Sind Stifte und Pinsel zu unbequem, können auch die Hände helfen. Foto: IMAGO//Alena Shafieva

Buntstifte, Papier und eine Menge Ideen genügen Kindern, um sich kreativ zu beschäftigen. Was aber tun, wenn das Kind keine Freude daran hat? Zeichnen und Malen sind nämlich ein Hobby mit vielen Nebeneffekten.

Im Alter von etwa drei Jahren starten Kinder die ersten Versuche, Menschen realitätsgetreu zu zeichnen. Meist entstehen dann Kreise mit lachenden Mündern und Knopfaugen. Aus den Kreisen wachsen Arme und Beine in Form von Strichen heraus. Das sind dann die sogenannten Kopffüßler. Diese zeichnerischen Erfolge machen die kleinen Künstler stolz und spornen sie an weiterzumachen.

 

Und die Liste der Vorteile bei diesem vermeintlich unscheinbaren Hobby ist lang: Stressabbau, Steigerung der Konzentrationsfähigkeit, Grob- und Feinmotorik werden geschult, das eigene Selbstbewusstsein gestärkt. Malen ist bei Weitem mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung, bei der die Kleinen ihrer Fantasie freien Lauf lassen können.

Veränderungen können Stress verursachen

Der Alltag ist oft vollgestopft: morgens früh aufstehen, anziehen, frühstücken, in den Kindergarten oder zur Schule gehen. Hinzu kommen immer wieder einschneidende Veränderungen, wie beispielsweise der Übergang von der Kita in den Kindergarten, dann vom Kindergarten in die Schule. So beobachtet Julia Böni, selbstständige Kunsttherapeutin in Stuttgart, dass gerade solche Umbruchzeiten bei Kindern auch Unsicherheiten hervorrufen können. Böni betreibt die „Kindermalwerkstatt“ in Stuttgart.

Allerdings: „Gerade die Jüngeren können noch nicht richtig kommunizieren“, erklärt Julia Böni. Folglich bleiben viele Dinge, die die Kleinen beschäftigen, unausgesprochen. Oliver M. Reuter ist Professor für Kunstpädagogik an der Universität Würzburg und Referent für Grundschulen im Fachverband für Kunstpädagogik. Er sieht die Zeichnung als Kommunikationsweg und führt aus: Malen könne ein Ventil sein, Kinder würden ihre Gedanken visualisieren und auf diese Weise Emotionen ausdrücken.

Gerade in besonders stressigen Zeiten können solche Bilder schon mal düster oder beispielsweise knallrot werden. Soll man dann aktiv werden? Julia Böni rät, die Situation zunächst zu beobachten. „Kreativität ist dafür da, um Stress abzubauen.“ Sollte der Stress auf Bildern über einen längeren Zeitraum anhalten, dann wäre Handeln angebracht. Im Übrigen sei Stress nicht immer negativ. So wäre ein Kindergeburtstag beispielsweise positiver Stress.

Vorbereitung auf die Schulzeit

Schule und Malen scheinen eng miteinander verbunden. „Wenn wir uns Buchstaben genauer anschauen, stellen wir fest, dass sie aus geraden und gebogenen Linien bestehen“, erläutert Menja Stevenson. Die studierte Künstlerin leitet die Jugendkunstschule und Kreativwerkstatt Jukus in Stuttgart. Indem Kinder den Pinsel oder Stift in der Hand halten und damit arbeiten, üben sie, ohne es zu merken. So lässt sich das Malen und Zeichnen auch mit einer Vorstufe zum Schreiben vergleichen.

Ferner lernen Kinder an einem Projekt zu arbeiten, ohne sich von äußeren Einflüssen ablenken zu lassen. Daher kann sich auch die Konzentration der Kinder dank dieser Freizeitbeschäftigung verbessern. Das wiederum nützt ihnen in der Schule, wo längeres Sitzen und konzentriertes Arbeiten vorausgesetzt werden. Menja Stevenson geht sogar noch einen Schritt weiter: „Die Kinder lernen Lösungen für Probleme zu finden.“ Während sie künstlerisch arbeiten, stellen sie fest, dass etwas nicht passt oder anders sein soll, und lernen dabei, kreativ und lösungsorientiert zu denken.

Keine Lust auf Malen?

Doch Freude beim Malen und Zeichnen ist nicht selbstverständlich. Nicht alle Kinder malen von sich aus gerne. Die Gründe können vielfältig sein. Mögen Kinder es nicht, still am Tisch zu sitzen, weil es sie an Schule erinnert, könnte es hilfreich sein, ein Plakat an die Wand zu hängen, sodass die kleinen Künstler sich im Stehen ausleben können. Im Sinne der Grobmotorik empfiehlt Oliver M. Reuter, dass Kinder eine andere Position beim Malen einnehmen als das gewöhnliche Sitzen, damit ein anderer Körpereinsatz notwendig würde: beispielsweise Stehen oder sogar Liegen.

Und Buntstifte sollten stets verfügbar sein. Sollten Kinder Buntstifte nicht mögen, weil die klassischen vielleicht zu starr sind, bieten sich bunte Kreiden oder dicke Wachsmalstifte an. Außerdem: „Auf manche Kinder wirkt das weiße Papier abschreckend“, erklärt Böni. An dieser Stelle rät Oliver M. Reuter dazu, Papier in unterschiedlichen Größen und Farben anzubieten.

Menja Stevenson schlägt auch gemeinsame Malspiele vor. Eines davon ist das von den Surrealisten gerne gespielte „Cadavre Exquis“. Ein Blatt Papier wird wie eine Ziehharmonika gefaltet. Jede Person malt auf einen Streifen etwas, ohne es den anderen zu zeigen, klappt diesen um, gibt das Blatt weiter. So geht es reihum. Am Schluss ist ein Gemeinschaftswerk entstanden.

Sollte die Freude am Malen dennoch nicht aufkommen, bieten sich alternative Formen an: Tonarbeiten, die sich anschließend bemalen lassen. In Geschäften mit Bastelbedarf kann man Ton für zu Hause bekommen. Drucken, bei dem beispielsweise Stoffe oder Blätter bemalt und aufgedruckt werden können. Oder Korken, die als Stempel benutzt werden können.

Kinder sollen erzählen

Übrigens sollten Eltern die Bilder der Kinder gar nicht bewerten und nicht versuchen, etwas Bestimmtes darin zu erkennen. Das muss nämlich nicht das gewesen sein, was der Nachwuchs selbst sich darunter vorgestellt hatte. Eine andere Deutung könnte die Kinder verunsichern. Besser ist es, sie selbst erzählen zu lassen. Dann üben sie auch gleich wieder, vor anderen Menschen zu sprechen.

Seit Längerem bieten auch Apps die Möglichkeit, sich künstlerisch auszuleben. Aber können sie mit Stift und Papier mithalten? Hier sieht Julia Böni die Nachteile überwiegen: „Man kommt mit Materialien nicht in Berührung und sitzt auf der Couch, der Bildschirm ist nicht gut für die Augen.“ Oliver M. Reuter sieht die Nutzung der digitalen Endgeräte ebenfalls kritisch: Motorische Kompetenzen, die sich Kinder schrittweise durch das Zeichnen und Malen aneignen, würden auf Displays nicht geschult.