Madeline Juno spielt sich im Wizemann durch ihre sieben Alben, überzeugt mit emotionalen Texten – und überraschendem Tempowechsel. Bilder, Setlist und Kritik vom Konzert in Stuttgart.
Stuttgarts Publikum kann beides. Lautstark textsicher mitsingen und in den kurzen Pausen, in denen auf der Bühne Instrumente weitergereicht werden, so still sein, dass man laut Sängerin Madeline Juno eine ,,Stecknadel fallen hören könnte“. Kein Wunder, dass sie irgendwann an dem Abend sagt: ,,Ich glaub, das ist bisher meine Lieblingsshow, what the fuck.“ Ob sie das jetzt in jeder Stadt sagt? Man kann nicht anders, als ihr zu glauben. Eine Performance ist nur so lange gut wie sie authentisch ist – und das scheint Madeline Juno verinnerlicht zu haben.
Es ist der fünfte Stopp ihrer Anomalie-Tour, das Konzert am nächsten an ihrer Heimatstadt Offenburg. Während sie liefert, was man von ihr erwartet –akustische und melancholische Melodien, die ins Ohr gehen – ist auch ein überraschender Tempo – und Stilwechsel dabei.
Fans mit Glitzertränen
Es gibt Künstler, die werden über die Jahre bekannter, die Shows größer, professioneller. Ihrer Musik verschafft das keinen Abbruch, sehr wohl aber ihrer Nahbarkeit. Bei Madeline Juno ist es anders. Wer sie verfolgt, seit sie mit 13 Jahren englischsprachige Songs auf YouTube hochgeladen hat, glaubt, eine Bekannte wiederzusehen. Es ist die Ehrlichkeit, mit der sie ihr Innerstes nach Außen kehrt, über ihr „theatralisches“ jüngeres Ich spricht, das „mental am Arsch war“. Madeline Juno lässt tief blicken oder wie sie es an diesem Abend formuliert: „Ich liebs, euch zu offenbaren, wie es in meinem Kopf aussieht“. Da hilft es, dass das Wizemann überschaubar groß ist und sich gerade bei Songs, die sie allein oder nur mit ihren Gitarristen Joschka Bender und Wieland Stahnecker auf der Bühne sitzend performt, wie ein zu groß geratenes Wohnzimmer anfühlt.
Die 30-Jährige hat in ihrer Karriere sieben Alben veröffentlicht. Am Donnerstagabend präsentiert sie einen Querschnitt davon – von ihrem allerersten Song „Error“, über den auf Spotify gar nicht verfügbaren Publikums-Liebling „Herzchen“ bis zu den neuesten Singles. Dabei hört man letzteren nicht an, dass sie erst vor einer Woche erschienen sind. Der Text sitzt – und der Text bewegt. Manche zu Tränen. Und damit sind nicht die Glitzertränen gemeint, die viele Fans im Gesicht tragen. „Es gibt eine Person für die ich alles machen würde“, erzählt sie über den Hintergrund von „Pakt“. Sie habe hilflos mit ansehen müssen, wie es dieser Person über Jahre schlecht gegangen sei. Sie singt: „Ich schließ einen Pakt mit dem Schicksal ab, dass deine Sorgen auf mich gehen und ich dir deinen Schmerz wegnehm“.
Plötzliches Disco-Feeling im Wizemann
Wer glaubt, Musik von Madeline Juno ist nur für Fans von kniefreundlichem Hin- und Herwiegen und melancholischen Balladen, hat nicht mit ihrer Version von „Schlimmster Mensch der Welt“ und „Anomalie“ gerechnet. Mit ordentlich Stimmung heizt die Band dem Publikum ein, erhöht das Tempo, baut elektronische Elemente für das Disco-Feeling ein.
Wider Erwarten ist Madeline Junos Publikum gut durchmischt – altersmäßig aber auch von der Geschlechterverteilung. Um einfach mitgeschleppt worden zu sein, tragen zu viele Männer Band-T-Shirts. Zu viele kennen die Texte oder fühlen sich jubelnd angesprochen, als es um Fans geht, die schon lang dabei sind. Einer von ihnen ist Leon. Er hat das Los gezogen, mit dem er eine von zehn Ukulelen gewinnt, die Madeline Juno selbst zusammengebaut, gebeizt, beklebt und beschriftet hat. Es ist eine von vielen Ideen, mit der die Sängerin ihrer Show einen persönlichen Stempel aufdrückt. Darüber hinaus versteckt sie selbstgebastelte Schlüsselanhänger im Merch und vor jedem Auftritt zwei Konzertkarten in der Umgebung der Location.
Madeline Juno singt von Selbstzweifeln, gescheiterten Beziehungen, von Depressionen und dem Missachten eigener Grenzen. So schmerzhaft die Zeilen sein mögen, der Gedanke hinter dem Name ihres Albums und ihrer Tour ist ein schöner: „Ich war lange Zeit sehr traurig und ich bin heute – und das ist die Anomalie – glücklicher denn je in meinem Leben.“
Madeline Junos Setlist in Stuttgart
- Mediocre
- Hab ich dir je gesagt
- Obsolet
- Reservetank
- Vor dir
- Lovesong
- Homescreen
- Vorsicht zerbrechlich
- Gib doch nach
- Nicht ich
- Schlimmster Mensch der Welt
- Anomalie
- Herzchen
- Vermisse gar nichts
- November
- Tu was du willst
- Center Shock
- Pakt
- 99 Probleme
- Wärst du mir nie passiert
- Butterfly Effect
- Lass mich los
- Error