Der Calwer Kreistag folgt damit den Vorschlägen des Aufsichtsrates und dem Votum seines Böblinger Pendants. Doch es gibt vereinzelt Kritik am Vorgehen.
Um die Medizinkonzeption 2030 haben die Kreistage in Calw und Böblingen hart gerungen. Sie beide sind Gesellschafter des Klinikverbunds Südwest (KVSW). Am Ende der Verhandlungen standen viele Grundsatzentscheidungen. Die Nagolder Klinik wird saniert, bekommt die Calwer und die Herrenberger Geburtshilfe. Die Calwer Klinik zieht in den Gesundheitscampus um.
Standorte spezialisieren sich
Aber nicht nur im Kreis Calw gibt es Veränderungen. Auch für die Kliniken im Kreis Böblingen gilt: Die Standorte spezialisieren sich. Nicht mehr jede Klinik wird jede Fachabteilung haben. Damit will der KVSW wirtschaftlicher arbeiten, sein Defizit verringern und die politischen Vorgaben der Krankenhausreform erfüllen. Letztere ändern sich in Teilen aber immer wieder. Und deshalb musste der Kreistag nun eine Änderung der Medizinkonzeption diskutieren.
Es ging dabei um die Herrenberger Klinik. Dieser Standort verliert im neuen Konzept bisher schon am meisten. Die Geburtshilfe wandert ab. Die Klinik wird zum integrierten Gesundheitszentrum herabgestuft. Nun sprach KVSW-Geschäftsführer Alexander Schmidtke im Calwer Kreistag von weiteren Einschnitten. Es gebe einen neuen Beschluss des gemeinsamen Bundesausschusses, so Schmidtke. Dieser Ausschuss, zu dem Ärzte, Kliniken und Krankenkassen gehören, beschließt, wie politische Entscheidungen in der Praxis konkret umgesetzt werden. Wie Schmidtke erklärte, gab es dabei jüngst eine Entscheidung zur Notfallversorgung.
Keine 24/7-Notfallversorgung
Und die habe zur Folge, dass es in Herrenberg keine Notfallversorgung rund um die Uhr mehr geben könne. Dem integrierten Gesundheitszentrum fehlten dafür die geforderten Abteilungen. „Mit der Schließung der stationären Chirurgie und der Intensivmedizin, sowie der Reduzierung der Betriebszeiten der Radiologie können jene Notfälle, die stationär chirurgisch aufgenommen werden müssen, die intensivpflichtig oder hochkomplex internistisch sind, nicht mehr in Herrenberg behandelt werden“, steht in der Vorlage. Der Erhalt einer 24/7-Notfallversorgung in Herrenberg würde demnach zu Verlusten von etwa zwei Millionen Euro pro Jahr führen.
Schmidkte sah Herrenberg im Notfallbereich trotzdem gut versorgt. Es gebe niedergelassene Ärzte, einen Notfalldienst, eine Notfallversorgung während der regulären Öffnungszeiten und eine neue Rettungswache. Auch wenn die kassenärztliche Vereinigung ihre Notfallpraxis geschlossen habe, bleibe die Versorgung gut, meinte Schmidtke.
Keine Palliativstation
Es bleibt nicht die einzige Veränderung für Herrenberg. Laut Schmidtke soll die Palliativversorgung ebenfalls reduziert werden. Eigentlich sollte der Bereich laut Medizinkonzeption sogar auf 20 Betten ausgebaut werden. Das lohne sich nach gesetzlichen Änderungen wirtschaftlich aber nicht mehr, steht in der Vorlage. Schmidtke erklärte, dass eine solche Abteilung bei einem onkologischen Zentrum sein müsse und deshalb nur in Böblingen unterkommen könne. In Herrenberg gebe es künftig „vier bis sechs Betten einer palliativmedizinischen Versorgungseinheit“, die in die normale Basisversorgung integriert werde, sagte Schmidtke.
Diese Basisversorgung besteht aus 40 Betten. Dazu kommen 30 Betten für die Kurzzeitpflege und ein ambulantes OP-Zentrum für den ganzen Klinikverbund. Das MVZ wird zudem um Kinder- und Jugendmedizin ergänzt. Und es soll in Herrenberg künftig eine Hebammenpraxis geben.
„Wer belegt denn die Betten?“
„Es war 2023 schon klar, dass das nicht klappt“, sagte Martin Handel (AB) zur Medizinkonzeption 2030. Aus Angst vor der Bevölkerung habe man das damals allerdings nicht gesagt. Handel, selbst Arzt, selbst Chefarzt im KVSW, gehörte schon immer zu den entschiedensten Kritikern der beschlossenen Umstrukturierung. Er kritisierte die Idee, eine Basisversorgung mit 40 Betten ohne Intensivmedizin umsetzen zu wollen. Eine solche Station trage sich nicht. „Wer belegt denn die Betten?“, fragte Handel. Alle schweren Fälle kämen ja in anderen Klinken unter. „Langfristig muss Herrenberg wohl geschlossen werden“, prognostizierte Handel.
Allgemeinmedizinerin Ursula Utters (SPD) widersprach. Es gebe durchaus eine Gruppe, die Bedarf an genau solchen Betten habe: alte Menschen, die allein lebten, keine Unterstützung daheim hätten, aber wegen einer Lungenentzündung oder der Nachbehandlung eines leichten Schlaganfalles Hilfe benötigten. Und diese Gruppe werde immer größer, weil die Bevölkerung altere. Jürgen Großmann (CDU) betonte, dass der Böblinger Kreistag den Änderungen in Herrenberg schon zugestimmt habe, und sich der Standort in deren Landkreis befinde. Der Calwer Kreistag stimmte mehrheitlich ebenfalls zu, bei zwei Enthaltungen und vier Gegenstimmen.