Landrat Helmut Riegger (links) mit Michael Stierle (Abteilungsleiter S-Bahn und ÖPNV). Foto: Kunert

Das Timing ist schon irgendwie perfekt: An den Tankstellen explodieren gerade die Benzin- und Diesel-Preise, da startet der Landkreis Calw seinen kostenlosen ÖPNV – zumindest erst einmal an Wochenenden. Am 1. November geht’s los. Und für die Presse klebte der Landrat schon mal selbst die Werbeplakate dafür.

Nagold  - "Manchmal liegt man eben genau richtig", kommentiert Helmut Riegger die seltsame ›Duplizität der Ereignisse‹ mit den rasant steigenden Spritpreisen und den dadurch noch einmal mehr attraktiven und für Nutzer interessanten Kostenlos-Angebot zumindest für Busfahrten an Samstagen und Sonntagen.

Und die Aufmerksamkeit ist dem Kreis-Chef gewiss, als er an diesem frühen Morgen die ersten druckfrischen Plakate auf die Busse des Landkreises klebt: Wirklich komplett kostenloser ÖPNV als Antwort auf die Klimakrise – das lockt auch überregionale Medienvertreter nach Nagold an den ZOB, wo die Begleit-Kampagne für den im Land noch ziemlich einzigartigen Gratis-Nahverkehr gestartet wird.

Rund 270 000 Euro lässt sich der Kreis die erst einmal auf ein Jahr terminierte Aktion kosten. Überschaubar wohl, wenn der Landrat vorrechnet, dass der Landkreis Calw insgesamt über 26 Millionen Euro allein im kommenden Jahr für seinen ÖPNV ausgeben werde – was 2,7 Millionen Euro mehr seien als im laufenden Jahr. Es gelte ja, den Menschen just im Land des "heilig Blächle" eine echte und immer mehr immer besser funktionierende Alternative zum Auto schmackhaft zu machen.

Verlässlicher Stundentakt im Kreis

Seit Anfang des Jahres gibt es den verlässlichen Stundentakt im Kreis für alle Kommunen und Orte ab 50 Einwohnern; na ja, zumindest für 60 Prozent von ihnen, gesteht Michael Stierle, ÖPNV-Chef des Kreises, ein – entsprechend den bereits zwei europaweit ausgeschriebenen und mittlerweile vergebenen "Linien-Bündeln". Für den Rest liefen noch die Ausschreibungen, sollen "in den nächsten zwei bis drei Jahren" dann aber auch fix unter Dach und Fach sein. Und das Angebot dann wirklich komplett.

Heißt: In der Mitte und dem Südosten des Kreises gibt es den Stundentakt bereits tatsächlich – also in und rund um die Orte im Raum Calw, Nagold, Wildberg, Neubulach, Bad Teinach-Zavelstein, Bad Wildbad, Bad Herrenalb, Ebhausen, Egenhausen, Rohrdorf und "Teile der Verkehre um Altensteig, Oberreichenbach, Neuweiler, Dobel und Höfen an der Enz".

Wobei Stundentakt meint: montags bis freitags von 6 bis 22 Uhr, samstags von 7 bis 22 Uhr und sonntags von 9 bis 22 Uhr fahren in den Hauptverkehrs- und Schulzeiten (große) Busse mindestens einmal stündlich jeden Ort an. Auch in den "Neben- und Schwachverkehrszeiten" – also zum Beispiel am Abend – verkehren auf den Hauptverkehrsachsen weiterhin stündlich große Busse, "flächendeckend" sind dann aber "Bedarfsverkehre" im Einsatz, also Rufbusse oder auch Auto, je Anzahl der gemeldeten Fahrgäste. Die verkehren dann auch nach Fahrplan ab/bis bestimmten Haltestellen – aber eben nur, wenn man mindestens eine Stunde vorher seinen Fahrwunsch auch angemeldet hat.

Das geht per Telefon (07051/96 88 55), per App (VGC oder bwegt Bus&Bahn) oder die Website des VGC. Und genau, um die Menschen an diesen Service "zu gewöhnen" und noch bestehende Hemmschwellen zu senken, sich "einen Bus zu rufen" – dafür wird jetzt der kostenlose Wochenend-ÖPNV eingerichtet und angeboten. Damit möglichst viele, am besten alle Bürger den "neuen ÖPNV" auch auf seine Verlässlichkeit hin austesten und ausprobieren. Und im besten Fall dauerhaft zu schätzen lernen – als echte und verlässliche Alternative zum eigenen Auto.

Neuer Flyer erklärt den Bürgern alle Vorteileund weiteren Details

Um das auch wirklich allen Bürgern nun auch solide beibringen zu können, geht demnächst druckfrisch ein neuen Flyer raus – der das neue Angebot noch einmal haarklein erklärt. Und "als Gag" (Zitat Riegger) einen kostenlos Blanko-Busfahrschein für die kommenden Wochenenden zum Heraustrennen enthält. Denn wirklich brauchen werde man den bei den Fahrten zwar nicht – aber der Gratis-Fahrschein soll noch mal verdeutlichen, dass hier wirklich mal etwas für die Bürger wirklich kostenlos ist. Wo doch sonst alles – auch im öffentlichen Gebührenwesen – immer teurer wird.

Und wer jetzt überlegt: Wo soll ich denn am Wochenende mit dem Bus und den Lieben hinfahren? Auch daran haben die ÖPNV-Werber vom Landkreis gedacht – und ihre Kollegen aus der Touristik darauf angesetzt, doch mal "echte Erlebnis-Linien" aus den fixen Busverbindungen zu kreieren. Auch von denen gibt es eine Auswahl in Plakat-Größe im Innenteil des neuen Flyers zu entdecken, weitere sind per QR-Code abrufbar. Und bilden allesamt einen aparten Einstieg, um den eigenen Landkreis ganz neu aus der Bus-Perspektive kennenzulernen – klima-freundlich, nachhaltig, zuverlässig. Und auf einmal erstaunlich günstig im Vergleich zum "Luxus-Gut" Benzin und Diesel.

Womit man den Landrat noch fragen muss, wer denn die sicher mit explodierenden Spritkosten für all die Busse im Landkreis – es sind in der Spitze immerhin 115 Stück gleichzeitig unterwegs, davon 65 in den beiden bereits vergebenen "Linien-Bündeln" Mitte und Südost – künftig zu finanzieren haben wird? "Eine gute Frage", antwortet stellvertretend ÖPNV-Chef Stierle. Klar werde es – zeitversetzt – ebenfalls der Landkreis sein, der hier (noch) tiefer wird in die Kasse greifen müssen für seinen ÖPNV. Wie viel? Nicht abzusehen. Aber sicher keine "Peanuts", denn – so Landrat Riegger ergänzend – die Experten, die er dazu bereits befragt habe, gingen allein für die kommenden Monate bis zum Frühjahr nächsten Jahres von einem Preisanstieg bei Benzin und Diesel "von bis zu mindestens weiteren 70 Cent pro Liter" aus. Was einen mächtig schlucken lassen kann. Und den (kostenlosen) ÖPNV womöglich nicht nur zu einer "Alternative", sondern zu einer echten Notwendigkeit für viele Haushalte werden lassen könnte.

Denn allein darum geht es, so Helmut Riegger mit sehr viel Nachdruck: "Den ländlichen Raum hier bei uns nicht abzuhängen, auch nicht bei der Mobilität." Oder erst recht nicht bei der Mobilität. Explodierende Spritpreise werde da nämlich richtig schnell zu einen echt ernsten Standort-Nachteil.