Die EnBW verdient weniger Geld – Finanzvorstand Thomas Kusterer sieht den Konzern dennoch wirtschaftlich auf Kurs. Doch der Manager spricht auch eine Mahnung aus.
Der Finanzvorstand des Energieversorgers EnBW, Thomas Kusterer, hat angesichts gewaltiger Investitionen in der Energiewende zu einem stärkeren Kostenbewusstsein aufgerufen. „Die Bezahlbarkeit rückt zunehmend in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Mit den immer weiter steigenden Kosten laufen wir Gefahr, dass die soziale Akzeptanz der Energiewende auf dem Spiel steht. Und das darf nicht passieren“, erklärte Kusterer, der auch stellvertretender Vorstandsvorsitzender ist, am Freitag. „Das Ziel der Klimaneutralität bedeutet in den kommenden Jahren einen weiteren massiven Umbau des Energiesystems mit enormem Investitionsbedarf.“
Trotz zuletzt gesunkener Großhandelspreise an den Energiebörsen machte der EnBW-Vorstand Verbrauchern kaum Hoffnung, dass Strom und Gas in Zukunft günstiger werden. Zwar gebe es am Strommarkt einen preissenkenden Effekt durch die erneuerbaren Energien. Dieser werde aber überlagert von anderen Kostenblöcken: Eine zunehmend preistreibende Rolle spielten etwa die Kosten für die Infrastruktur und dabei vor allem die Kosten für die Netzentgelte. „Sonne und Wind haben keine Kostenfaktoren, aber der Umbau des Gesamtsystems wird teuer werden“, sagte Kusterer.
Verbraucher müssen Energiewende-Kosten schultern
Der EnBW-Vorstand verwies auf eine Studie der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young, wonach bis ins Jahr 2030 für die deutsche Energiewirtschaft Investitionen von insgesamt 721 Milliarden Euro notwendig seien. Bis 2035 kämen danach weitere 493 Milliarden Euro hinzu. Diese hohen Investitionen „werden sich natürlich auch auf die Strompreise und die Endkundenpreise auswirken“, sagte Kusterer. Als ein Beispiel für mögliche Einsparungen nannte er den Netzausbau: So können bis zu 20 Milliarden Euro eingespart werden, wenn man die neu in der Diskussion befindlichen Stromautobahnen als Freileitung plane und nicht als Erdkabel verlege.
„Für den Erfolg der Energiewende brauchen wir angesichts dieser Zahlen dringend ein stärkeres Kostenbewusstsein für den Umbau des Energiesystems“, forderte Kusterer. „Entsprechend müssen wir zügig vom Reden ins Handeln kommen.“ Der drittgrößte deutsche Energieversorger mit mehr als 5,5 Millionen Kunden investierte im ersten Halbjahr 2024 den Angaben zufolge 2,5 Milliarden Euro brutto unter anderem in den Ausbau der Windkraft auf dem Meer (offshore), den Bau CO2-armer, wasserstofffähiger und flexibel einsetzbarer Gaskraftwerke sowie in den Ausbau der Stromtransport- und -verteilnetze.
EnBW: Großteil der Investitionen ökologisch nachhaltig
Rund 90 Prozent der Investitionen seien ökologisch nachhaltig im Sinne der EU-Definition. Damit liege der Anteil im ersten Halbjahr über dem Zielwert von 85 Prozent. Zudem habe die EnBW ihre CO2-Emissionen dank mehr erzeugtem Strom aus erneuerbaren Energien und weniger Kohle-Strom als erwartet weiter senken können.
Unter Berücksichtigung der einkalkulierten Rückgänge im Vergleich zum außergewöhnlich guten Vorjahr ist der Karlsruher Konzern mit der Bilanz der ersten sechs Monate zufrieden. „Das Halbjahresergebnis spiegelt unsere Erwartungen vollumfänglich wider“, erklärte Kusterer. „Im Vergleich zu einem herausragenden Vorjahr infolge ungewöhnlicher Preisniveaus an den Märkten hat sich das Ergebnis normalisiert.“
Weniger Dividenden für Aktionäre
Das bereinigte Ergebnis vor Steuern, Zinsen, Abschreibungen und Sondereinflüssen sank demzufolge im ersten Halbjahr um 26 Prozent auf rund 2,6 Milliarden Euro. Damit dürfen auch die Aktionäre der EnBW mit weniger Dividenden rechnen. Der auf sie entfallende Konzernüberschuss sank um fast 44 Prozent auf 927 Millionen Euro. Die beiden Hauptaktionäre, der Zweckverband Oberschwäbische Elektrizitätswerke (OEW) und das Land Baden-Württemberg, halten jeweils 46,75 Prozent der Anteile an der EnBW.
2023 hatte die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) mit einem Ergebnis von 6,37 Milliarden Euro abgeschlossen, was ein Plus von gut 60 Prozent bedeutete. Für das laufende Geschäftsjahr geht Kusterer unverändert von einem Ergebnis zwischen 4,6 und 5,2 Milliarden Euro aus. Zuletzt beschäftigte der Konzern mehr als 29 300 Mitarbeitende (plus 6 Prozent).