Die Zahl junger Ortenauer mit Übergewicht hat drastisch zugenommen. Fast 900 AOK-versicherte Kinder und Jugendliche waren 2021 deswegen in Behandlung. Und es könnte noch schlimmer kommen, befürchtet der Lahrer Arzt Christof Wettach.
Ortenau - 873 bei der AOK versicherte Kinder und Jugendliche waren 2021 in der Ortenau wegen Adipositas, so der medizinische Begriff für krankhaftes Übergewicht, in ärztlicher Behandlung. Fünf Jahre zuvor waren es 725, informiert die Krankenkasse. "Das entspricht einer Steigerung von über 20 Prozent", betont Armin Roth, Leiter des Lahrer AOK-Kundencenters.
Zahl der dicken Kinder hat in der Pandemie deutlich zugenommen
"Das ist auch in den kinder- und jugendärztlichen Praxen eindeutig zu sehen", berichtet der Mediziner Christof Wettach unserer Redaktion. Er betreibt mit zwei Kollegen eine Gemeinschaftspraxis in Lahr und spricht auch für die Kinder- und Jugendärzte im Ortenaukreis. "Während der Corona-Pandemie hat Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen in den Ortenauer Kinderarztpraxen noch mal deutlich zugenommen."
Rund 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind laut AOK-Auswertung übergewichtig, bei sechs Prozent spricht man von extremem Übergewicht. Die Gründe sind unterschiedlich. "Trinken, Essen und Bewegung spielen eine entscheidende Rolle. Aber auch Medienkonsum, Schlafverhalten, Stress, das Klima in der Familie und genetische Faktoren können die Gewichtsentwicklung beeinflussen", so Wettach.
Bewegungsmangel und kalorienreiche Ernährung sind Problem
Die AOK sieht unter anderem den Bewegungsmangel als entscheidende Ursache. "Eine unausgewogene und kalorienreiche Ernährung tut ihr übriges", erklärt Ernährungsberaterin Undine Sacherer. "Zu einer ausgewogenen Ernährung gehört auch, dass Süßigkeiten nicht verboten, aber kontrolliert genossen werden. Das ist nicht immer einfach", weiß sie.
"Gerade, wenn Schokolade und andere Süßigkeiten aber auch herzhafte Knabbereien und Salzgebäck, zuhause verfügbar sind, greifen Kinder wie Erwachsene gerne zu. Wir sollten uns darüber bewusst sein, dass wir auch hier Vorbild sind", betont die Ernährungsberaterin. Die gerne von Kindern und Jugendlichen getrunkenen Limonaden und Eistees seien extrem zuckerhaltig und damit nicht geeignet für eine gesunde Ernährung. "Ungesüßte Tees mit einem Schuss Apfel- oder Orangensaft oder eine dünne Saftschorle sind da die deutlich gesündere Wahl", empfiehlt Sacherer.
Klimawandel könnte Situation noch verschärfen
Der Kinderarzt Christof Wettach befürchtet zudem, dass in den kommenden Jahren der Klimawandel zunehmend eine Rolle spielen könnte. "Wir gehen davon aus, dass es auch im Rahmen der Klimakrise in den kommenden Jahren eine immer größer werdende Zahl übergewichtiger Kinder geben wird", erläutert er gegenüber unserer Redaktion. "Heißere Sommer bedeuten deutlich weniger Bewegung und deutlich mehr Gewicht."
Übergewichtige Kinder und Jugendliche haben laut Wettach ein erhöhtes Risiko für Folgeerkrankungen, die mit einer verkürzten Lebenserwartung einhergingen. "Das sind Herzkreislauferkrankungen, Diabetes mellitus, Atemstörungen, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, asthmaähnliche Beschwerden oder orthopädische Störungen", zählt der Mediziner auf. Häufig leide jedoch auch die Psyche der jungen Menschen. "Oft werden Kinder und Jugendliche mit Übergewicht gehänselt und ausgeschlossen. Dies wiederum beeinträchtigt das Selbstwertgefühl der Kinder." Im besten Falle könne sich die Beschwerden durch eine Normalisierung des Gewichts zurückbilden.