Das Thema Ekel-Toiletten beschäftigt zahlreiche Schulen in der Region. Vor allem Jungs-Klos sind betroffen - warum das so ist, darüber haben wir mit Schulleitern sowie einer Expertin gesprochen.
Die Tür zur Schultoilette geht auf, ein stechender Geruch liegt in der Luft. Nasse Böden, kotbeschmierte Wände und überquellende Mülleimer prägen das Bild.
Was eigentlich ein Ort der Hygiene sein sollte, ist häufig nicht mehr nutzbar. Verschmutzte und beschädigte Schultoiletten sind ein Problem, das aktuell zahlreiche Schulen betrifft, wie Leser gegenüber unserer Redaktion berichten. Insbesondere Jungstoiletten seien davon betroffen, heißt es. Wir sind der Sache nachgegangen.
Martin Kettner, Schulleiter des Schulverbunds Balingen-Frommern, bestätigt auf Anfrage, dass auch seine Schule betroffen sei. „Da ich keine Schule kenne, die sich nicht mit dem Thema Toiletten beschäftigt, darf ich den Schulverbund Frommern leider auch dazu zählen.“ Das Problem tauche nahezu täglich auf.
Die Themen reichen von unsachgemäßer Benutzung und Verstopfungen über Vandalismus bis hin zum Anzünden von Papierhandtüchern oder dem Vapen in den Toilettenräumen. Häufig stehen die Vorfälle laut Kettner im Zusammenhang mit sogenannten „Challenges“, die Schüler auf der Plattform TikTok sehen und nachahmen.
Wiederkehrende Vorfälle
Ähnliche Erfahrungen macht Stefan Maier, Schulleiter des Droste-Hülshoff-Gymnasiums (DHG) in Rottweil. Er berichtet: „Wochenlang kann Ruhe herrschen, dann folgen wieder ein oder zwei Wochen, in denen wir Schwierigkeiten haben.“ Größere Zerstörungen seien zwar nicht zu beobachten, jedoch komme es immer wieder zu Formen eines „schnell begangenen“ Vandalismus’. Dazu zählten unter anderem das Beschmieren von Wänden, absichtliches Verstopfen von Toiletten, verschmutzte Klobrillen oder das bewusste Verfehlen der Toilettenschüssel.
Schüler integrieren
Von positiven Entwicklungen berichtet hingegen Realschulrektorin Heidrun Linka aus Horb. „An unserer Realschule hat sich die Situation in den vergangenen Jahren insgesamt positiv entwickelt.“
Ein Schwerpunkt liege auf der Beteiligung der Schüler, die im Rahmen von Projekttagen die Toiletten selbst gestaltet hätten. „Diese aktive Mitwirkung fördert die Identifikation mit „ihrem“ Raum und wir erleben, dass seitdem achtsamer mit den Toiletten umgegangen wird.“
Doch was steckt hinter dem Verhalten? Die Psychotherapeutin Laura Mach aus Balingen sieht eine der grundlegenden Ursachen in patriarchal geprägten gesellschaftlichen Strukturen. „Männlich gelesene Personen werden von diesem System von klein auf darauf geprägt, Emotionen zu verbergen, außer es handelt sich um Wut und Aggression. „Wein nicht so, du bist doch kein Mädchen“, „Komm schon, du bist doch ein starker Junge, du brauchst keine Angst haben“ - Sätze wie diese seien nicht nur misogyn, sondern geben das Signal „Ich darf keine Gefühle zeigen, sonst wirke ich schwach“.
Zeichen von vermeintlicher Stärke - laut sein, wild sein, im Wettbewerb zu anderen stehen, sich nehmen, was man will - würden hingegen bei Jungs nicht nur toleriert, sondern oft sogar bestärkt - „so sind Jungs eben“.
Rollenbilder und unterdrückte Emotionen
Dass solche Taten besonders häufig auf Toiletten stattfinden, erklärt Mach mit evolutionspsychologischen Aspekten. Der Mensch sei – wie jedes Tier – beim Toilettengang besonders verwundbar. Diese Unsicherheit sei tief verankert und bestehe trotz moderner Schutzmechanismen fort. Da Unsicherheit „echten Jungs“ früh abtrainiert werde, entstehe gerade in diesem sensiblen Raum der Wunsch, Stärke zu demonstrieren. Die Anonymität der Situation trage zusätzlich dazu bei, dass Täter kaum Konsequenzen erwarteten. Das Verhalten entstehe demnach aus tief verwurzelten Rollenbildern und dem Druck, Stärke zu zeigen.
Wie reagieren die Schulen auf die Missstände?
Am Schulverbund Frommern wurden laut Schulleiter Kettner bereits zahlreiche Maßnahmen umgesetzt. Dazu zählen die Einbindung der Schülerschaft, der Einsatz sogenannter „Klochecker“, eine künstlerische Gestaltung der Toilettenräume sowie das zeitweise Abschließen der Toiletten mit Schlüsselausgabe über Lehrkräfte. Auch Elternabende, zusätzliche Aufsichten, häufige Kontrollen, das Aushängen von Eingangstüren sowie Sanktionen bis hin zu Schadenersatz durch Eltern gehören dazu.
Schwere Fälle werden am DHG öffentlich gemacht
In Rottweil reagierte das DHG unter anderem mit der Schließung eines Eingangs, der nur noch als Notausgang dient. Dies habe laut Maier zu einem deutlichen Rückgang der Vorfälle geführt, da schulfremde Personen die Toiletten schwerer erreichen könnten.
Vorfälle würden anhand von Stundenplänen oder Personenbeschreibungen aufgearbeitet, häufig gelinge es dabei, Täter zu überführen oder Geständnisse zu erhalten. Schwere Fälle würden innerhalb der Schulgemeinschaft öffentlich gemacht. Eine dauerhafte besondere Aufsicht gebe es jedoch nicht, da sich der sensible Toilettenbereich einer vollständigen Kontrolle entziehe.