Der Bund plant eine Krankenhausreform. Verbände sehen dadurch die Geburtshilfe an kleineren Klinikstandorten bedroht. In Calw blickt man entspannter auf die Lage.
Die 17-köpfige „Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung“ überlegt seit letztem Jahr, wie sich die Krankenhauslandschaft in Deutschland neu strukturieren lässt. Dabei geht es um Organisatorisches, die Finanzierung und welche Klinik was anbietet.
Geschäftsführer will Ergebnisse abwarten
Gerade beim letzten Punkt bekommt die Kommission nun Gegenwind. Kritiker befürchten, dass aufgrund des vorgesehenen Stufenmodells besonders die Geburtshilfe an kleinen Klinikstandorten gefährdet ist. „Gute geburtshilfliche Versorgung muss flächendeckend rund um die Uhr schnell erreichbar sein“, fordert zum Beispiel der Deutsche Hebammenverband in einem Positionspapier zur Reform. Übrigens: In der Kommission sitzt keine Hebamme.
Droht der Geburtshilfe am Standort in Calw wegen der Krankenhausreform nun das Aus? Denn dann gäbe es keinen Kreißsaal mehr im Landkreis. Der in Nagold schloss 2013 seine Türen. „Eine Interpretation zu möglichen Auswirkungen ist aus meiner Sicht zum jetzigen Zeitpunkt nicht hilfreich“, erklärt der Geschäftsführer des Klinikverbund Südwest (KVSW) Alexander Schmidtke zu den momentanen Diskussionen. Aktuell liefen Gespräche zwischen Bund und Ländern. Er rechne im Sommer mit Ergebnissen.
Und auch im Klinikneubau im Stammheimer Feld wird es Stand jetzt einen Kreißsaal geben. „Der Neubau des Krankenhauses in Calw ist weit fortgeschritten und es wird in Absprache mit dem Landkreis Calw am Zeitplan, an den Zielen des Campusmodells und am Raum- und Funktionsprogramm festgehalten“, meint Schmidtke.
Fehlt Personal?
Ein anderes Problem, das die Geburtshilfe überall beschäftigt, ist der Fachkräftemangel. In Calw gebe es etwa 550 Geburten pro Jahr, so Schmidtke. Danach richte sich auch die Zahl der Hebammen. Aktuell habe man in diesem Bereich sieben Vollzeitstellen. Er rechne aber damit, „dass aufgrund der Attraktivität des Neubaus die Geburtenzahl steigen wird“. Und er erwarte auch, dass der Neubau bei der zukünftigen Personalgewinnung helfe.
„Hebammen erhalten bei uns Vergütungen nach TVÖD mit entsprechenden Zulagen“, meint er zur Bezahlung. Das Einstiegsgrundgehalt beläuft sich so auf etwa 3100 Euro brutto. Dies gilt aber nur für Vollzeit. Wie viele andere Frauen arbeiten Hebammen aber oft in Teilzeit. Die dann geringere Bezahlung, bei Schichtdienst und gleichzeitig hoher Verantwortung macht den Job nicht attraktiver – zumal Neu-Hebammen mittlerweile ein Bachelorstudium absolvieren müssen.
In den letzten Jahren habe sich die Erwartungshaltung der Mitarbeiterinnen geändert, weiß auch Schmidtke. „Mitarbeitende legen aber vor allem auch großen Wert auf ein gutes Betriebsklima, moderne Rahmenbedingungen und Wertschätzung“, analysiert er. Auch bei diesen Anforderungen helfe der Neubau. Auf die Frage, ob das Personal im Calwer Kreißsaal aktuell ausreiche, ging er nicht ein.
Abmeldungen, keine Schließung
„Ja, es gab vereinzelte, stundenweise Abmeldungen des Kreißsaals aufgrund von kurzfristigen Personalausfällen“, erklärt Schmidtke. Eine Abmeldung sei aber keine Schließung, ergänzt Pressesprecher Ingo Matheus. „Eine Erstversorgung ist immer gewährleistet“, versichert er. Die Abmeldung habe zudem nur einzelne Schichten betroffen, vor allem wegen Corona, so Matheus. Es gebe an 365 Tagen im Jahr 1095 Schichten. In den letzten drei Jahren habe man den Kreißsaal für nur „zwei bis drei Schichten“ abgemeldet.
Über teures „Personalleasing“ ausgeglichen
Krankenstände würden oft über „teures Personalleasing“ kurzfristig ausgeglichen, so Schmidtke. Eine solche Leasing-Hebamme bekomme bis zum Dreifachen des Geldes ihrer festangestellten Kolleginnen, fügt Matheus hinzu. Schmidtke möchte beim Einsatz der Leasing-Kräfte aber gegensteuern. Er spricht von „bedarfsorientierter Personaleinsatzplanung“. „Dieser Personaleinsatz soll dann auch einrichtungsübergreifend flexibilisiert werden“, schwebt ihm vor. Das bedeutet konkret: Die Hebammen müssten im Bedarfsfall in anderen Kreißsälen des KVSW – beispielsweise in Leonberg, Herrenberg oder Böblingen – einspringen. Es ist fraglich, ob das die Attraktivität des Jobs steigert. Zumal es an den Standorten unterschiedliche Kreißsaalmodelle gibt.