Alles zum Wohle der Patienten? Heiko Gertsch, bekannter und alteingesessener Kardiologe in Schramberg, platzt angesichts der neusten Nachricht der Helios-Klinik Rottweil über die engere Kooperation mit der Klinik Überlingen der Kragen.
Kreis Rottweil - Die Klinik hatte vergangene Woche in einer Pressemitteilung ausführlich über die "Clusterbildung" der Standorte Rottweil und Überlingen berichtet. Die Kliniken arbeiten noch enger zusammen, was für Patienten und Mitarbeiter vielerlei Vorteile bringe, hieß es. Kardiologe Heiko Gertsch will das nicht so stehen lassen.
Er habe sich über die "Überlandverschickung" seiner kardiologischen Patienten aus der Helios-Klinik Rottweil ins Helios-Spital Überlingen lange "im Stillen" aufgeregt, wie er sagt. Nun müsse er sich zu Wort melden. Die Helios Klinik verkaufe das alles "zum Wohle der Patienten", ärgert er sich. Für den Schramberger Arzt ist vielmehr klar: Das Gegenteil ist der Fall.
Überlingen ist in dem Fachbereich nicht wirklich erste Wahl
In einem Schreiben an unsere Redaktion schildert Gertsch seine Erfahrungen: "Es ist auch in meiner kardiologischen Praxis in Schramberg seit über einem Jahr deutlich zu spüren – Helios Rottweil ›kooperiert‹ jetzt mit Helios Überlingen. Im Fachbereich ›Kardiologie‹ geschieht das in der Form, dass die Helios-Klinik Rottweil zur Herzkatheteruntersuchung nicht mehr in die umliegenden Kliniken verlegt oder überweist, sondern Patienten den weiten und beschwerlichen Weg an den Bodensee zumutet. Dabei ist die kardiologische Abteilung im Überlinger Provinzkrankenhaus mit knapp 200 Betten gegenüber den großen Fachabteilungen in Villingen-Schwenningen, Freudenstadt, Tuttlingen, Albstadt-Ebingen, Lahr oder Bad Krozingen fachlich nicht wirklich erste Wahl", so sein Urteil.
Bei Eingriffen geht die Reise weiter
Gertsch sagt: "Nie wäre es mir in über 30 Jahren ärztlicher Tätigkeit in der Region auch nur in den Sinn gekommen, eine Patientin nach Überlingen zu überweisen. Wird dann noch ein herzchirurgischer Eingriff notwendig, zum Beispiel eine Bypass-Operation oder ein Herzklappenersatz, geht die Reise weiter – in die nächste Helios-Klinik nach Karlsruhe. Patienten, die einen Eingriff an der Bauchaorta benötigen, werden gar nach München ins dortige Heliosklinikum verfrachtet."
Es dient der Umsatzsteigerung des Konzerns
Der bekannte Schramberger Kardiologe nimmt Bezug auf die Aussagen der Helios-Klinik, dass die Patienten nun "von gebündelter Kompetenz profitieren" sollen. In seinen Augen ein Hohn. Er schreibt: "Das perfide ist: Helios Rottweil verkauft alles jetzt so, als diene dies nur dem Wohle der Patienten. Das Gegenteil ist der Fall, es ist dem Wohl des Patienten absolut abträglich und es dient ausschließlich der Umsatzsteigerung des Helios-Konzerns und damit der Rendite der Aktionäre der Konzernmutter Fresenius. Konzernwohl vor Patientenwohl – ein gutes Marketing soll es dann richten. Helios nennt das Cluster, für mich ist das eine Konzernstrategie für mehr Profit."
Patienten werden zu langen Wegen genötigt
Er berichtet außerdem von eindeutigen Rückmeldungen der Betroffenen: "Patienten beklagen sich bei mir als betreuendem Kardiologen darüber, dass sie von Helios-Ärzten in Rottweil quasi genötigt werden, eine Herzkatheter-Untersuchung nicht in der nahen Klinik, in der sie bereits aus früheren Untersuchungen bekannt sind, sondern in der Helios-Klinik in Überlingen durchführen zu lassen." Mit den umliegenden Kliniken würde man nicht kooperieren – so werde gegenüber den Patienten argumentiert. "Die vielbeworbene Kooperation mit Überlingen ist in Wahrheit eine Aufkündigung der Kooperation mit den örtlichen, nahen und hochkompetenten Partnerkliniken, Notfälle einmal ausgenommen. Wenn die Zeit drängt, sind die Kliniken der Umgehung dann aber gut genug", sagt er.
Abenteuerliche Reisen
Davon abgesehen, dass lukrative Eingriffe, die die Konzernkasse füllen, eher zu großzügig angeordnet würden, seien ihm "abenteuerliche Reiseberichte" nach Überlingen bekannt, die er auch belegen könne, wie er auf Nachfrage unserer Redaktion erklärt. Eine über 80-jährige Patientin aus Schramberg berichtete ihm, in die Heliosklinik Rottweil eingewiesen worden zu sein. Sie solle sich – laut Gertsch medizinisch eher fraglich indiziert – einer erneuten Herzkatheteruntersuchung unterziehen, die letzte derartige Untersuchung war im Schwarzwald-Baar-Klinikum (SBK) vor weniger als einem Jahr erfolgt.
Im Sammeltransport nach Überlingen
Gertsch berichtet: "Die Patientin will dezidiert wieder nach Villingen – mit dem SBK kooperiert man aber nicht. Sie wird in Rottweil entlassen und gibt dem Druck letztlich nach. Anreise am Tag der Untersuchung in die Helios-Klinik Rottweil – nüchtern und auf eigene Taxikosten. Von dort im ›Sammeltransport‹ nach Überlingen, vor und nach der Untersuchung kein Bett – Essen eher spärlich. Am Abend im Sammeltransport zurück nach Rottweil. Dort folgt dann noch eine Übernachtung, obwohl die Untersuchung auch ambulant hätte durchgeführt werden können. Am nächsten Tag auf eigene Kosten mit dem Taxi nach Hause in Schramberg. Letztlich eine Horror-Reise mit erheblichen Kosten für die alte Dame. Medizinische Erkenntnis: Null – Bestätigung des Befundes der voruntersuchenden Villinger Klinik."
Patientenschädigend und empörend
Das Fazit von Heiko Gertsch fällt deutlich aus: "Als Arzt und Kardiologe empfinde ich das überwiegend betriebswirtschaftlich orientierte Gebaren des Helios-Konzerns als unethisch, patientenschädigend und aufs höchste empörend. Jede Region lebt von lokalen, schlanken und bewährten Kooperationen. Jeder Patient, dem in der Helios-Klinik Rottweil eine ›Überlandverschickung‹ in die nächste Helios-Klinik ›empfohlen‹ wird, sollte ganz energisch widersprechen."
Die Klinik hatte erklärt, dass die Patienten "von der gebündelten Kompetenz in Vorsorge, Diagnostik und Therapie bis hin zur Nachsorge" profitieren. Einhergehend mit der Clusterbildung ist ein Wechsel der Klinikleitung. Der bisherige Geschäftsführer Tobias Grundmann, der in den vergangenen Monaten unter anderem mit der Aufregung um Patientenbeschwerden und Personalmangel beschäftigt war, verlässt das Unternehmen. Robert Brandner leitet jetzt beide Standorte – Überlingen und Rottweil.