In seiner eigenen Welt: Helge Schneider in der Stuttgarter Liederhalle Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Helge Schneider ist am Dienstagabend mit seiner Band in der Stuttgarter Liederhalle aufgetreten. Bilder und Kritik einer Show, in der sich mannigfaltige Talente begegnen.

Wenn die Welt aus den Fugen gerät, scheint es tröstlich, wenn vermeintliche Nebensächlichkeiten ordnungsgemäß ablaufen: Kein Zucker im Salzstreuer. Handy funktioniert. Helge Schneider tritt am Faschingsdienstag in der Stuttgarter Liederhalle auf.

 

Nachdem der genialste Spaßmusiker des Landes im vergangenen Jahr am Faschingsdienstag fremdgegangen ist (ausgerechnet München) und Stuttgart erst am Aschermittwoch beehrte, hat er in diesem Jahr die Jahrzehnte lang bewährte Ordnung wiederhergestellt: Der Beethovensaal wurde für beide Abende gebucht, und am Dienstag erwähnte er im nahezu ausverkauften und trotzdem fast karnevalsfreien Saal wie eh und je den Stuttgarter Faschingsumzug. „Ich möchte mich bedanken für den schönen Abend“, sagte er gleich zu Beginn.

Helge Schneider bricht aus und schaut zurück

Denn Helge Schneider ist unglaublich gut darin, durch das scheinbar mühelose Aneinanderketten von Begriffen unterschiedlicher Bedeutungsebenen an unerwarteten Stellen im Zeitstrahl vergnügliche Irrgärten des Absurden nicht nur ins Jetzt zu fräsen, sondern sich in ihnen auf eine Weise zu verlustieren, die befreites Lachen auslöst: Seine Doppelpacks der Verlassenwerden-Befürchter lauten an diesem Abend „Mann und Frau“, „Frau und Hund“ sowie „Mann und Trecker“.

Später, nach einer von der Tuba befeuerten Rumpelversion seines einzigen Hits „Katzeklo“, liefert Helge Schneider ein besonders griffiges Assoziationsbeispiel für seine Kunst, aus scheinbaren Widersprüchen eine bezwingende Logik des Absurden zu entwickeln: „Jeder weiß, dass ich gerne verreise. Und dieses Wissen ist – falsch“, führt er aus, ehe er seinem beglückten Publikum versichert, von 1976 bis 2023 Urlaub in Brasilien gemacht und seine Auftritte in diesem Zeitraum einem Doppelgänger namens Helge Schneider überlassen zu haben.

Das Original ist unfassbar versiert darin, mittels gnadenlos in Songtexte gerammter Begriffe schichtspezifische Epochenporträts zu skizzieren: Gleich am Anfang, im Lied „Love on the Couch“, genügen „die selbst gestrickte Decke von Tante Erna“ und „Erdnussflips“, um jene muffig riechenden Gefilde in den Beethovensaal zu zitieren, die Ausbrüche und verklärte Rückschauen legitimieren. Bei seinem diesmal „Ellebogen vom Tisch“ betitelten Konzert in Stuttgart hat Helge Schneider jedoch Lust, insbesondere ein bisher weniger beachtetes seiner vielen Talente in raumgreifender Schönheit vorzuführen: als exquisiter Sänger. Intonationssicher, gestaltungsforsch und vibratoverliebt schmettert, schmachtet und nuschelt sich der 70-jährige Universalkönner in Stimmlagen zwischen Bass und Bariton durch herrlich verqueres Liedgut und überzeugt am Ende seines Songs „100 000 Rosen“ als erfrischend unironisch strahlender Heldentenor.

Helge Schneiders Heldentaten an einem Sammelsurium von Musikinstrumenten sind hingegen legendär: In Stuttgart begeistert er als versierter Jazzpianist, als artistischer Vibrafon-Spieler und als wagemutiger Zweckentfremder der Gitarre. Den schönsten Beweis seiner empfindsamen Virtuosität liefert er diesmal am Saxofon: In einer sehr freien Interpretation der „Moritat von Mackie Messer“ von Bertold Brecht und Kurt Weill gelingt es ihm mit flackernder Zartheit, die Magie vergessener Sperrstunden im Jazzclub heraufzubeschwören. Der selbst gedichtete, diesmal eher kinderliedhaft geträllerte Text fungiert wie so oft bei Helge Schneider als Karacho-Kontrast zur instrumentalen Liebkosung des Sujets: „Und der Peter, der hat Zähne, und die Zähne sind nachts im Glas.“

Sandro Giampietro (links) und Peter Thoms gucken Helge Schneider zu. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Peter Thoms (85) hat diesmal den Posten des Schlagzeugers inne; gemeinsam mit dem sechs Jahrzehnte jüngeren Leo Richartz am Kontrabass kreiert er einen sympathisch leicht federnden Groove, den Sandro Giampietro an der Gitarre stilsicher meistens Richtung Gypsy-Jazz lotst, wenn er nicht gerade mit dem Meister selbst solistische Zwiegespräche auf höchstem Niveau führt. Dass die phänomenalen Fähigkeiten seiner oft zum Pausieren verdammten Begleitmusiker ebenso wie die mannigfaltigen Talente Helge Schneiders nur kurz gestreift werden, ist im Konstruktionsplan einer Show verankert, die Verschwendung zelebriert, indem sie Beiläufigkeit feiert und Können voraussetzt.

Der Teekoch bleibt diesmal der Bühne fern

Diese Methode hat Tradition bei Helge Schneider. Was das Brauchtum betrifft: So hinreißend genau hat er diesmal seine Landungen knapp neben dem Punkt inszeniert, dass einem erst nach gut zwei Stunden auffällt, dass eine Helge-Schneider-Show auch ohne das traditionsreiche gespielte Mobbing des Teekochs Bodo bestens funktioniert: „Wir bemühen uns immer, dass es ein bisschen anders ist“, erklärt der fantastische Clown statt einer Zugabe – und zaubert im nächsten Satz aus einer Banalität einen letzten großen Triumph redlicher Relativierung: „Manchmal genügt es, wenn man ein anderes Hemd anhat.“