Igor Levit Foto: dpa/Felix Broede

Igor Levit hat in der Reihe „Meisterpianisten“ in der Liederhalle ein ungewöhnliches Programm gespielt.

Endlich mal Hindemith! Einer der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts, aber gefühlt so gut wie nie gespielt. Der Ernst, ja die Wahrhaftigkeit eines berühmten Pianisten zeigt sich auch im Bedürfnis, sich einzusetzen für nicht populäre Werke. Igor Levit, der, wie am Mittwoch bekannt wurde, als „eine der wichtigsten Stimmen von Jüdinnen und Juden in Deutschland“ den Deutschen Nationalpreis erhält, eröffnet seinen Klavierabend mit Hindemiths Suite „1922“ für Klavier: perkussiv, bruitistisch, dann wieder von zarter Poesie. Mitreißende Musik, komponiert von einem jungen Wilden, der mit unterhaltsam-anarchischen Stücken die Musikszene aufmischte – bevor er von den Nationalsozialisten als „atonaler Geräuschemacher“ verfemt und ins Exil getrieben wurde.

 

Karg und skelettiert

Ungewöhnlich ist aber auch das weitere Programm Levits: zwei Klaviertranskriptionen sinfonischer Werke; Mahlers Adagio aus dem Fragment seiner 10. Sinfonie (bearbeitet von Ronald Stevenson) und Beethovens dritte Sinfonie, die „Eroica“ (von Liszt arrangiert). Levits Mut für solche Programme wird belohnt: Die Sitzreihen im Beethovensaal sind voll besetzt, am Ende bedankt sich das Publikum mit euphorischem Jubel. Worin aber liegt der akustische Mehrwert solcher Bearbeitungen, die sinfonische Werke und ihren orchestralen Farbkasten verkleinern in die vergleichsweise monochrome Welt des Klaviers? Mahlers Adagio fehlt dann doch sehr das Streicher-Trauern und -Sehnen, das Schwebende, die ineinander verschmelzenden Kantilenen, die Neuralgiepunkte schmerzhaft zusammenstrebender Polyphonie, die erst durch die unterschiedlichen Orchesterfarben deutlich hörbar werden. Auf dem Klavier, dessen Töne nach dem Anschlag ja unwiderruflich verklingen, wirkt vieles allzu karg, skelettiert, auf sich selbst zurückgeworfen – besonders am Beginn des Adagios, wenn sich im Original der lange depressive Unisono-Gesang der Bratschen endlich in die Vielstimmigkeit erlöst, dann klingt das auf dem Klavier eher wie Tönetröpfeln im luftleeren Raum.

In guten Händen

Aber wenn schon ein solches Transkriptionsexperiment unbedingt öffentlich gespielt werden muss, wer könnte es besser bewältigen als Levit? Er, der Meister der emotionalen wie intellektuellen Einverleibung jedes strukturellen Details einer Komposition. Und vor allem: ein Meister der leisen Töne. Es ist schon grandios, mit welcher Stringenz und Konzentration er das ersterbende Ende des Adagios minutiös in den Schlussklang überführt, die Strukturen an den Rand des Zerfallens und die Zeit zum Stillstand bringt – wider das Publikumshüstelkonzert.

Liszts Transkription der „Eroica“ bietet dagegen einen durchaus interessanten Einblick in eine besondere Tradition des 19. Jahrhunderts, die einst – wegen Mangel an professionellen Klangkörpern – bei der Verbreitung bedeutender Orchesterwerke half. Auch wenn 50 Minuten sinfonisches Denken übertragen aufs Klavier und seine Agogik Längen erzeugt: Beethovens poetisches Tongemälde zum Thema Revolution, Umsturz, Menschwerdung ist in guten Händen bei Levit, der musikalisch-plastisch vom Leben, von seinen Abgründen, seinen Katastrophen, seinen Glücksmomenten, von Tod und Einsamkeit und der Überwindung der Verzweiflung zu erzählen weiß.