsregisters vor dem Weltkrebstag am 4. Februar erhalten in Deutschland jährlich rund 2400 Kinder und Jugendliche eine Krebsdiagnose. Insgesamt leben demnach 20 100 Kinder und Jugendliche mit Krebs in Deutschland. Am häufigsten erkranken Kinder demnach an Blutkrebs (Leukämie), Jugendliche an Lymphknotenkrebs (Lymphom). Etwa 80 Prozent der betroffenen Kinder und Jugendlichen werden laut der Frankfurter Stiftung für krebskranke Kinder geheilt.
Forschung
Seit 2019 können Mediziner - auch aus dem Ausland - Gewebeproben von Kindern mit Krebserkrankungen, die als Hochrisikopatienten gelten oder einen Rückfall hatten, zum Hopp-Kindertumorzentrum Heidelberg schicken. Daraus züchten die Wissenschaftler Hunderte Minitumore, kleine Kügelchen. Daran wiederum werden 80 Medikamente getestet, in unterschiedlicher Dosierung und in verschiedenen Kombinationen. Bei den Arzneien handelt es sich um Krebsmedikamente für Erwachsene – zugelassene und solche, die noch klinisch getestet werden.