Die Schulstraße, die den Marktplatz und die Königstraße verbindet, in den 1930er Jahren. Foto: Henneka

Für Fritz Kuhn ist es ein „Verlust, dass es immer weniger inhabergeführte Geschäfte gibt“. Umso mehr freut sich Stuttgarts OB, dass Korbmayer in der City diesem Trend trotzt und in diesen Tagen das 150-jährige Bestehen feiert.

Stuttgart - Tradition ist eine schöne Sache. Allerdings fühlt sich Florian Henneka der 150-jährigen Geschichte des Stuttgarter Familienbetriebs Korbmayer auf seine Weise verpflichtet. „Einerseits will ich ein Stück Zeitgeschichte konservieren.“ Andererseits denkt er immer an morgen. Tradition heißt für ihn – frei nach dem französischen Philosophen Jean Jaurés: Man sollte nicht die Asche verwahren, sondern eine Flamme am Brennen halten.

In diesem Sinne führt Henneka das Unternehmen in der Schulstraße in der fünften Generation zusammen mit seiner Frau Silvia – „mit dem Enthusiasmus“ seiner Vorgänger. Der Mann, der sein Rüstzeug auf der renommierten Lehranstalt des Deutschen Textileinzelhandels in Nagold und im Ausland erworben hat, verschreibt sich voll und ganz dem Motto der Branche: Handel ist Wandel.

Was 1863 mit Korbwaren begonnen hatte, ist heute ein exklusiver Kinderausstatter in der City mit 1500 Quadratmeter Verkaufsfläche auf fünf Etagen und knapp 60 Mitarbeitern. „Ich empfinde es als Herausforderung, das Unternehmen immer weiter zu entwickeln und dem Zeitgeist anzupassen“, sagt der Sohn des bekannten Stuttgarter Fotografen Dietmar Henneka, „wir haben unsere Firmenphilosophie voll und ganz auf die Familie ausgerichtet. Mit viel Liebe zum Detail und viel Zeit für die Kunden.“

Wenn Henneka über sich und Korbmayer spricht, schwingt in jeder Silbe Leidenschaft mit. Deshalb ist es ihm wohl auch nie in den Sinn gekommen, in die Fußstapfen seines erfolgreichen Vaters zu treten. „Es ist die Liebe zum Handel. Ich bin hier im Laden aufgewachsen, hier habe ich mein erstes Taschengeld verdient, hier zu arbeiten, ist eine große Ehre für mich.“ Und eine Verpflichtung gegenüber seiner Familie. „Man kann sich gar nicht vorstellen, was die damals nach dem Krieg an Aufbauarbeit geleistet haben“, sagt er voller Bewunderung und Ehrfurcht.

Korbmayer kann sich auch nach 150 Jahren noch gegen die Macht der Filialisten in Stuttgart behaupten

Dieses Erbe zu bewahren und an die nächste Generation weiterzugeben, ist für Florian Henneka eine „große Herausforderung“. Insbesondere unter den Bedingungen, die im Handel herrschen. „Es ist schade, dass in der Stadt immer mehr Traditionshäuser verloren gehen“, sagt er und stemmt sich gegen den allgemeinen Trend, die Billiganbieter und den Onlinehandel. Nicht zuletzt auch gegen die Konkurrenz, die im Herbst 2014 durch die neuen Einkaufszen­tren Milaneo und Gerber hinzukommt. Eine Strategie gegen die Mitbewerber an allen Fronten lautet: Der schnelle Wechsel des Sortiments und immer wieder neue Themenschwerpunkte setzen.

So kann sich das Unternehmen auch nach 150 Jahren noch gegen die Macht der Filialisten in Stuttgart behaupten. Florian Henneka will daher auch nicht klagen. Schließlich liegt Korbmayer nur einen Steinwurf vom Marktplatz entfernt. Also mitten in der City – in bester Lage.

Aber die Schulstraße hat auch ihre Tücken. Die große Treppe, die Richtung Königstraße führt, verdeckt in Teilen den Firmensitz. Zudem habe die Schulstraße an Attraktivität verloren. „Das hohe Niveau, das die erste Fußgängerzone Deutschlands einmal hatte, ist verloren gegangen“, sagt Henneka und fordert von der Stadt ein Konzept zur Aufwertung dieser Gasse, die einmal „Chic und Charme“ hatte. Man kann diese Aufforderung auch im Lichte von Hennekas Verständnis von Tradition sehen: Das Neue in der Schulstraße könnte der Anfang einer langen Tradition werden.

Das Alte wird bei Korbmayer übrigens nicht vergessen. Im Erdgeschoss findet sich immer noch eine Ecke mit Korbwaren.