Das „Orso“-Orchester bot in Kippenheim zwei besondere Vorführungen.
Das „Orso“ – eine Abkürzung für „Orchestra and Choral Society“ – ist eine gemeinnützige Kulturinstitution mit Sitzen in Berlin, Stuttgart und Freiburg, die verschiedene Chöre und Orchester unter einem Dach vereint. Alles geht auf den aus Kippenheim stammenden Wolfgang Roese zurück, der die Formationen dirigiert. Unter seiner Leitung werden außergewöhnliche Kompositionen und Konzepte auf die Bühne gebracht. Mutige Kombinationen scheinbar unvereinbarer Gegensätze führten so auch in Kippenheim gleich im Doppelpack zu Begeisterungsstürmen.
Mit „Diva krass“ wurde ein „etwas anderer Liederabend“ angekündigt. Ein Versprechen, das der Abend im Bürgerhaus vollends erfüllte. „Eine Diva duldet keine weitere Diva neben sich auf der Bühne“, eröffnete Protagonist Gerrit Hericks das Konzert. Tatsächlich stand mit Brigitte Oelke dann doch zumindest zeitweise eine zweite Diva mit ihm auf den Brettern. Beide wurden von der dritten Diva Wolfgang Roese auf dem Flügel begleitet. Der Regenbogen des meisterhaft interpretierten Liedguts spannte sich von „Somewhere over the rainbow“, „Cabaret“, „Sent in the Clowns“ bis hin zu „Gethsemane“ und würdigte Diven der Musikgeschichte wie Judy Garland, Liza Minnelli und Barbra Streisand ebenso wie legendäre Evergreens aus Musicals wie „Jesus Christ Superstar“. Mit seiner pointierten Darbietung des „Caveman Song“ erntete Musical-Star Hericks Applaus. Brigitte Oelke glänzte mit ihrem emotionalen „I am who I am“. Mit einer Textzeile aus Radioheads Song „Creep“, die da lautet: „Ich wünschte ich wäre etwas besonderes – aber ich bin ein Sonderling“, setzten die Akteure ein deutliches Zeichen gegen Ausgrenzung.
Gänsehautmomente mit einer reglosen Frau
Als Zugabe spielten Hericks und Oelke das „Who wants to live forever“ aus dem Queen-Musical „We will Rock you“ und holten das Publikum als Background-Sänger mit ins Boot. Die drei Diven haben bewiesen, dass sie, aber auch die Zuhörer, etwas ganz besonderes sind .
Am Sonntag hatte „Orso“-Chef Roese erneut Gegensätze in einem ganz besonderen musikalischen Event vereint. „Gosse und Glamour“ trafen in Kippenheim aufeinander. Erste Station des angekündigten Wandelkonzertes war die ehemalige Synagoge. Für Gänsehautmomente sorgte eine, reglos in einer Ecke zusammengekauerte, Frauengestalt, die plötzlich aufstand und sich auf dem Akkordeon begleitend ein jüdisches Gebet sang.
Als Roese kurz darauf Kurt Weills „Requiem“ auf dem Klavier anstimmte, neigten sich die auf der Empore stehenden Chorsänger, Totenmasken tragend, gleichzeitig über die Brüstung schauten auf das Publikum herunter – eine Andeutung auf das, was sich unter dem NS-Regime hier ereignet hatte. Diese Geste sowie die atemberaubende Akustik im ehemaligen Gotteshaus ließen die Zuhörer aufs Neuer erschaudern. Von der Synagoge aus setzte sich der „Deportationsmarsch“ sinnbildlich Richtung Gurs in Bewegung.
Den Wurzeln Weills auf der Spur
Ein Innehalten war im Innenhof des ehemaligen Gasthauses „Rindfuß“ vergönnt. Dort wurde die Lebens- und Liebesgeschichte von Kurt Weill musikalisch sowie mit Textpassagen aus den Briefen der Eheleute Weill und Lenya „Sprich leise, wenn du Liebe sagst“ rezitiert. Solisten aus den Reihen des Projektchores, der sich gänzlich aus Amateuren zusammensetzt, zogen mit den gefühlvoll interpretierten Liedern aus Weills Feder „Speak low“ und „Lonely house“ in der heimeligen Atmosphäre des engen Innenhofes alle in ihren Bann.
Roese führte aus, dass er Zeit und Ort für „Gosse und Glamour“ nicht willkürlich gewählt hat. Zeitlich ist das Konzert eine Hommage für den Komponisten. Örtlich ist Weill mit Kippenheim, genauer gesagt mit diesem Haus, verbunden, da sein Großvater hier gewohnt hat und in der Synagoge als Kantor tätig war. Weill selbst habe dort nicht gewohnt. „Ich selbst bin im Haus neben dem Rindfuß aufgewachsen. Musik, auch die Kompositionen von Weill, haben mein Leben geprägt. Daher war es mir ein Bedürfnis, sein Schaffen zu würdigen“, führte Roese aus.
Die anschließende „Prozession“ in sich vereinte wiederum zwei Gegensätze. Angeführt von koffertragenden Menschen auf dem Weg ins Verderben, die klagend immer wieder „I tell you we will die“ singen, folgten „Gangster“ und „Prostituierte“ aus Weills Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ im Outfit der 1920er- und 30er-Jahre, singend und tanzend dargeboten. Getrennt und sogleich vereint durch Roese, der mit seinem Klavier zwischen den Menschen auf der B3 musikalisch zusammenführte.
Das Bürgerhaus, als nächste und letzte Station des Wandelkonzertes, war das Ziel. Dort wurden vom Projektchor, verstärkt durch Sänger der Männergesangvereine Kippenheim und Musiker des Musikvereines Kippenheim sowie der Musicalsängerin Brigitte Oelke, in einem Repertoire aus dem umfangreichen Werk Weills dessen Sicht auf die wechselhafte Machtverteilung zwischen Mann und Frau musikalisch auf den Punkt gebracht. Selbstverständlich kam nun auch das wohl populärste Weill-Lied „Mackie Messer“ aus Brechts „Dreigroschenoper“ zu Gehör.