Udo Lindenberg hat die Schleyerhalle in Stuttgart gepanikrockt. Foto: Benjamin Beytekin

12.000 kamen, um den legendären Nuscheler mit Hut und Sonnenbrille zu sehen: Udo Lindenberg.

Stuttgart -Er schwimmt immer noch gegen die Strömung, hat die Höllenfahrt überlebt, fragt sich, wozu Kriege da sind, glaubt, dass es hinter dem Horizont weitergeht und macht sein Ding: Udo Lindenberg war am  Donnerstag in Stuttgart zu Gast.

Ein heftig aufstampfendes Schlagzeug und ein böser Gitarrenriff geben den Takt vor zu dem sich eine riesige Zeppelin-Attrappe durch den Trockeneisnebel wühlt und nach vorne schwebt – dahin, wo die Bühne zur Rampe wird und zwei ungeduldig herumturnende Hostessen den Mann, der da in der Gondel steht, bereits erwarten. „Odyssee, Odyssee – und keiner weiß wohin die Reise geht“, nuschelt dieser vergnügt ins Mikrofon, gibt Küsschen, eine E-Gitarre haut den 13 000 Fans in der Schleyerhalle ein Sturm-und-Drang-Solo um die Ohren – und schon ist man drin, im knallbunten Rock’n’Roll-Kosmos des Udo Lindenberg.

Hymnen auf den Individualismus

Natürlich erwartet einen nicht wirklich eine Reise ins Unbekannte. Die 27 Nummern, die der 65-Jährige mit dem Panikorchester, mit Musikern, Artisten, Tänzern, Schaustellern aufführt, führen einen auf vertrautes Terrain. Es sind auch an diesem Donnerstagabend wieder die Hymnen auf den Individualismus, auf das selbststimmte Leben auf die Freiheitsliebe und das Sich-nicht-unterkriegen-Lassen, die das Repertoire bestimmen. Songs, die aus einem mehr oder weniger fiktiven Leben zwischen Boheme und Star­glamour, Aufstieg und Absturz, Sexprotzerei und Empfindsamkeit erzählen. Auch „Mein Ding“ ist so ein trotziger Ich-Ich-Ich-Stampfer. Eine Nummer, bei der sich Hotel Kempinski auf Klaus Kinski reimen darf, bei der hinten das Panikorchester in Blau getunkt lospolter,t während , vorne im Spotlight Udo Lindenberg von zwei knapp bekleideten Backgroundsängerinnen in die Mitte genommen wird.

Er wird immer wieder sich als den großen Unangepassten besingen, wird sich als einen inszenieren, der viel durchgemacht, alles ausprobiert hat, der sich stets treu geblieben ist – und der alles überraschenderweise durchgestanden hat. Die Nummer „Höllenfahrt“ ist bereits ­Ende der 1970er Jahre entstanden. „Da war ich 32 Jahre alt und dachte, ich würde den ganzen Rock’n’Roll-Exzess nicht überleben“, erzählt er dem Publikum. Und weil er inzwischen zu alt ist, um jung zu sterben, widmet er dem Song all denen, die nicht so viel Glück hatten wie er: Amy Winehouse, Keith Moon, Kurt Cobain oder Bon Scott zum Beispiel. Und die Orgel wimmert und zuckt.

Lindenberg kriegt mit viel Selbstironie die Kurve

„Der Greis ist heiß“, heißt darum auch treffenderweise ein lustig schunkelnder Glamrock-Feger, mit dem Lindenberg später das Finale seiner knapp dreistündigen Show einleiten wird, die als eine manchmal etwas anstrengende Mischung aus Kindergeburtstag, Burleske und Rockzirkus daherkommt. Eine Show, die Lindenbergs Früh- und Spätwerk zusammenbringt – und klugerweise in der Mitte eine große Lücken lässt. Denn zwischen 1980 und 2008, dem Jahr in dem Lindenberg mit „Stark wie zwei“ ein unerwartet furioses Comeback hinlegte, findet sich in seinem Werk nur wenig Nennenswertes.

Um den „Sonderzug nach Pankow“ kommt er zwar nicht herum, leitet ihn aber clever in „Andrea Doria“ über, und rettet so auch dieses Stück Pop, das eigentlich nur noch als zeitgeschichtliches Dokument erträglich ist. Eine Politnummer wie „Sie brauchen keine Führer“, in der sich Lindenberg über „die neuen Nazi-Schweine“ ereifert, ist dagegen leider noch immer noch aktuell. Ebenso wie die pathetisch-naive Ballade „Wozu sind Kriege da?“ , bei der er , nachdem er über Syrien, Russland und China gewettert hat, einen Kinderchor auf die Bühne holt.

Lindenberg verspricht, bald wiederzukommen

Es ist für den Dauergast im Hamburger Hotel „Atlantic“ ein Leichtes, zwischen Posen der politischen Ernsthaftigkeit und Klamauk und schrillen Showeinlagen hin und her zu wechseln. Das Spektakel hat er schließlich schon immer geliebt, hat sich einst seine Rock’n’Roll-Shows von dem Regisseur Peter Zadek inszenieren lassen, hat Popkonzerte in theatralische Ereignisse verwandelt. Dass sie ihm jetzt in Berlin ein eigenes Musical gewidmet haben, ist da nur konsequent. Lindenberg macht am Donnerstag dreist Werbung für „Hinterm Horizont“, das schon 600 000 Menschen gesehen haben sollen, holt Josephine Busch, die in Berlin das Mädchen aus Ostberlin spielt auf die Bühne, um mit ihr „Gegen die Strömung“ zu singen – auch das eine Ode auf Anderssein, auf den Mut, sich nicht anzupassen.

„Denn unsere Show, die will jeder sehn, und deshalb mus sie weitergehn“, singt er in „Honky Tonky Show“ und mimt das Stehaufmännchen. Manchmal wirkt Lindenberg auf der Bühne in seiner Schnoddrigkeit zwar wie eine Karikatur seiner selbst, wie der Harald Juhnke des Rock’n’Roll, doch stets kriegt er mit viel Selbstironie doch noch die Kurve, tobt sich mit seinen Deutschrockvariationen exaltiert zwischen AC/DC („Straßenfieber“) und Status Quo („Lady Jane“) aus, beschert dem Stuttgarter Publikum Gänsehautmomente, wenn er zum Beispiel „Erste Liebe“ oder „Bis ans Ende der Welt“ singt, tobt

Und zum Schluss wird er dann noch ­„Reeperbahn“ singen und sich zur hübsch ­melancholischen ­Ballade „Goodbye Sailor“ eine Zigarette anzünden, versprechen bald wieder zu kommen und im Zeppelin durch die Halle davonschweben.