Auf der französischen Insel Neukaledonien kommt es zu Krawallen. Auslöser ist eine Wahlrechtsreform, welche die Ureinwohner benachteiligt.
Die Ausschreitungen begannen in Neukaledonien am Montag – einen Tag, bevor die Nationalversammlung im 18 000 Kilometer entfernten Paris über eine Verfassungsreform abstimmen wollte. Hunderte Jugendliche hatten sich in der Inselhauptstadt Nouméa zu einer Protestkundgebung versammelt. Sie artete alsbald aus: Teilnehmer bauten Barrikaden und griffen Polizeikräfte an; sie zogen brandschatzend durch die Straßen, zerstörten Geschäfte und plünderten Supermärkte. Mehrere hunderte Fahrzeuge gingen in Flammen auf. Teilweise alkoholisiert, schossen die Randalierer auf Polizisten, von denen 54 verletzt wurden. 82 Angreifer wurden verhaftet. Der Inselvorsteher Louis Le Franc erklärte im französischen Fernsehen, er habe einen solchen „Ausbruch des Hasses“ noch nie erlebt. Die meist Vermummten seien mit Säbeln bewaffnet und schössen mit Jagdgewehren um sich.
Die Lage beruhigte sich am Dienstag leicht, als die Polizei mit zusätzlichen Staffeln anrückte. Für die Nacht verhängten die Behörden eine Ausgangssperre im Großraum Nouméa. Wie ernst die Lage bleibt, zeigte die Schließung der Schulen und des Flughafens.
Durch die Neuerung könnten die Ureinwohner in die Minderheit geraten
In Paris rief Präsident Emmanuel Macron zur Ruhe und Besonnenheit auf. Er versprach, die beiden französischen Parlamentskammern würden sich „nicht sofort“ versammeln, um den umstrittenen Verfassungszusatz in Kraft zu setzen. Kerninhalt des Vorhabens ist es, in Neukaledonien rund 25 000 Zugewanderten aus dem französischen Mutterland das Wahlrecht zu verleihen, wenn sie länger als zehn Jahre auf der Insel leben. Bisher konnten Siedlerinnen oder Siedler nur dann abstimmen, wenn sie in Neukaledonien vor 1998 eingetroffen waren. Die Neuerung hätte zur Folge, dass die Urbewohner des Inselarchivs, die Kanaken, bei einer Abstimmung über die von ihnen gewünschte Unabhängigkeit in die Minderheit geraten würden. Sie haben seit langem das Gefühl, von der Zentralmacht Frankreich missachtet zu werden. Nach einer Geiselnahme 1988, welche die französischen Präsidentschaftswahlen überschattete, hatten alle Parteien zehn Jahre später die so genannten „Abkommen von Nouméa“ unterzeichnet. Sie sahen unter anderem drei Volksabstimmungen zur Frage der Unabhängigkeit vor. Die Stimmen der nach 1998 eingereisten Französisch-Stämmigen wurden kurioserweise „eingefroren“. Das sollte den Kanaken eine Siegeschance geben. In einer ersten Abstimmung erzielten sie ab 2018 gut 43 Prozent, in einem zweiten Urnengang über 46 Prozent. Die dritte Abstimmung boykottierten die Ureinwohner, weil sie Manipulationen befürchteten.
Tatsache ist, dass die französische Staatsführung die Unabhängigkeit Neukaledoniens unbedingt verhindern will. Die Insel birgt Bodenschätze wie Nickel. Vor allem aber ist Neukaledonien strategisch gelegen; es stärkt Frankreichs Positionen im Pazifik gegenüber China. Die Kanaken nehmen es Macron nicht ab, dass er sich ihnen gegenüber als ehrlichen Mittler gibt. In Wahrheit, so behaupten sie, werde die Zentralmacht Paris den „caillou“ (das Steinchen), die Hauptinsel Neukaledoniens, nie freiwillig aufgeben. Das zeige nun auch die Wahlrechtsrechtsform. Französischerseits heißt es zurecht, diese Reform sei schon in den Abkommen von Nouméa von 1998 vorgesehen gewesen. Sie sehen auch die gemeinsame Ausarbeitung eines neuen Inselstatutes vor. Eine Lösung werden sie auch nicht bringen: Die Frage der Unabhängigkeit schafft zwei ethnische Lager, die sich unversöhnlich gegenüberstehen und auch durch einen zusätzlichen Autonomieschritt nicht befrieden ließen.
Alles im Schatten von China
Die Ureinwohner der anderen französischen Überseegebiete – etwa La Réunion, Guadeloupe oder Polynesien – haben bisher auf ihre Unabhängigkeit verzichtet, weil diese gleichbedeutend wäre mit Armut und Arbeitslosigkeit; Frankreich spendiert zudem hohe Subventionen. In Neukaledonien verdächtigt die Pariser Regierung die Kanaken hingegen, sie wollten sich lossagen, um sich von China helfen zu lassen; im Gegenzug würden sie Peking die Eröffnung eines Militärstützpunktes erlauben. Eine ähnliche Erfahrung macht Paris derzeit in seinen ehemaligen Kolonien in Westafrika: Dort haben es die Russen geschafft, dass die Franzosen aus vier Ländern geworfen wurden.