Auch mit neuer Medizinkonzeption steht der Klinikverbund Südwest zu seinen Neubauten in Calw und Nagold. Notfallmedizin soll wohnortnah vorgehalten, die Geburtshilfe nach Nagold verlegt werden. Ein abschließender Entscheid steht aber noch aus.
Der Landkreis Calw baut derzeit an gleich zwei Krankenhaus-Standorten. Und mitten hinein in die Bauphase kommt jetzt die vom Bundesgesundheitsminister geplante Krankenhausreform. Genau deshalb diskutiert auch der Calwer Kreistag derzeit intensiv sein Medizinkonzept. Strickt es auch um. Das Versprechen von Landrat Helmut Riegger an die Bevölkerung: „Wir machen nichts zu!“
Neusortierung Die Kreisverwaltung und der Geschäftsführer des Klinikverbunds Südwest (KVSW), Alexander Schmidtke, schworen die Mitglieder des Calwer Kreistags nun auf die Leitschnur „Medizinkonzeption 2030“ ein. Wichtigste Bausteine dabei: Beide Klinikstandorte in Calw und Nagold bleiben Rund-um-die-Uhr-Notfallversorger. Zitat Schmidtke: „Der Bedarf wird sich an den Menschen, orientieren – nicht an Gebäuden.“
Aber während der Standort Calw (166 Betten) – eingebunden in den dort entstehenden Gesundheitscampus – zum sogenannten Grund- und Regelversorger ausgebaut wird, profitiert der größere Klinik-Standort in Nagold (292 Betten) von einer auch kreisübergreifenden Neusortierung der geplanten Versorgungs-Einheiten. Und wird mutmaßlich zum umfassenden Schwerpunktversorger ausgebaut.
Geburtshilfe Ein wesentlicher Faktor dabei: Nagold soll wieder eine Gynäkologie samt Geburtshilfe erhalten, die erst vor wenigen Jahren vom Standort Nagold nach Calw verlagert worden war.
Was allerdings, so die Feststellung von Schmidtke, insgesamt nicht funktioniert habe, weil die werdenden Mütter statt nach Calw in Mehrzahl eher auf die Klinik-Standorte in Herrenberg oder Böblingen ausgewichen seien. In der Konsequenz unterhalte der KVSW derzeit vier Stationen zur Geburtshilfe – was „zuviel“ sei, so der KVSW-Geschäftsführer. Denn durch die immer heftiger grassierende Personalnot in den Kliniken komme man um eine Konzentration der Angebote einfach nicht herum. Wobei Schmidtke davon ausgeht, dass der Fachkräftemangel in den Kliniken sich auch künftig noch „weiter verschärfen“ wird.
Ein „knallharter Einschnitt“
Konsequenz für den KVSW im Bezug auf die Geburtshilfe und Gynäkologie: Langfristige Konzentration der Angebote im Verbund auf nur noch zwei Standorte, einer im Norden des Zuständigkeitsbereichs – also im ebenfalls im Bau befindlichen Flugfeld-Klinikum Sindelfingen-Böblingen. Einer im Süden, in Nagold – wobei hier die bisherigen Klinik-Stationen zur Geburtshilfe aus den Standorten Calw und Herrenberg zusammengefasst werden sollen „als künftig zentraler Standort für Frauenheilkunde im Kreis Calw“.
Das sei zwar schon ein „knallharter Einschnitt“, den die Gutachter da empfehlen würden. Aber der Betrieb einer funktionierenden Gynäkologie brauche – langfristig – eine ausreichende Versorgung etwa mit Anästhesisten, wie man sie in Nagold gewährleisten könne. Denn nicht jede Geburt laufe reibungslos, es brauche immer auch die Option eines 24 Stunden verfügbaren Ops, etwa für Kaiserschnitte. Und eines angegliederten Labors, um schnell und im direkten Zugriff notwendige Befunde zu realisieren. All das werde es – langfristig – in Nagold geben können. In Calw und Herrenberg eher nicht.
Herzinfarkt-Versorgung Ähnliches gelte für die langfristige 24-h-Herzinfarkt-Versorgung, die ebenfalls künftig an zwei Standorten vorgehalten werden soll (derzeit gebe es das nur am Standort Sindelfingen) – wofür man je Standort ebenfalls mindestens fünf versierte Kardiologen für den Rund-um-die-Uhr-Betrieb brauche.
Neue Schwerpunkte Was da noch für den Klinik-Standort Calw „übrig bleibt“? Der KVSW-Geschäftsführer Schmidtke warb vehement dafür, etwa die dortige Orthopädie und Unfallchirurgie weiterzuentwickeln, die „sehr gut aufgestellt“ sei.
Ein anderer Schwerpunkt könnte künftig – unter anderem – die Akutgeriatrie und Alterstraumatologie sein. In Verbindung auch mit einer hoch spezialisierten Schmerzklinik beziehungsweise Schmerztagesklinik – die auch für die ambulante Schmerztherapie „verbundweit“ zuständig sein würde.
Zeitdruck Doch für all diese Planungs-Ideen gelte, so Schmidtke: „Wir brauchen dieses Jahr noch eine Entscheidung!“ Auch und vor allem, um den Mitarbeitern Sicherheit über ihre Arbeitsplätze für die Zukunft zu geben.
Und, wie es die SPD-Kreisrätin – und Ärztin – Ursula Utters ausdrückte: weil das aktuelle Defizit des Klinikverbunds (53 Millionen Euro in 2022; ein Drittel davon entfallen auf die Klinik-Standorte im Kreis Calw; voraussichtlich 70 Millionen Euro in 2023 – davon 20 Millionen Euro im Kreis Calw) „langfristig nicht mehr tragbar“ sei für den Landkreis Calw.
Hier gebe es einen akuten „Zeitdruck“, die notwendigen Entscheidungen endlich zu treffen.
Zeitplan zur Medizinkonzeption
Mit seinem aktuellen Beschluss (vier Enthaltungen und eine Gegenstimme) zum Medizinkonzept für den Landkreis Calw hat der Calwer Kreistag festgelegt, das „noch in diesem Jahr“ (Wortlaut Beschlussvorlage) ein abschließender Vorschlag von Landrat, dem Aufsichtsrat sowie der Geschäftsführung der Kreiskliniken Calw gGmbH vorzulegen sei, wie genau die Zukunft der beiden Klinik-Standorte im Kreis gestalten werden soll. Bestandteil dabei ist „die abschließende Entscheidung“ darüber, ob die „Verlagerung der Geburtshilfe von Calw nach Nagold in einem realistischen Umsetzungszeitraum von bis zu maximal fünf Jahren“ tatsächlich auch umgesetzt werden soll.