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Kosten des Übergewichts Herausforderung Dicksein und andere Probleme

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Vier Patienten einer Fachklinik für stark übergewichtige Kinder und Jugendliche in Wangen im Allgäu: Felix, Julian, Christin und Anna (von links, alle Namen geändert). Foto: Markert

Wangen/Allgäu - Schneiden, stecken, schneiden, stecken. Aus Bananen, Trauben und Nektarinen machen Julian, 14, und ­Anna, 16, Obstspieße für eine Party. Christin, 16, erzählt von ihren ersten Surf­versuchen auf dem Bodensee. „Das war der Hammer!“ Felix, 15, sucht Mitspieler für eine ­Runde Beachvolleyball.

Die vier verbringen diesen Sommerferientag wie viele Jugendliche in ihrem Alter. Aber Julian, Anna, Christin und Felix mussten für einen solchen Ferien-Alltag erst in eine Fachklinik in Wangen im Allgäu. Denn sie haben Adipositas. Sie sind also nicht nur ein wenig pummelig, ­sondern fettleibig.

800.000 Kinder und ­­­­Jugendliche in Deutschland – das sind 6,3 Prozent dieser ­Altersgruppe – bringen so viele ­Kilos auf die Waage, dass sie als adipös ­gelten. Zählt man die Übergewichtigen hinzu, sprengt fast jedes sechste Kind den Gewichtsbereich, der für sein Alter und seine Größe als normal gilt.

Julian, Anna, Christin und Felix würden bei einer Party normalerweise eher nicht zu Obstspießen greifen. Vermutlich würden sie auch keine Party organisieren. Statt mit Gleichaltrigen zu feiern, werden sie sozial ausgeschlossen. Dumme Sprüche, Mobbing, ja sogar Schläge haben sie wegen ihres Aussehens schon erlebt. In knapper Badebekleidung auf ein Surfbrett steigen? Keuchend einem Volleyball hinterrennen? „Zu Hause würde ich mich da bloß schämen“, sagt Felix.

Wie Julian, Anna, Christin und 46 andere adipöse Kinder und Jugendliche zwischen vier und 18 Jahren ist Felix jetzt für sechs Wochen in der Rehabilitations-Kinderklinik der Waldburg-Zeil Kliniken. Für ihn geht es vor allem darum, abzunehmen. „Zehn Kilo mindestens“ will er in dieser Zeit schaffen.

Binnen vier Jahren 40 Kilo zugelegt

Dirk Dammann lacht. Er hört diese „viel zu hohen Ansprüche“ ständig. Als Kinder- und Jugendpsychiater weiß er aber auch, dass die meisten seiner Patienten noch viel mehr mit sich herumtragen als nur ihr ­Gewicht. Allein mit kleineren, gesünderen Mahlzeiten und mehr Sport lassen sich diese Probleme nicht lösen. Und da sie häufig der ­Auslöser für das Übergewicht sind, müssen sich Dammann und seine Kollegen vor allem darum kümmern. In Einzelgesprächen, in Gruppenübungen mit den Eltern und in einer klinikeigenen Schule.

Anna zum Beispiel hatte früher eine schwere Neurodermitis. Wegen ihrer schlechten Haut wurde sie in der Schule ausgeschlossen. Mit Essen versuchte sie sich über die Einsamkeit hinwegzutrösten und nahm innerhalb von vier Jahren 40 Kilo zu. Damit bot sie den Mitschülern noch mehr Angriffsfläche, auch für Schläge.

Stephan Prändl hat in seiner Schule viele Kinder wie Anna. Prändl ist Schulleiter der Heinrich-Brügger-Schule, einer Schule für die Patienten der Waldburg-Zeil Kliniken. „Unsere Aufgabe ist es, dass die Jugend­lichen wieder lernen, dass Schule auch Spaß machen kann.“ Weswegen er sich wünschen würde, dass solche Patienten mit schlechten Schulerfahrungen nicht während der Ferien in die Reha kommen. Denn dann hat auch seine Einrichtung zu. „Viele Eltern haben Angst, dass die Kinder zu viel Schulstoff ­versäumen, also kommen sie über den ­Sommer hierher. Dabei ist die Schule zu Hause oft Teil ihres Problems.“

„Wir brauchen später gesunde Beitragszahler und nicht noch mehr Kostenverursacher“

Was Prändl in seiner kleinen Schule beobachtet, kann Reinhard Holl medizinisch ­belegen. Der Kinderarzt beschäftigt sich an der Uni Ulm mit dem Thema Adipositas. „Diese Kinder haben nicht nur einen zu ­hohen Fettanteil im Körper. Das Fett belastet auch Herz, Kreislauf und Gelenke.“ Erst lasse die Leistung im Sportunterricht nach, dann oft auch in anderen Fächern. „Wer schlecht schläft und Kopfschmerzen hat, ist einfach nicht mehr so leistungsfähig. Und das setzt sich bei der Ausbildung und im ­Berufsleben fort.“

Die deutsche Rentenversicherung hat ­deshalb beschlossen, Reha-Maßnahmen für übergewichtige Kinder früher zu über­nehmen. Bislang musste ein Arzt schon Folgeerkrankungen wie Knieschmerzen oder Herz-Kreislaufprobleme festgestellt haben, damit die etwa 5000 Euro für eine sechswöchige Reha bewilligt wurden. Seit dem 1. Juli reicht das Übergewicht aus. „Wir brauchen später gesunde Beitragszahler und nicht noch mehr Kostenverursacher“, sagt Hubert Seiter von der deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg.

Seiter ist davon überzeugt, dass sich diese Investition rechnet. „Bei der Hälfte der ­Kinder und Jugendlichen ist eine Reha erfolgreich.“ Wobei er zugibt, dass diese Erfolgszahl ihre Schwächen hat. „Der Kinderarzt zu Hause muss einen Fragebogen direkt nach der Reha ausfüllen und dann nochmals einen sechs Monate später.“ Wird in diesem Zeitraum das niedrigere Gewicht gehalten oder weiter gesenkt, gehört der Patient zu den erfolgreichen 50 Prozent. Was ein, fünf oder fünfzehn Jahre später passiert weiß aber auch die Rentenversicherung nicht. „Es gibt keine Langzeitbefragungen“, sagt ­Seiter und weist auf den Datenschutz hin. Das Gewicht sei eben Privatsache.

Christin ist bereits zum zweiten Mal ­wegen ihres Gewichts in einer Reha. „Beim ersten Mal habe ich schon mal neun Kilo­ ­abgenommen, bin danach aber nicht drangeblieben.“ Das Gewicht ging wieder rauf. Ihren Aufenthalt in Wangen hat die 16-Jährige selbst beantragt. Ihr Vater ist gestorben als Christin vier war, die Mutter ist Alkoholikerin. „Ich habe gerade meinen Realschulabschluss gemacht. Nach der Reha fange ich eine Aus­bildung als Erzieherin an“, sagt Christin. Sie will sich dann unbedingt wieder besser ­bewegen können und fitter sein, um den ­Berufseinstieg zu schaffen. „Ein ganz nor­maler Alltag“, sagt sie, „das wäre schön.“

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