Was wird künftig alles im Nagolder Krankenhaus zu finden sein? darüber müssen nun noch zwei Kreistage abstimmen. Foto: Thomas Fritsch/(C) thomas fritsch

Ende des Jahres sollen die Kreistag Calw und Böblingen beschließen, wie es mit den Krankenhäusern weitergeht. Der Aufsichtsrat des Klinikverbunds hat nun ein Konzept vorgelegt, in dem es einige Veränderungen zur Medizinkonzeption 2030 gibt.

Welche Abteilungen werden vom alten ins neue Calwer Krankenhaus einziehen, wenn Ersteres ab Ende kommenden Jahres in Letzteres auf dem Gesundheitscampus umzieht? Und welche Abteilungen kommen nach Nagold? Diese Fragen beschäftigen seit Monaten etliche Menschen im Kreis Calw. Seit im Juli dieses Jahres die neue Medizinkonzeption 2030 vorgestellt wurde, um genau zu sein. Nun gibt es eine vorläufige Antwort darauf, deren Bestätigung noch aussteht.

 

Am Dienstagnachmittag verkündeten Roland Bernhard (Böblingens Landrat und Aufsichtsratsvorsitzender des Klinikverbunds Südwest (KVSW)), Helmut Riegger (Calws Landrat und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender) sowie KVSW-Geschäftsführer Alexander Schmidtke die Entscheidung des Aufsichtsrats. Über diesen müssen nun die Kreistage in Calw und Böblingen abstimmen. Sie haben das letzte Wort.

Kardiologie Aktuell ist vorgesehen, die interventionelle Kardiologie, den Linksherzkatheter, in Calw zu belassen. Zumindest, so lange die Krankenkassen dafür die Kosten übernehmen. Sollte dies auch in 20 Jahren noch der Fall sein, sei der Linksherzkatheter auch in 20 Jahren noch in Calw, bestätigte Riegger auf Nachfrage während der Pressekonferenz. Übernimmt die Kasse die Kosten nicht mehr, soll die Leistung nach Nagold verlagert werden.

Geburtshilfe Die Geburtshilfeabteilungen von Calw und Herrenberg sollen wie angekündigt in Nagold zusammengeführt werden, um dort eine große Abteilung mit etwa 1500 Geburten im Jahr zu schaffen. Dies ist bereits im kommenden Jahr vorgesehen. Die gute Nachricht dabei sei, so der Calwer Landrat, dass es im Kreis Calw auch weiter eine Geburtshilfe geben werde.

Perspektivisch wird Nagold damit zu einem von zwei Standorten im Klinikverbund, in dem das noch der Fall sein soll. Der zweite ist in der Böblinger Flugfeldklinik geplant (mit rund 3000 Geburten); dorthin wird voraussichtlich ab 2028 auch die Leonberger Geburtshilfe umziehen.

Neurologie Für die Neurologie ist vorgesehen, diese in den kommenden Jahren vorerst in Calw zu lassen – bis in Nagold die baulichen Voraussetzungen geschaffen sind, um dort die Neurologie unterbringen zu können.

Umbau Um die Abteilungen innerhalb des Landkreises Calw verschieben zu können, sind zunächst noch einige Arbeiten nötig. Um die Geburtshilfe aufnehmen zu können, müssen die Räume in Nagold, die eigentlich für die Neurologie vorgesehen waren, umgebaut werden. Die Verlagerung der Neurologie von Calw nach Nagold war bereits beim früheren Medizinkonzept 2021 geplant gewesen.

In Calw hingegen müssen die Räume, die für die Geburtshilfe gedacht waren, so umgebaut werden, dass die Neurologie für die nächsten Jahre darin Platz findet. Die Kosten für diese beiden Baumaßnahmen beziffern sich laut Riegger auf rund 14,5 Millionen Euro.

Die Krankenhäuser Gemäß des Umsetzungsplans soll Nagold zum umfassenden Schwerpunktversorger mit 292 Betten und einer erweiterten Notfallversorgung weiterentwickelt werden. Schwerpunkte sollen Kardiologie, Gastroenterologie und onkologische Kompetenz sein, das chirurgische Leistungsspektrum mit Allgemein-, Gefäß- und Viszeralchirurgie sowie Urologie ausgebaut werden. Zusätzlich sollen Gynäkologie und Geburtshilfe hinzukommen.

Calw wird Grund- und Regelversorger mit 166 Betten, einer Notfallversorgung rund um die Uhr und dem Gesundheitscampus. Als Schwerpunkte sind Orthopädie und Unfallchirurgie, allgemeine Innere Medizin sowie Altersmedizin und Alterstraumatologie (also Versorgung von Verletzungen und Wunden) vorgesehen.

Herrenberg verliert den Status als klassisches Krankenhaus, soll dafür integriertes Gesundheitszentrum mit 120 Betten werden, Leonberg wird Grund- und Regelversorger, das Flugfeldklinikum zum Maximalversorger ausgebaut.

Der Beteiligungsprozess Bernhard sprach mit Blick auf die vergangenen Monate von einer schwierigen, aber „fruchtbaren Zeit des Dialogs“. Einen so breiten Beteiligungsprozess, so bekundete der Böblinger Landrat, habe er noch nie erlebt; dieser habe aber eine gute Grundlage für Entscheidungen geboten. In etlichen Gesprächen mit insgesamt mehr als 70 Gruppen, unter anderem mit Hebammen, Seniorenverbänden, Rettungsdiensten, habe es teilweise „bis in die Puppen“ Besprechungen gegeben. Ein „Ringen um die beste Lösung“, so Bernhard – um „diesem Monster ‚Privatisierung‘ die Stirn zu bieten“ und die Häuser in der Trägerschaft der Kreise halten zu können.

Auch Riegger betonte, man habe es sich „nicht einfach gemacht“ und nehme den Versorgungsauftrag der Landkreise „sehr ernst“.

Schmidtke sprach von einem „Drahtseilakt“ und einem „Kraftakt“. „Wir haben nicht überall Begeisterungsstürme ausgelöst“, so der Geschäftsführer. Nun sei aber eine gute Ausgangslage erreicht, über die die Kreistage abstimmen können.

Begründungen Im Rahmen der Pressekonferenz erläuterten die Verantwortlichen einmal mehr die Beweggründe für die geplanten Veränderungen. Fachkräftemangel, Qualitätsvorgaben und Mindestmengen, Ambulantisierung, die Krankenhausreform und nicht zuletzt Unterfinanzierung und Kostendruck wurden dabei ins Feld geführt.

„Landrat zu sein ist da kein Wunschkonzert“, meinte Riegger dazu. Man müsse bereit sein, sich neuen Themen, neuen Herausforderungen anzupassen, um den Verbund bedarfsorientiert und zukunftsfähig aufzustellen. Er sei aber überzeugt, dass der KVSW gestärkt aus dieser Veränderung hervorgehe.

Schmidtke wurde in Sachen Fachkräftemangel besonders deutlich. So hob er hervor, dass dieser nicht in der Zukunft drohe, sondern längst da sei. Abteilungen würden nichts bringen, wenn das, was auf dem Papier angeboten wird, nicht verfügbar ist. Plastisch gesprochen: Wenn der Krankenwagen ein Krankenhaus mit einer bestimmten Abteilung nicht anfahren kann, weil das Personal fehlt, um diese Abteilung zum Notfallzeitpunkt zu betreiben.

Befürchtungen Der Geschäftsführer versuchte im Rahmen der Pressekonferenz zudem, Befürchtungen zu entkräften. Die Sorgen, dass Fristen bis zum nächsten Krankenhaus nicht eingehalten würden, habe der Gutachter nochmals im Einzelnen überprüft. Auch mit den Rettungsdiensten in den Landkreisen sei darüber gesprochen worden.

Nicht zuletzt trat er auch der Aussage entgegen, in Calw werde aus einem Krankenhaus nur noch ein teures Altersheim gemacht. „Wir machen, wenn wir eine Kinderklinik aufmachen, ja auch keinen Kindergarten auf“, so Schmidtke. Was in Calw entstehe, sei „Hochleistungsmedizin“ für ältere Menschen.

Weiteres Vorgehen Das Konzept soll bis Ende des Jahres in den Kreistagen Calw und Böblingen diskutiert und beschlossen werden. In Calw tagt der Kreistag am 18. Dezember. Für die Umsetzung des Konzeptes ist ein Zeitraum von fünf Jahren angesetzt.